Berlin / Hajo Zenker/NBR Die Politikerin Manuela Schwesig teilt das Schicksal tausender Frauen – die meisten Patientinnen überleben mittlerweile, weil die Erkrankung immer früher erkannt wird. Von Hajo Zenker

Manuela Schwesigs Stimme zittert nur ganz leicht. Nur wer sie öfter gesehen oder gehört hat, merkt ihr an, dass sie etwas sehr Persönliches mitzuteilen hat. „Heute ist ein bewegender Tag für mich“, beginnt sie. Am Ende ist klar: Die Ministerpräsidentin von Mecklenburg-Vorpommern hat Brustkrebs und legt ihre SPD-Parteiämter im Bund nieder.

Krebs: Keine andere Diagnose sorgt für mehr Angst – zwei von drei Deutschen fürchten sie. Eine halbe Million Frauen und Männer erhalten diese Nachricht im Jahr. Bei Frauen werden vor allem Brust- und Darmkrebs festgestellt, bei Männern Prostata- und Lungenkrebs. Und die Zahlen steigen. Für 2020 erwartet das Robert Koch-Institut zusätzliche 20 000 Fälle. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) geht für 2030 von fast 600 000 Krebsdiagnosen aus.

Tumorerkrankungen sind in den Industrieländern bei Menschen im Alter von 35 bis 70 Jahren mittlerweile die häufigste Todesursache. In Deutschland sterben jährlich 18 000 Frauen an Brustkrebs, 30 000 Männer an Lungenkrebs. Fast jede zweite Erkrankung geht tödlich aus. Immerhin: Seit Anfang der 90er-Jahre geht die Krebssterblichkeit zurück. Etwa die Hälfte aller erwachsenen Patienten können geheilt werden.

Beim Mammakarzinom, also dem Brustkrebs, sind zehn Jahre nach der Diagnose noch mehr als 80 Prozent der Patientinnen am Leben. Trotzdem geht es der Politik im Kampf gegen den Krebs zu langsam voran. Spahn hat bereits vor einigen Wochen klargemacht: Es sei wichtiger, den Krebs zu besiegen, als neue Pläne für eine Mondlandung zu schmieden. Die Regierung will möglichst viele Krebsneuerkrankungen verhindern und die Früherkennung verbessern.

Am Dienstag gab die Bundesregierung zusammen mit dem Deutschen Krebsforschungszentrum und der Deutschen Krebshilfe die Gründung eines Nationalen Krebspräventionszentrums bekannt. Das soll helfen, die Deutschen besser über Faktoren aufzuklären, die das Krebsrisiko erhöhen. Denn nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lassen sich etwa ein Drittel aller Krebserkrankungen auf Lebensstilfaktoren wie Tabak- und Alkoholkonsum, ungesunde Ernährung oder zu wenig Bewegung zurückführen. Zusammen mit Vererbung und Umwelteinflüssen können sie dafür sorgen, dass nach Genmutationen Zellen anfangen, unkontrolliert zu wachsen und nach und nach gesundes Gewebe zu verdrängen.

Allerdings: Brustkrebs „kann jede Frau treffen – selbst wenn sie gesund lebt und Risikofaktoren wie Rauchen, Bewegungsmangel oder Übergewicht vermeidet“, weiß Frauenärztin Karin Bock, Leiterin des Referenzzentrums Mammographie Südwest, das sich um Früherkennung von Brustkrebs per Röntgenuntersuchung in Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und dem Saarland kümmert. Auch Ulrike Nitz, Chefärztin des Brustzentrums Niederrhein, betont: „Schützen kann man sich vor Brustkrebs nicht.“ Eine wirkliche Prävention sei nicht möglich.

Eine von acht Frauen erkrankt im Laufe ihres Lebens am Mammakarzinom. Jede zehnte Frau ist laut Deutscher Krebshilfe noch keine 45 Jahre alt, jede vierte Betroffene jünger als 55 Jahre. Experten vermuten, dass viele davon erblich vorbelastet sind, also schädlich veränderte Gene in sich tragen, die dann den Tumor entstehen lassen.

Was wenige wissen: Jeder 100. Brustkrebsfall ist ein Mann. Auch hier gebe es für die optimale Versorgung „eine große Wissenslücke“, sagt Gerd Nettekoven, Chef der Krebshilfe. Mehr Forschung tut also dringend Not. Allerdings betont Michael Baumann, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Krebsforschungszentrums, ist das Mammakarzinom „schon sehr viel besser behandelbar als noch vor Jahrzehnten“. Auch wenn Brustkrebs weiterhin bedrohlich sei, lasse er sich sehr gut behandeln, weil er bei uns zumeist in einem frühen Stadium entdeckt werde. Die Kombination aus Operation, Bestrahlung und Medikamenten, heutzutage individuell zugeschnitten, zeige „sehr gute Ergebnisse“.

Ulrike Nitz betont ebenfalls: „Die meisten Frauen bekommt man wieder gesund. Brustkrebs hat trotz der zunächst bedrückenden Diagnose an Schrecken verloren.“ Und daraus schöpft denn wohl auch Manuela Schwesig ihre Zuversicht, „dass ich wieder gesund werden kann“.

Betroffene Politiker

Lange Zeit galt es für aktive Politiker als Zeichen von Schwäche, eine Erkrankung einzuräumen. Das hat sich geändert. 2010 etwa wurde bei Wolfgang Bosbach Protatakrebs diagnostiziert. Der Krebs streute und die Ärzte machten ihm wenig Hoffnung. Der CDU-Innenpolitiker entschied sich, darüber zu sprechen: „Ich muss mich für den Krebs in mir nicht entschuldigen.“

Auch der Thüringer CDU-Chef Mike Mohring ging offensiv mit seiner Krebserkrankung um, postete dazu ein Video auf Facebook und erklärte etwa ein dreiviertel Jahr später auch seine Genesung – über die Art der Erkrankung schwieg er jedoch.

Schwesigs Vorgänger im Amt, Erwin Sellering, hatte wegen Lymphdrüsen-Krebs im Mai 2017 sein Amt niedergelegt und sich einer Behandlung unterzogen.

Im Amt blieb Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), bei dem ein Hautkrebs festgestellt worden war. Er unterzog sich einer Strahlentherapie und sagte im Mai: „Wie es jetzt weitergeht, weiß man natürlich noch nicht, aber bis jetzt war die Behandlung erfolgreich. Das motiviert mich, weiterzumachen.“ gwb