Wenn am Dienstag die neue Pisa-Studie erscheint, werden sich viele wieder fragen, woran es gelegen hat. Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, glaubt, dass eine entschiedenere Digitalisierung der Bildung helfen kann.

Herr Dräger, auch wenn die Pisa-Ergebnisse noch nicht bekannt sind: Glauben Sie, sie wären besser, wenn Deutschlands Schulen bei der Digitalisierung schon weiter wären?

Jörg Dräger: Deutschland würde sicher besser abschneiden, wenn die Individualisierung des Unterrichts schon weiter vorangeschritten wäre. Denn auch ohne Pisa wissen wir: Die Abgehängten sind hier besonders abgehängt, die Spitzen werden nicht so gefördert, wie wir uns das wünschen würden. Da kann Digitalisierung helfen.

Trotzdem schauen viele Eltern mit Skepsis auf die Digitalisierung.

Wir können die Eltern mitnehmen, indem wir klarmachen: Die digitale Bildungsrevolution ist eine pädagogische Revolution, keine technologische. Es geht ja nicht allein darum, alle Klassen mit Wlan und Tablets auszustatten. Da sagen viele Eltern zurecht, ihr Kind sitzt genug vorm Bildschirm. Stattdessen geht es darum, individualisiertes Lernen zu ermöglichen und Kindern die Kompetenzen des 21. Jahrhunderts zu vermitteln. Die Kinder heute sind unterschiedlich, besuchen aber die gleiche Klasse. Einige waren schon drei Mal auf einer Sprachreise zum Lernen, andere sind gerade aus Syrien geflohen. Mit dieser Heterogenität müssen Sie als Lehrer klarkommen. Und dafür ist Digitalisierung ein zentrales Hilfsmittel.

Müssen wirklich alle Kinder mit dem Computer umgehen können?

Blicken wir mal zurück: Hätten Sie vor ein paar hundert Jahren gesagt, dass alle Kinder lesen und schreiben lernen müssen, hätten viele entgegnet, es reicht doch, wenn es die Priester können. Heute stehen wir vor der Herausforderung, dass Computational Thinking in der Breite der Bevölkerung verankert sein muss, weil wir künftig mit intelligenten Maschinen leben und arbeiten.

Was heißt Computational Thinking?

Wir Menschen müssen lernen, wie wir mit intelligenten Maschinen zusammenarbeiten und wie diese im Grundprinzip funktionieren. Nicht alle müssen Programmierer werden. Aber genauso, wie wir lesen und schreiben können, brauchen wir ein Verständnis der fundamentalen Denklogik von Maschinen. Wir müssen ableiten können, was Maschinen leisten können und wo ihre Grenzen und Fehler sind. Es wäre sträflich, wenn wir alle den Maschinen blind vertrauen.

Wie weit ist diese Kompetenz schon verbreitet?

Bei Achtklässlern steht Deutschland im Bereich der Digitalisierung im Mittelfeld, beim Computational Thinking aber ganz am Ende. Aber auch Mittelmaß ist für ein hoch entwickeltes Land wie Deutschland nicht gut genug.

Dabei gelten die Digital Natives doch als besonders kompetent.

Digitalisierung zu konsumieren, ist einfach. Jeder kann sich ein Video angucken. Schon Dreijährige schaffen es, auf dem Tablet irgendwas einzutippen. Worüber ich spreche, ist, die Digitalisierung zu nutzen, um Neues zu erschaffen. Bin ich in der Lage, die Maschine zu steuern? Ihre Ergebnisse nachzuvollziehen? Hier hapert es in Deutschland in der Breite der Bevölkerung, bei Jüngeren genauso wie bei Älteren.

Was heißt das für die Nutzung von Smartphones an Schulen? Sollten die verboten werden?

Ein Smartphone-Verbot im Unterricht halte ich für falsch. Das gehört im Unterricht auf den Tisch als Teil des Lernens und nicht unter den Tisch. Die Lehrer entscheiden, wann es verwendet wird. Die Schüler müssen Nutzung und Nichtnutzung üben, denn das Smartphone ist ein fester Teil unseres Lebens. Wo sollen sie das lernen, wie man damit umgeht, wenn nicht in der Schule? Nicht allen Elternhäusern gelingt es, den angemessenen und sinnvollen Gebrauch zu vermitteln.

Wie verändert die Digitalisierung das Lernen selbst?

Digitale Lernmedien erleichtern individuelles Lernen. Lehrer können das jeweilige Kind dann besser ins Zentrum des Lernens stellen und müssen die Unterschiedlichkeit der Kinder nicht mehr länger als Problem wahrnehmen. Dann warten die Besten nicht mehr ständig, und die Schwächsten sind nicht mehr ständig überfordert.

Leute wie der Psychiater Manfred Spitzer argumentieren, dass der Nutzen von Digitalisierung noch nicht nachgewiesen werden konnte. Irrt er?

Spitzer scheint zu denken, Digitalisierung bestehe daraus, auf einen Bildschirm zu starren und Papier durch Monitore zu ersetzen. Dabei geht es nicht darum, dass künftig alles nur auf Tastaturen geschrieben wird. Es geht darum, Lehrern Zeit für das Wesentliche zu geben, weil bestimmte, sich wiederholende Aufgaben auch von einem Computer erledigt werden können. Der Lehrer braucht nicht immer wieder den Satz des Pythagoras erklären, wenn ein Lernvideo das besser kann. Der Lehrer kann sich in der Zeit um die persönlichen und sozialen Probleme des Schülers kümmern.

Schaffen die Lehrer das?

Sie müssen fortgebildet werden, wie sie den Unterricht stärker personalisieren und welche Hilfsmittel sie dabei unterstützen. Das interessiert die Lehrer auch brennend. Die meisten wissen ja, dass sie stärker individuell fördern müssen. Und dann würden wir auch bei Pisa noch besser abschneiden.

Experte für Bildung und Digitalisierung


Der frühere Hamburger Wissenschaftssenator Jörg Dräger ist zwar 2008 in den Vorstand der Bertelsmann-Stiftung gewechselt. Seinen Themen – der Bildung und der Digitalisierung – ist der 51-Jährige aber treu geblieben.

In diesem Jahr hat Dräger gemeinsam mit Ralph Müller-Eiselt das Buch „Wir und die intelligenten Maschinen“ herausgebracht, das anhand von Beispielen zeigt, wo Algorithmen über unser Leben bestimmen. Das Buch war für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis nominiert.