Calw / Dominique Leibbrand Wiederholt ist die Eliteeinheit KSK wegen rechtsextremistischer Umtriebe in die Kritik geraten ist. Ein Besuch am Standort Calw. Von Dominique Leibbrand

Gut 50 Minuten dauert die Fahrt von Stuttgart nach Calw, erst über die Autobahn, dann über viele Landstraßen und an Kreisverkehren vorbei. In Kurven geht es in die Calwer Innenstadt hinunter. Das mit viel Fachwerk geschmückte Zentrum liegt in einem Tal, rundum eingekesselt von Schwarzwald-Bergen. Hermann-­Hesse-Stadt nennt sich die 23 500-Einwohner-Kommune selbstbewusst – nach ihrem berühmtesten Sohn.

Daneben waren die Calwer immer auf eine zweite Sache stolz: Standort für das Kommando Spezialkräfte (KSK) zu sein. Doch schon seit einiger Zeit bröckelt das Image der Elite-Truppe, die sozusagen die Speerspitze der Bundeswehr darstellt, gewaltig. Nach einer Serie rechtsextremer Vorfälle, inklusive angelegter Waffenlager und Partys, auf denen der Hitler-Gruß gezeigt und Rechtsrock gespielt wurde, hat Verteidigungsministerin Annegret Kram-Karrenbauer (CDU) angekündigt, das KSK grundlegend umzustrukturieren und teilweise auch aufzulösen. Dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) zufolge stehen 20 Soldaten unter Rechtsextremismus-­Verdacht. Im Verhältnis sind das fünfmal so viel wie in der gesamten Bundeswehr.

Ein Skandal, der seit Tagen auch in der Stadt diskutiert wird. „Bewiesen ist aber noch nichts“, sagt eine Bäckerei-Verkäuferin auf das KSK angesprochen mit verkniffener Miene. Sie wolle sich eigentlich nicht äußern und auch ihren Namen nicht in der Zeitung lesen. Zu sagen, dass die Elite-­Truppe falsch dargestellt werde, ist ihr aber dann doch ein Bedürfnis. „Ich kenne ein Mitglied des KSK, und da ist alles ganz anders, als es derzeit geschrieben wird.“ Die ganze Sache werde medial extrem aufgebauscht.

„Dass da die ganze Truppe unter Generalverdacht gestellt wird, das finde ich nicht gut“, sagt ein 76-jähriger Rentner, der mit seiner Frau auf dem nahen Marktplatz in der Sonne sitzt. „Das KSK und Calw gehören zusammen“, sagt der Senior. „Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach die paar Rechtsradikalen aussieben kann. So leiden alle.“

Im Straßenbild nicht sichtbar

Dass die Truppe, die am Stadtrand in der Graf-Zeppelin-Kaserne residiert, in Calw bleiben soll, findet zwar auch der Oberbürgermeister Florian Kling (SPD) – nicht nur, weil das KSK auch ein gewisser Wirtschaftsfaktor sei. Neben der kompletten Aufarbeitung der Geschehnisse gehört für ihn dazu jedoch eine Öffnung der Kaserne. Bislang bewegten sich die auf Geheimhaltung getrimmten KSK-Kämpfer eher wie Phantome im Ort. Früher seien Fallschirmspringer der Bundeswehr bei Festen auf dem Marktplatz gelandet, sagt Kling. Seit das KSK da sei, gebe es das nicht mehr. Das sei „wie eine Parallelwelt“, nach dem Motto: „die da oben auf dem Berg und wir hier unten im Tal.“ Die Männer lebten zwar mit ihren Familien in der Stadt oder den umliegenden Gemeinden, sie seien im Straßenbild aber nicht sichtbar.

Am Montagvormittag sitzt Kling mit der SPD-Chefin Saskia Esken, die ihren Wahlkreis in Calw hat, bei einer eilig einberufenen Pressekonferenz im Rathaus. Am Morgen haben die Parteigenossen die Kaserne besucht. Die Vorfälle beim KSK nennt Esken „alarmierend“. Welche Gefahr da von Rechtsextremisten ausgehe, die Zugang zu Waffen und Munition hätten und sich auf den Tag X vorbereiteten, lasse sich kaum in Worte fassen. „Es war richtig, dass die Annegret Kramp-Karrenbauer die Reißleine gezogen hat.“ Den Erhalt der Elite-Truppe stellt Esken grundsätzlich infrage: „Dass Spezialkräfte gebraucht werden, liegt auf der Hand. Ob aber das KSK in seiner Struktur erhalten bleiben kann, ist eine ganz andere Frage.“

Kling will sich derweil für eine engere Zusammenarbeit mit dem KSK einsetzen. Seit General Markus Kreitmayr 2018 das Kommando in der Kaserne übernommen habe, gebe es bereits Öffnungstendenzen. Ein Neujahrsempfang wurde eingeführt, die KSK-Soldaten fahren mittlerweile uniformiert Bahn. Man habe Vorschläge gemacht, um den Kontakt mit der Bevölkerung zu intensivieren, sagt Kling, der selbst Reservist ist. Vom gegenseitigen Austausch erhofft sich der OB mehr Erdung. „Das Leitbild des Staatsbürgers in Uniform – das ging da oben offenbar schief.“

Oben an der Kaserne hält ein Wachmann mit breiten Schultern und Zwirbelbart neugierige Journalisten freundlich aber bestimmt vom Grundstück fern. „Gleich kommt die Pressesprecherin“, kündigt er an. Ein Schrank von einem Mann mit seinem hundgewordenen Pendant joggt vorbei, nickt dem Wachmann zu. Beim KSK gibt’s auch Hunde? „Dazu darf ich nichts sagen“, sagt der Wachmann und lächelt hilflos. Die Pressesprecherin kommt, ist aber auch nicht befugt, Interviews zu geben. Man solle sich bitte ans Verteidigungsministerium wenden.

Rettung Deutscher aus Krisengebieten

Auftrag Zentraler Auftrag des KSK ist die Rettung Deutscher aus Kriegs- und Krisengebieten. Andere Aufgaben der Kommandosoldaten sind die Festnahme von Kriegsverbrechern und Terroristen, das Sammeln von Informationen in Krisengebieten, die Ausbildung verbündeter Streitkräfte und die Bekämpfung strategisch wichtiger Stellungen.

Stärke Im Jahr 1996 wurde das KSK gegründet. Die Truppe zählt rund 1640 Bedienstete in Uniform und in Zivil. In den kommenden zwei Jahrzehnten sind am Standort Calw Investitionen von 250 Millionen Euro geplant. dl/dpa