Berlin / Von André Bochow 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gedenkt Deutschland des Tages der Befreiung. Als Befreite haben sich die Deutschen spät empfunden. Von André Bochow

Das Gespräch mit Museumsdirektor  Jörg Morré findet im historischen Saal des Deutsch-Russischen-Museums in Karlshorst statt. Hier, in einem ehemaligen Wehrmachts-Offizierskasino  wurde am 8. Mai 1945 nach der Zeremonie in Reims noch einmal die bedingungslose deutsche Kapitulation unterschrieben. Die geplanten Feiern aus diesem Anlass fallen aus. Und auch die gerade eröffnete Ausstellung „Von Casablanca nach Karlshorst“ ist bislang nur im Internet zu besichtigen.

Herr Morré, warum  eine Ausstellung über die letzten beiden Kriegsjahre?

Jörg Morré: Bei der Konferenz von Casablanca im Januar 1943 wurde das Kriegsziel der Alliierten formuliert. Es lautete: Bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht. Und in Casablanca wurde die Anti-Hitlerkoalition geschmiedet, die aus den USA, Großbritannien und der Sowjetunion bestand.

Aber es haben sich nur der US-Präsident Roosevelt und der britische Premier Churchill getroffen. Stalin war nicht dabei.

Das stimmt. Die Kämpfe um Stalingrad waren noch im Gange, da wollte Stalin nicht das Land verlassen. Aber das gemeinsame Kriegsziel wurde von ihm unterstützt. Hier in Karlshorst wurde dieses Ziel dann erreicht.

Ging es nicht auch darum, dass Roosevelt und Churchill sich sorgten, dass Stalin sich irgendwie mit Hitler verständigen könnte?

Diese Verdächtigungen waren ständige Begleitmusik dieser Jahre. Aber man muss bedenken: Die Sowjetunion führte den Krieg damals allein. Im Herbst 1941 wurde für das Frühjahr 1942 die zweite Front im Westen versprochen. Nach dem Sieg in Stalingrad, der keineswegs selbstverständlich war, kam die zweite Front auch nicht. Und da war Stalin tatsächlich versucht, zu verhandeln. Ohne Erfolg. Als die Westfront 1944 kam, war die Wehrmacht im Osten militärisch so weit geschlagen, dass sie zu einer Offensive nicht mehr fähig war.

Auf einem Foto aus den Tagen des Kriegsendes, sieht man auf einer Hauswand den Satz „Berlin bleibt deutsch“. War das typisch? Wie haben die Deutschen auf die Niederlage reagiert?

Sie haben sie jedenfalls auf keinen Fall als Befreiung empfunden. Die Durchhalteparolen waren allgegenwärtig. In den letzten Kriegstagen wurden zahllose Menschen umgebracht, die sich kampflos ergeben und für sich den Krieg beenden wollten. Ein anderer Aspekt sind die unzähligen Selbstmorde.

Aus Angst vor Rache?

Ja, aber vor allem wegen des festen Glaubens, dass nach dem sogenannten Dritten Reich nichts mehr kommen kann, nahmen sich in unzähligen Dörfern und Städtchen, die von der Roten Armee eingenommen wurden, Menschen das Leben. Es herrschte eine apokalyptische Stimmung und nicht etwa ein Aufatmen, weil Krieg und Diktatur überwunden waren.

Und die sowjetischen Soldaten haben dazu beigetragen, dass diese Stimmung eine Weile anhielt.

Es entlud sich eine fast ungebremste Gewaltwelle auf die deutsche Zivilbevölkerung. Viele sowjetische Soldaten hatten Entsetzliches während der Befreiung