Berlin / Dorothee Torebko, Igor Steinle, Dieter Keller Unternehmer und Spitzenpolitiker diskutieren über einen Kaufanreiz für Autos. Was spricht dafür, was dagegen? Von Dorothee Torebko, Igor Steinle und Dieter Keller

Corona hat die Autobranche massiv getroffen. Wochenlang stand die Produktion still, Automobilkonzerne meldeten Kurzarbeitergeld an und der Absatz brach ein. Schließlich wollten die wenigsten in dieser Zeit einen Neuwagen kaufen. Im März brachen die Neuzulassungen in Deutschland um 38 Prozent ein, im April dürfte der Einbruch noch größer sein. Deshalb haben Autohersteller, Vertreter des Branchenverbands VDA sowie der Gewerkschaften am Dienstag bei einer Videoschalte mit Kanzlerin Merkel Kaufprämien für Neuwagen diskutiert. Eine Entscheidung wurde aufgeschoben und soll erst im Juni fallen

Wirtschaft

Für die Autoprämie spricht: Der Leiter des Geislinger Instituts für Automobilwirtschaft (ifA), Stefan Reindl, ist einer der Befürworter der Prämie. „Es gibt keine Branche, die so einen Hebel hat wie die Automobilbranche. Sie hat verschiedene Wertschöpfungsstrukturen, bei denen man unterschiedliche Zweige erreicht“, sagte Reindl dieser Zeitung. Von dem „Hebel“ Prämie würden nicht nur die großen Automobilkonzerne wie Daimler, VW und BMW profitieren, sondern auch Zulieferer, Händler und Werkstätten. „Ohne Prämie wird die Wirtschaft wesentlich langsamer wieder in Schwung kommen“, sagt Reindl. Zudem dürfe man nicht außer Acht lassen, dass die Beschäftigten in der Automobilbranche gut verdienten und damit ein wichtiger Nachfrager für Konsumgüter seien.

Gegen die Prämie spricht: Ganz anders sieht das die Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Sie hat die Wirkungen der Abwrackprämie, die nach der Finanzkrise 2009 eingeführt wurde, untersucht. Ihr Ergebnis: Die Prämie war „rausgeschmissenes Geld“, eine neue Auflage kann die Absatzprobleme nicht lösen, schrieb Kemfert in einem Beitrag für den „Tagesspiegel“. Erstens könne niemand garantieren, dass Käufer sich Autos deutscher Hersteller zulegen. Zweitens sei die Prämie sozial ungerecht. Zwei Millionen Autokäufer hätten nach der Finanzkrise 2500 Euro geschenkt bekommen, finanziert von 27 Millionen Steuerzahlern. Nur ein Drittel der Bevölkerung könne sich überhaupt ein neues Auto leisten.

Drittens führe die Prämie zu Vorzieh- und Mitnahme-Effekten ohne die gewünschte konjunkturelle Wirkung. Viele zögen einen geplanten Autokauf nur vor, nach Auslaufen der Prämie breche der Verkauf ein. Reindl argumentiert hier jedoch: Natürlich sei mit einem Vorzieheffekt zu rechnen. Doch bereits die Finanzkrise habe gezeigt: Der Vorzieheffekt sei nicht so schlimm wie befürchtet. „Nach ein bis zwei Jahren hatte er sich auf ein normales Niveau nivelliert“, sagt Reindl.

Arbeitsmarkt

Für die Prämie spricht: Die Automobilbranche ist laut einer Unternehmensumfrage des Ifo-Instituts ganz besonders betroffen vom Kurzarbeitergeld. 94 Prozent der Firmen haben es beantragt, geht aus der aktuellen Umfrage hervor. Die Auto-Länder Bayern und Baden-Württemberg sind dabei am stärksten betroffen. „Kurzarbeit ist für die Betriebe eine Brücke über eine Zeit niedriger Umsätze. Sollten die Umsatzausfälle aber länger andauern, werden auch Arbeitsplätze ganz wegfallen“, erläutert Ifo-Leiter Klaus Wohlrabe.

Gegen die Prämie spricht: Die Automobilindustrie steht zwar viel im Rampenlicht. Aber sie ist mit 830 000 Beschäftigten längst nicht die Branche mit den meisten Arbeitnehmern. Der Maschinenbau hat über eine Million Mitarbeiter. Allein der Einzelhandel zählt über drei Millionen Mitarbeiter, darunter allerdings viele Teilzeitbeschäftigte und Minijobber.

So zeigt auch die Ifo-Instituts-Umfrage, dass nicht nur die Autoindustrie stark von Kurzarbeit betroffen ist. In der Luftfahrt fahren 91 Prozent der Betriebe Kurzarbeit, bei den Reisebüros und Veranstaltern sind es 90 Prozent. Deshalb sprach sich Maschinenbau-Präsident Carl Martin Welcker eindeutig gegen Kaufprämien für Autos aus. „Wir sollten nicht einzelne Branchen herauspicken“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“.

Und: „Einzelsubventionen für bestimmte Branchen halten wir generell nicht für zielführend“ – erstaunlich, weil die Automobilindustrie ein wichtiger Kunde für die Maschinenbauer ist. „Der Konsument soll entscheiden“, so Welcker – egal ob er einen neuen Kühlschrank oder ein Auto bevorzuge.

Umwelt

Für die Prämie spricht: Eine Abwrackprämie kann durchaus positive Folgen für die Umwelt haben. Das haben Experten des  Freiburger Öko-Instituts errechnet. Allerdings hängt ein solcher Effekt an ziemlich vielen Voraussetzungen. Denn ob die CO2-Emissionen mit einem neuen Fahrzeug in Betrieb und Herstellung tatsächlich sinken, hängt von der Differenz der Emissionen von Neu- und Altfahrzeug ab.

Das Freiburger Öko-Institut rechnet vor: Beim Ersatz eines Fahrzeugs, das 12 000 Kilometer pro Jahr gefahren wird, entstehen erst dann weniger Emissionen, wenn der Spritverbrauch des neuen Autos mindestens 30 Prozent unter dem des Altfahrzeugs liegt. Erreicht das neue Auto einen solchen Wert jedoch nicht, verursacht die Abwrackprämie aufgrund des hohen CO2-Ausstoßes in der Herstellung sogar mehr Treibhausgasemissionen, als sie einspart.

Wie die Krise die Wirtschaft bremst