Drei Fahnen, zwei freundliche Gesichter und ein Händedruck für die Kameras. Es ist Tag eins nach dem CDU-Beben, und die Demnächst- nicht-mehr-Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer empfängt als Immer-noch-Verteidigungsministerin Besuch aus Israel: Parlamentspräsident Yuli Edelstein.

Und auch die zweite Hauptfigur im christdemokratischen Drama, Angela Merkel, ging am Dienstag ihren Regierungsgeschäften nach. In einem Telefonat mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selensky widmete sich die Kanzlerin einem Problem, das sie schon weit länger beschäftigt als die Nachfolge-Frage: dem Krieg in der Ostukraine. Die deutsche Regierungschefin und der ukrainische Präsident „vereinbarten, weiter in Kontakt zu bleiben“, hieß es danach.

Es soll also weitergehen – mit dem Konfliktlösen in der Ukraine ebenso wie mit Merkel als Kanzlerin. Die Frage „Wie lange noch?“ hängt allerdings seit der Rückzugsankündigung von Kramp-Karrenbauer wieder tief über dem Regierungsviertel. Und es ist gut möglich, dass die Antwort diesmal nicht mehr allein bei Merkel liegen wird.

Den vergleichsweise gemütlichen Zeitplan für die erneute Machtübergabe in der CDU, den AKK am Vortag skizziert hatte, hält jedenfalls kaum jemand in der Union für realistisch. Kramp-Karrenbauer hatte zwar keine konkreten Termine genannt, aber anklingen lassen, dass über Kanzlerkandidatur und damit auch Parteivorsitz womöglich wie ohnehin vorgesehen auf dem Parteitag Ende des Jahres in Stuttgart entschieden werden könnte. „Ich war die Parteivorsitzende, ich bin die Parteivorsitzende, und ich werde es auf absehbare Zeit auch bleiben“, hatte sie noch betont.

Zehn Monate Hängepartie – für viele in der Union ein Ding der Unmöglichkeit. Das muss „vor der Sommerpause entschieden werden“, drängte  CDU-Außenpolitiker Norbert Röttgen. Auch CSU-Chef Markus Söder, selbst erst nach quälendem Gezerre in seine Ämter gekommen, mahnte: „Es kann jetzt kein Dreivierteljahr irgendwelche Personaldiskussionen geben.“ Und CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt nannte in der ihm eigenen Deutlichkeit AKKs Zeitplan „abwegig“. „Krisenhafte Situationen bewältigt man nicht durch Zelebrieren der Krise, sondern durch Handeln“, setzte er hinzu.

Und in dieses Handeln dürfte die CSU eng eingebunden werden. Denn weil es in der CDU nicht nur um den Chefsessel, sondern zugleich auch um die Kanzlerkandidatur der Union geht, wird Söder, der eigene Ambitionen wacker bestreitet, ein Mitspracherecht haben. Zumindest indirekt werden also die Christsozialen aus Bayern in die Suche nach einem neuen Vorsitz für die Schwesterpartei eingebunden sein. Hinzu kommt: Eine erneute Basisentscheidung inklusive langwieriger und teurer Road-Show dürfte diesmal ausscheiden. Söder jedenfalls warnte vor einem „Schönheitswettbewerb“.

Noch mehr aber als die Fragen nach dem Wann und Wie dürfte die möglichen Interessenten die Frage umtreiben, wie ein erneutes Desaster diesmal vermieden werden kann. Womit sich der Blick wieder auf die Frau im Kanzleramt richtet. Welchen Anteil Merkel am Scheitern von AKK hat, wird in der CDU nicht erst seit Montag heftig und durchaus kontrovers diskutiert. Die Kanzlerin habe Kramp-Karrenbauer erstickt, sagen die einen, AKK sei an sich selbst gescheitert, die anderen. Der Historiker Paul Nolte interpretierte Merkels Voranschreiten in der Thüringen-Affäre in der „Welt“ sogar als „Fürsorglichkeit“ gegenüber der Parteivorsitzenden.

Experiment Doppelspitze

Dass aber das Experiment der Doppelspitze à la CDU gescheitert ist, lässt sich nicht mehr verhehlen. Kramp-Karrenbauer selbst hat das Konstrukt der Machtteilung zwischen Parteivorsitz und Kanzleramt öffentlich als Ursache ihres Misserfolgs gebrandmarkt. Es ist also schwer vorstellbar, dass ein Nachfolger nun frohgemut in dieselbe Falle tappt. Also doch ein vorzeitiges Ende der Kanzlerschaft Merkels, die immer zweierlei wollte: Einen Übergang in Würde und das Vollenden der gesamten vierten Amtszeit. Diese beiden Ziele miteinander zu vereinbaren, ist um einiges komplizierter geworden.

Neuer Ost-Beauftragter kommt aus Sachsen


Marco Wanderwitz (44), CDU-Bundestagsabgeordneter aus Sachsen, soll neuer Ost-Beauftragter der Bundesregierung und damit Nachfolger von Christian Hirte (CDU) werden. Dieser hatte sein Amt nach einem freudigen Kommentar zur Ministerpräsidentenwahl in Thüringen aufgeben müssen. Wanderwitz, bisher Parlamentarischer Staatssekretär im Innenressort, wo er für Bau- und Wohnungspolitik zuständig war, wird deshalb ins Bundeswirtschaftsministerium wechseln. Sein Thema seien gleichwertige Lebensverhältnisse in Ost und West beschrieb Wanderwitz seine Agenda. dpa