Ulm / Von Elisabeth Zoll Bischof Wiesemann über die Würde des Menschen, die Einschränkung von Grundrechten und Verschwörungstheoretiker in der katholischen Kirche. Von Elisabeth Zoll

Ein Reglement, das zu Grausamkeiten wie einem Sterben in erzwungener völliger Einsamkeit führt, ist unmenschlich.“ Das sagt Bischof Wiesemann, Vorsitzender der Glaubenskommission der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz. Gleichzeitig verteidigt er Einschränkungen während der Corona-Krise.

Derzeit werden Grundrechte gegeneinander in Stellung gebracht: Lebensschutz gegen Freiheitsrecht; Menschenwürde versus Lebensschutz. Was hat höchste Priorität?

Karl-Heinz Wiesemann: Das Grundgesetz ist der Würde des Menschen als höchstem Prinzip verpflichtet. Die Achtung vor der Würde des Menschen beinhaltet mehr als den Schutz seines Lebens. Sie findet ihren Ausdruck insbesondere auch in der Ermöglichung und im Schutz seiner Selbstbestimmung. Dennoch kommt dem Leben des Menschen eine fundamentale Bedeutung zu, insofern es Selbstbestimmung überhaupt erst möglich macht.

Kann der Schutz von Leben absolut gesetzt werden?

Der Staat, der der Würde des Menschen verpflichtet ist, steht in der Pflicht, das Leben des Menschen zu schützen. Er hat sich, soweit irgend vermeidbar, jeden Angriffs auf das Menschenleben zu enthalten und hat seine Entfaltung in Selbstbestimmung zu ermöglichen, soweit dies in seiner Macht steht.

Welcher Preis wäre vertretbar für Lebensschutz? Den der Isolation alter und vorerkrankter Menschen?

Die Situation, in der gerade alte und gebrechliche Menschen isoliert und einsam ihre Tage verbringen mussten, war unerträglich. Ich kann die Notlage nachvollziehen, die zu so drastischen Einschränkungen geführt hat, aber ich bin zugleich froh über jede Erleichterung, die hier bei aller Vorsicht möglich gemacht werden kann.

Wir nehmen in Kauf, dass Hochbetagte von ihren Familien abgeschnitten werden, viele einsam leiden und sterben. Ist das christlich?

Ich will nicht bezweifeln, dass es hier um komplexe Abwägungsfragen geht. Aber ein Reglement, das zu Grausamkeiten wie etwa einem Sterben in erzwungener völliger Einsamkeit führt, ist unmenschlich. Gerade im Angesicht des Todes muss es bei aller Prävention möglich sein, Menschen begleiten zu können.

In der christlichen Botschaft ist die Rede von einem „Leben in Fülle“. Was heißt das in dieser Zeit?

„Leben in Fülle“ als göttliche Verheißung steht der grundlegenden Gefährdung und Verletzbarkeit des menschlichen Lebens gegenüber. Diese Erfahrung zeigt sich momentan – und das ist das Besondere an der Krise – nicht nur individuell, sondern global als Verletzbarkeit aller Lebensbereiche. Das kann das Grundvertrauen ins Leben tief erschüttern. Hier entwickelt der Glaube an den Gott des Lebens seine Kraft. Die Gutheit und Schönheit des Lebens hat einen die Welt übersteigenden Grund. Und jeder noch so kleine, gelungene Augenblick gibt der Hoffnung und dem Mut, die Krise zu bestehen, neuen Aufschwung.

In vielen ethischen Debatten der vergangenen Jahre wurde Lebensschutz nicht so verabsolutiert wie in diesen Tagen, beispielsweise bei Debatten über Sterbehilfe oder auch im Streit um Schwangerschaftsabbrüche. Hat sich das Verständnis von Lebensschutz verändert?

Die Kirche wird seit vielen Jahren nicht müde, auf die Bedeutung des Lebensschutzes gerade da hinzuweisen, wo das Leben besonders gefährdet und schutzbedürftig ist: an seinem Anfang und seinem Ende. Es ist genau in dieser Konsequenz, wenn sie dem Schutz des menschlichen Lebens auch in dieser Pandemie-Situation einen sehr hohen Stellenwert einräumt.

Die Beschränkung von Grundrechten betraf in den vergangenen Wochen auch das Recht auf Religionsfreiheit. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass dieses von den Bischöfen diskussionslos hintangestellt worden. Warum?

