swp

des eigenen Landes gesehen.  Zudem wurde von der militärischen und politischen Führung lange Zeit regelrecht gegen die Deutschen gehetzt. Auf der anderen Seite gibt es viele Schilderungen ausgesprochen menschlichen Verhaltens von Soldaten der Roten Armee.

In Westdeutschland wagte Richard von Weizsäcker erst 1985 vom Tag der Befreiung zu sprechen. Ist die Formulierung heute Allgemeingut?

Ich denke ja. Der Begriff Befreiung wird mittlerweile von den meisten Deutschen angenommen. Allerdings ist neues Misstrauen entstanden. Das hat mit der Politik Putins zu tun.

Weizsäcker hat damals auch gesagt, der 8. Mai wäre für die Deutschen kein Tag zum Feiern. In Berlin ist er in diesem Jahr ein Feiertag. Wie finden Sie das?

Gut. Auch wenn der Tag aus einer gewissen Verlegenheit der Berliner auf der Suche nach einem Feiertag gewählt wurde. Es wurde ja am Ende der 8. März und nur einmalig in diesem Jahr der 8. Mai. Aber es passt zum Gedenken an das Kriegsende vor 75 Jahren und vielleicht wird das Beispiel dazu führen, noch einmal darüber zu diskutieren, ob man nicht doch den 8. Mai zum Feiertag machen sollte; eventuell gar bundesweit.

Es scheint so, dass nach wie vor der 8. Mai in Ostdeutschland eine größere Beachtung findet als in Westdeutschland.

Das hat sicher damit zu tun, dass der 8. Mai in der DDR viel präsenter war. Mit dem Datum konnte man die Fiktion verbinden, dass das antifaschistische Ostdeutschland praktisch im Nachhinein auf die Seite der Sieger gewechselt habe. Zudem war die sowjetische Siegermacht in der DDR mit ihrer Armee, die den Sieg über den Faschismus immer und immer wieder betonte, allgegenwärtig. Auf diese Weise blieb auch für die DDR-Bevölkerung die Erinnerung an den Krieg lebendig.

Nimmt Russland Einfluss auf die Ausstellungen im Museum? Müssen Sie russische Befindlichkeiten Rücksicht nehmen?

Es gibt einen wissenschaftlichen Beirat, der von fünf deutschen und von fünf russischen Kollegen besetzt ist. Alle nehmen Einfluss und ja, wir nehmen auch Rücksicht. Nur durch einen rücksichtsvollen Umgang, gibt es ein partnerschaftliches Miteinander. Allerdings wird die Rücksichtnahme im Moment sehr strapaziert.

Zur Person

Jörg Morré, Jahrgang 1964, studierte Geschichtswissenschaften, Russistik und Erziehungswissenschaften in Berlin und Hamburg. In Bochum promovierte er in osteuropäischer Geschichte. 1996 wurde er Mitarbeiter an den Gedenkstätten Sachsenhausen und Bautzen, 2009 Direktor des Deutsch-­Russ­ischen Museums Berlin-Karlshorst.