» strukturellen Ursachen zusammen – ganz egal, ob Trump oder Biden die Wahl gewinnt. Wenn eine aufstrebende Macht dabei ist, die bisherige Nummer 1 zu überholen, dann steigen die Spannungen.

Rückblickend war es ein Trugschluss der USA, zu denken: Wenn China seine Wirtschaft reformiert, wird es sich früher oder später auch politisch öffnen.

Das klingt sehr naiv für mich! Wieso sollte ein Land wie die USA mit nicht mal 250 Jahren Geschichte und dem Viertel der Bevölkerung denken, dass es China ändern kann – und nicht umgekehrt. Da kommt eine gewisse Arroganz durch.

Man könnte meinen, Sie sind der Demokratie gegenüber nicht besonders freundlich eingestellt.

Ich glaube nach wie vor, dass jede Gesellschaft irgendwann demokratisch wird. Der beste Weg für China ist ein innerer Weg. Je weniger Druck von außen, desto besser für China.

Das bedeutet ja, dass die Staatengemeinschaft stillschweigend zuschauen soll, wenn Chinas Regierung Menschenrechtsverletzungen begeht?

Natürlich sollte man Menschenrechte fördern. NGOs und internationale Institutionen sollten Vergehen kritisieren. Wenn Staaten das jedoch tun, dann hegen sie immer eine Doppelmoral. So kritisiert die EU jedes Land für seine Foltervergehen – bis auf die Vereinigten Staaten. Siehe Guantanamo!

Wer soll entscheiden, wann ein Land reif für Demokratie ist? Taiwan ist seine autokratische Führung losgeworden, Südkorea ist eine lebhafte Demokratie.

Welches Land war denn der größte Unterstützer des einstigen südkoreanischen Diktators? Die USA! Südkorea hat sich gewandelt – vom Innern heraus. Und wieso? Weil der damalige Diktator Park Chung-hee für Bildung und Wohlstand gesorgt hat. Wenn es eine große Mittelschicht gibt, dann wird diese auch für Änderungen sorgen.

Jetzt klingen aber Sie naiv, wenn Sie dieses Szenario auch für China prognostizieren.

Ich habe 1980 das erste Mal China besucht. In Peking gab es damals keine Hochhäuser, ja nicht mal wirklich Autos. Die Leute konnten nicht ihre Kleidung wählen, geschweige denn Wohnort oder Studium. Kein Chinese konnte ins Ausland reisen. Nun schauen Sie sich das jetzige China an! Jedes Jahr gehen etwa 300 000 chinesische Studenten an amerikanische Universitäten. Aus der Perspektive des chinesischen Volks haben die vergangenen 40 Jahre eine größere Verbesserung der Lebensqualität gebracht als die vergangenen 4000 Jahre.