Zweifellos war es für uns besonders zum Osterfest hin äußerst schmerzhaft, auf öffentliche Gottesdienste zu verzichten. Aber es ging hier nicht darum, ob wir uns vom Staat her vorschreiben lassen, ob Gottesdienste gefeiert werden. Die entscheidende Frage in der damaligen Situation war für mich, ob eine solche schwerwiegende Einschränkung vom Glauben selber her zu begründen ist – und zwar als wesentlicher Akt der Solidarität gerade mit den besonders Gefährdeten. Das ist in vielen Predigten und kirchlichen Kommentaren deutlich dargelegt worden. . .

Stieß aber auch auf Kritik . . .

Man kann im Nachhinein diskutieren, ob alle Maßnahmen des ersten Lockdown die einzig richtige Vorgehensweise darstellten. Uns allen aber waren die Bilder aus Bergamo und New York eindringlich vor Augen. Mein Bistum liegt an der Grenze zum Elsass. Dort hat sich die Epidemie maßgeblich auch durch ein religiöses Event so schnell ausgebreitet mit den bekannten dramatischen Folgen. Glaube und Vernunft sind keine Gegensätze, sondern gehören zusammen. Verantwortungslosigkeit ist kein sinnvoller Ausdruck von Freiheit jeder Art.

Nach Wochen der Solidarität überbieten sich Konzerne, Wirtschaftsverbände und Lobbyisten nun mit Forderungen an den Staat. Soll derjenige staatliche Hilfen erhalten, der am lautesten ist oder muss es ethische Kriterien beim Neustart geben?

Selbstverständlich muss immer wieder genau geprüft werden, welche Einschränkungen unbedingt nötig sind und wo Lockerungen sich vertreten lassen. Die Reihenfolge und das Tempo sind rational aus Sachgründen abzuleiten, und es ist darauf zu achten, dass vor allem diejenigen entlastet werden, die besonders betroffen sind. Wichtig ist auch, die zu treffenden Maßnahmen immer wieder neu transparent zu machen und zu erklären, warum sie für sachgerecht und erforderlich gehalten werden.

Philosophen diskutieren über die Grundlagen unserer Gesellschaft, auch Politiker wie Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble. Nur auf Seiten der Kirchen ist es merkwürdig still. Warum?

Eine Stille vonseiten der Kirche kann ich nicht wahrnehmen. Papst Franziskus hat eindringliche Zeichen gesetzt und Worte gesprochen. Die Vorsitzenden des Rates der EKD, der Orthodoxen und der Katholischen Bischofskonferenz haben erstmals ein gemeinsames Hirtenwort veröffentlicht. Die Bischofskonferenz hat zur drohenden Triage-Problematik Stellung genommen. Viele Bischöfe, Seelsorger und Theologen beteiligen sich an den gesellschaftlichen Diskursen. Nur gibt es gerade in solcher Krise keine einfachen und eindeutigen Lösungen. Man darf differenzierende Nachdenklichkeit nicht mit Stille verwechseln.

Verschwörungstheoretiker melden sich dafür derzeit auffallend laut zu Wort, auch innerhalb der katholischen Kirche. Kardinal Gerhard Ludwig Müller fabulierte jüngst über Kräfte, die mittels Corona eine Weltregierung schaffen wollen, jenseits aller Kontrolle. Was halten Sie davon?

Was laut ist, bestimmen ja nicht nur die, die sich zu Wort melden. Verschwörungstheorien sind ein irrationales Krisenphänomen, das man im Hinblick auf seine Ursachen und Einflussbereiche ernst nehmen muss, dem man der Sache nach aber nicht zu viel Aufmerksamkeit schenken sollte.

Zur Person

Karl-Heinz Wiesemann ist seit 2007 Bischof von Speyer. In der Deutschen Bischofskonferenz steht er an der Spitze der Glaubenskommission (seit September 2016) und ist Mitglied der Ökumene-Kommission. Die Jugend-­Kommission leitete er als Vorsitzender von 2011 bis 2016. Zudem war er Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK) auf Bundesebene (2013-2019). Bischof Dr. Karl-Heinz Wiesemann ist gemeinsam mit Dr. Claudia Lücking-Michel auch Vorsitzender des Forums „Macht, Partizipation und Gewaltenteilung“ beim Synodalen Weg der katholischen Kirche in Deutschland. In diesem Forum geht es auch um die Rolle von Frauen in der katholischen Kirche.