Berlin / Michael Gabel Potenzielle Opfer sind während der Pandemie ihren Peinigern schutzlos ausgeliefert. Experten mahnen deshalb zu mehr Wachsamkeit. Von Michael Gabel

In erzwungener Isolation gemeinsam mit dem Peiniger in einer Wohnung – Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs durchleben während der Corona-Pandemie besonders schwere Zeiten. Der Präsident des Bundeskriminalamts (BKA), Holger Münch, äußerte sich deshalb besorgt über die Lage potenziell gefährdeter Kinder. Zwar seien bei den Behörden während der Krise bisher nicht mehr Hinweise auf Gewalt und Missbrauch in Familien eingegangen als sonst. Er gehe aber fest davon aus, dass „Isolation und Stressfaktoren wie Beengtheit, Existenzangst oder Spannungen“ zu einer Zunahme von Gewalt gegen Kinder führten, betonte Münch.

Das ohnehin große Dunkelfeld bei solchen Taten sei wegen der Kontaktbeschränkungen derzeit noch schwerer zu durchdringen als sonst, erläuterte der BKA-Chef. Derzeit stünden gefährdete Kinder nämlich kaum noch in Kontakt mit Erziehern, Lehrern oder Kinderärzten. Damit fehle es an Menschen, die von außen einen Blick in die Problemfamilien werfen, beziehungsweise an die sich Kinder und Jugendliche in Notsituationen wenden können. Die aktuellen Zahlen über gemeldete Fälle von Kindesmissbrauch oder Gewalt gegen Kinder seien deshalb „mit größter Vorsicht“ zu interpretieren. An Mitarbeiter von Schulen und Kindertagesstätten appellierte Münch, „trotz physischer Distanz aufmerksam zu bleiben und sich bei einem Verdacht an die Behörden zu wenden“.

Sexuelle Gewalt gegen Kinder hat in den vergangenen Jahren so stark zugenommen, dass der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, am Montag von einer anderen Art der Pandemie  sprach. „Wir befinden uns in einer Dauerkrise – sowohl in Deutschland als auch weltweit“, betonte er. Rörig äußerte die Befürchtung, dass viele Kinder in Not allein deshalb nicht die bestehenden Hilfe-Hotlines anrufen können, „weil sie momentan im Extremfall rund um die Uhr mit ihrem Peiniger zusammen sind“.

Giffey für Lockerungen

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) geht ebenfalls von einer Zunahme von Gewalt gegen Kinder in der Corona-Krise aus. „Dass derzeit kein Anstieg der Fallzahlen zu Gewalt und Missbrauch in der Familie registriert wurde, bedeutet nicht, dass da nichts ist“, sagte Giffey. „Im Gegenteil: Es ist davon auszugehen, dass das Hellfeld verengt ist und sich das Dunkelfeld ausweitet.“ Deshalb setze sie sich als Familienministerin für schrittweise Lockerungen ein: „Wenn Kinder wieder in Kitas, Schulen und Jugendeinrichtungen gehen, wo sie Ansprechpartner außerhalb der Familie haben, wächst die Möglichkeit, auf Kinderschutzfälle aufmerksam zu werden“, sagte Giffey.

Auch im vergangenen Jahr hat die Zahl der Fälle sexuellen Kindesmissbrauchs im Vergleich zum Vorjahr wieder deutlich zugenommen, und zwar um neun Prozent auf insgesamt etwa 16 000. Das ergibt sich aus einer Sonderauswertung der Polizeilichen Kriminalstatistik, die Münch und Rörig am Montag vorstellten. Noch deutlicher stieg die Zahl der von der deutschen Polizei bearbeiteten Fälle von Kinderpornografie – um 65 Prozent auf 12 260. Dies ist laut Münch auf die stark gestiegenen Bearbeitungskapazitäten bei den Straf- und Justizbehörden der Länder zurückzuführen. Immerhin gab es auch eine gegenläufige Entwicklung zu vermelden: Die Zahl der vorsätzlichen oder fahrlässigen Tötungen von Kindern sank von 136 auf 112. In Baden-Württemberg stieg die Zahl der Fälle von Kindesmissbrauch im Jahresvergleich um 18 Prozent auf 1530.

US-Hilfe für deutsche Ermittler

Im Kampf gegen die Herstellung und Verbreitung von Kinderpornografie nutzen deutsche Ermittler die Meldungen der halbstaatlichen US-Organisation National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC). Sie arbeitet mit den großen, in den USA ansässigen Internetkonzernen wie Google, Facebook und Microsoft zusammen. Diese scannen ihre Datenströme und sind verpflichtet, Verdachtsfälle an das NCMEC zu melden, das dann mit den nationalen Behörden kooperiert.

Die Zahl der von
NCMEC gemeldeten Verdachtsfälle mit Bezug zu Deutschland lag dabei mit 62 000 niedriger als im Vorjahr. 2018 waren es noch etwa 70 000.

Von diesen führten dann rund 21 600 zu Ermittlungen durch die Polizei. Die in der Polizeilichen Kriminalstatistik genannten 12 260 Fälle wurden mit Übergabe an die jeweiligen Staatsanwaltschaften abgeschlossen. afp