Berlin / Felix Lee   Joshua Wong bittet bei seinem Besuch um Unterstützung. Er zieht Parallelen zur deutschen Hauptstadt im Kalten Krieg.

Seit den ersten Regenschirmprotesten vor fünf Jahren ist Joshua Wong (22) das Gesicht von Hongkongs Demokratiebewegung. Zur Zeit ist er in Berlin.

Die chinesische Führung nennt Sie einen Separatisten. Wie fühlt sich das an?

Joshua Wong: Unser Anliegen ist klar: Wir fordern ein Ende der Polizeigewalt und wirklich freie Wahlen. Letzteres wurde bei der Rückgabe Hongkongs an China im Jahr 1997 völkerrechtlich zugesichert. Aber dieses Versprechen wird von Peking nicht erfüllt.

Ihr Ziel ist also nicht Hongkongs Unabhängigkeit?

Das habe ich nie gefordert. Peking versucht, sämtliche Aktivisten und Politiker, die sich für Freiheit und Demokratie einsetzen, als Separatisten zu brandmarken.

Fühlen Sie sich nicht bedroht, von einem so mächtigen Staat wie China kriminalisiert zu werden?

Mich überrascht nicht, dass der Sprecher des chinesischen Außenministeriums Stellungnahmen dieser Art formuliert. Das zeigt bloß, wie sehr die Führung in Peking internationale Unterstützung für Hongkongs Aktivisten fürchtet.

Würden Sie sich von mehr Ländern mehr Unterstützung wünschen?

Nachdem ich in Taiwan war und jetzt in Deutschland bin, werde ich weiter in die USA reisen. Ich hoffe, dass der Welt klar wird: Hongkong steht an vorderster Front im Kampf gegen autoritäre Unterdrückung. Der 1. Oktober wird für uns ein sehr kritischer Tag. Chinas Führung begeht den 70. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik.

Warum haben Sie für Ihr Anliegen Deutschland gewählt?

Nach dem Brexit und dem Chaos im Zuge des Handelsstreits zwischen China und den USA hat Peking ein Interesse daran, sich mit Deutschland zu befreunden.

Waren Sie enttäuscht, dass Merkel bei Ihrem Besuch vergangene Woche in Peking die Proteste nur erwähnt hat? War das ausreichend?

Sie hat ihre Sorge ausgedrückt. Das ist besser als nichts. Deutschland sollte aber mehr Druck ausüben und Gespräche über die Handelsbeziehungen mit China und Hongkong aussetzen, bis Menschenrechtsthemen auf die Tagesordnung gesetzt werden.

Sie vergleichen die Situation Hongkongs mit Berlin vor dem Mauerfall. Halten Sie diesen Vergleich für angemessen?

Beide Städte stehen an der Front eines Kampfs um Freiheit. Bei allen Unterschieden handelt es sich um Brennpunkte eines Konflikts entlang ähnlicher Linien. In beiden Fällen geht es um Unterdrückung oder Demokratie. Vor einem Jahr hätte ich das so noch nicht gesagt. Doch die Spannungen zwischen China und den USA sind Zeichen eines neuen Kalten Kriegs. Hongkong ist das neue Berlin. Felix Lee