Stefan Kegel Bei der dreitägigen Münchner Sicherheitskonferenz, die an diesem Freitag beginnt, stehen die Krisen dieser Welt im Mittelpunkt. Einige davon spielen sich nur wenige Flugstunden von Berlin, München oder Stuttgart ab. Gelöst ist keine von ihnen. Was Deutschland und die EU dagegen tun – ein Überblick. Von Stefan Kegel

Libyen

Berlin–Tripolis: 2200 Kilometer

Der Konflikt: Nach dem Sturz des Machthabers Muammar al-Gaddafi durch eine westlich geführte Koalition im Jahr 2011 versank das Land im Bürgerkrieg. Die Kriegsparteien werden von unterschiedlichen Mächten mit Waffen und Soldaten unterstützt.

Warum das Deutschland betrifft: Libyen ist ein wichtiges Transitland für afrikanische Flüchtlinge, die übers Mittelmeer nach Europa kommen. Zerfällt der Staat ganz, werden kriminelle Schleuser die Routen verstärkt nutzen. Außerdem würde an der Südflanke der EU eine politisch unkalkulierbare Situation entstehen, die potenziell gefährlich sein könnte – je nachdem, wer die Oberhand gewinnt.

Was getan wird: Die deutsche Regierung lud Mitte Januar die Konfliktparteien sowie die meisten ihrer Unterstützer sowie Vertreter der UN und anderer Organisationen zu einer Libyen-Konferenz nach Berlin ein. Der UN-Sicherheitsrat nahm die Ergebnisse, zum Beispiel die Beachtung des bestehenden Waffenembargos und Verhandlungen über einen Waffenstillstand, am Mittwoch in eine Resolution auf. Noch gehen jedoch die Waffentransporte weiter. Am Sonntag berät Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) mit den Konfliktparteien am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz über weitere Schritte.

Türkei

Berlin–Ankara: 2000 Kilometer

Der Konflikt: Die Türkei hat 3,5 Millionen Syrien-Flüchtlinge aufgenommen – und will einen Teil von ihnen loswerden – in Richtung Europa oder nach Nordsyrien, das sie besetzt hält.

Warum das Europa betrifft: Ein Großteil der Flüchtlinge von 2015 und 2016 kam übers östliche Mittelmeer.

Was getan wird: Die EU hat im Rahmen des EU-Türkei-Abkommens sechs Milliarden Euro versprochen, 4,6 Milliarden sind bereits verplant.

Syrien

Berlin–Damaskus: 2800 Kilometer

Der Konflikt: Der Bürgerkrieg im Land tobt seit 2011. Durch die Einmischung Russlands steht Diktator Baschar al-Assad inzwischen vor dem Sieg. Die letzten Kämpfe toben um die letzte Hochburg der islamistischen Rebellen, Idlib. Diese ist zum Teil von der benachbarten Türkei besetzt.

Warum das Deutschland betrifft: Eine Eskalation in Idlib mit seinen mehr als drei Millionen Einwohnern könnte erneute Flüchtlingstrecks auslösen. Zudem steht das Nato-Mitglied Türkei vor einer militärischen Konfrontation mit syrischen und russischen Truppen.

Was getan wird: Deutschland arbeitet in der so genannten Small Group aus mehreren Ländern mit, die in dem Konflikt vermitteln wollen. Ihr Einfluss auf die Konfliktparteien ist jedoch begrenzt. Die abgezogenen US-Truppen im Norden mochte die EU nicht aus eigener Kraft ersetzen. Direkte Gespräche zur Beilegung des Konflikts leitete Russland zusammen mit Iran und der Türkei im so genannten Astana-Prozess ein. Inzwischen wurde unter Führung der Vereinten Nationen ein Verfassungsausschuss gegründet, der eine neue Verfassung für das Land ausarbeiten soll.

Israel

Berlin–Jerusalem: 2900 Kilometer

Der Konflikt: Die Palästinenser fordern einen eigenen Staat, Israel verlangt Sicherheitsgarantien.

Warum das Deutschland betrifft: Die Existenz Israels ist deutsche Staatsräson. Gleichzeitig unterstützt die EU die Palästinensische Autonomiebehörde mit mehreren Hundert Millionen Euro jährlich.

Was getan wird: Europa hat hier wenig Einfluss. Den jüngsten US-Friedensplan sieht die EU skeptisch.

Ukraine

Berlin–Kiew: 1200 Kilometer

Der Konflikt: Seit dem Kampf von prorussischen Separatisten im Jahr 2014 ist ein Teil der Ostukraine, das Donezbecken mit seinen großen Industriezentren, in deren Hand. Zudem hält Russland die ukrainische Halbinsel Krim besetzt.

Warum das Deutschland betrifft: Zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg wurden mit dem Konflikt durch militärische Mittel in Europa Grenzen verrückt. Deutsche EU-Nachbarn im Osten, Polen etwa, befürchten, dass Russland noch weiter gehen könnte.

Was getan wird: Das Minsker Abkommen, das den Konflikt beenden sollte, kam mit tatkräftiger deutscher Hilfe zustande. Allerdings ist es auch fünf Jahre später noch nicht vollständig umgesetzt.

Iran

Berlin–Teheran: 3500 Kilometer

Der Konflikt: Die USA haben das Atomabkommen mit dem Iran aufgekündigt, das ihn vom Bau von Nuklearwaffen abhalten sollte, und Sanktionen verhängt. Deshalb fährt der Iran sein Atomprogramm gerade wieder hoch.

Warum das Deutschland betrifft: Mit entsprechenden Raketen, die der Iran entwickelt, geriete auch Mitteleuropa in die Reichweite iranischer Atomwaffen. Zudem könnte der Iran solche Waffen heimlich weiterverbreiten. Andere Länder könnten dann auch Atomwaffen anschaffen wollen.

Was getan wird: Deutschland und seine Partner halten noch immer an dem Abkommen fest und wollen die in Gang gesetzte Streitschlichtung zunächst unbegrenzt weiterführen. Ihre Handelsplattform Instex, die ausfallende Geschäfte mit den USA kompensieren sollte, läuft noch nicht.

Irak

Berlin–Bagdad: 3300 Kilometer

Der Konflikt: Die vollkommene Niederschlagung der Terrormiliz „Islamischer Staat“ ist in Gefahr, seit die negative Stimmung gegen die internationalen Truppen zunimmt, die dort stationiert sind. Auch der Iran versucht, seinen Einfluss zu vergrößern.

Warum das Deutschland betrifft: Ein gescheiterter oder islamistisch beherrschter Irak oder ein Wieder-Erstarken des IS wäre ein Sicherheitsrisiko. Auch befinden sich deutsche Soldaten im Land.

Was getan wird: Die Bundeswehr bildet kurdische Einheiten aus. Zudem übernimmt sie Aufklärungsflüge und betankt Flugzeuge der internationalen Anti-IS-Koalition in der Luft. Dieses Mandat läuft Ende März aus.