Berlin / Von Dominik Guggemos Die Historikerin Ursula Büttner hält den Vergleich mit der Weimarer Republik teilweise für überzogen. Ein Gespräch über historische Parallelen und ihre Grenzen. Von Dominik Guggemos

Das politische Chaos in Thüringen hat die Debatte über die Stabilität der deutschen Demokratie neu angefacht. Immer wieder wird der Vergleich zur Weimarer Republik gezogen. Ursula Büttner ist Historikerin und hat 2008 das vielbeachtete Werk „Weimar: Die überforderte Republik 1918-1933“ veröffentlicht. Sie hält die Vergleiche für übertrieben, sieht aber auch Parallelen zu damals.

Frau Büttner, wie viel Weimar steckt in der Bundesrepublik im Jahr 2020?

Ursula Büttner: Pauschal würde ich sagen: nicht so viel. Es ist noch nicht besorgniserregend. Aber es gibt einzelne Ereignisse, die an die Vergangenheit erinnern – die mir Sorgen machen. Dazu zählt die Ministerpräsidenten-Wahl in Thüringen. Da hat mich einiges an die Weimarer Republik erinnert.

Zum Beispiel?

Im Januar 1930 wurde die NSDAP in Thüringen zum ersten Mal an einer Landesregierung beteiligt. Damals hatte sie nur elf Prozent der Stimmen. Rechtsliberale und Konservative wollten nicht mit der SPD koalieren. Dafür haben sie die NSDAP aufgenommen – ein Tabubruch. Auch damals hat man gedacht: Es gibt ja unterschiedliche Richtungen in der NSDAP. Wenn wir sie an der Regierung beteiligen, kann man die Gemäßigten stärken. Es gab die Vorstellung, die NSDAP zähmen zu können. Die Koalition hat dann eineinhalb Jahre gehalten, die Nationalsozialisten wurden salonfähig gemacht.

Björn Höcke hat für Thüringen eine Expertenregierung vorgeschlagen.

Die gab es in der Weimarer Republik häufig. Dahinter steckte ein sehr grundsätzliches Misstrauen gegenüber politischen Parteien – sie würden nur Zwiespalt in die Gesellschaft tragen, während Experten an der Sache orientiert seien. Das Resultat: Expertenregierungen haben in Weimar die schlimmsten Katastrophen hervorgerufen. Zum Beispiel hat die Regierung Cuno, des ersten parteilosen Reichskanzlers, durch ihre riskante Reparations- und Außenpolitik eine Hyperinflation mit all ihren verheerenden sozialen und politischen Auswirkungen extrem verschärft, sodass sich Deutschland im Herbst 1923 in einer schweren Staatskrise befand – mindestens so schlimm wie 1932. Allerdings hat Reichspräsident Friedrich Ebert die Notstandsinstrumente der Verfassung so benutzt, dass die Republik gerettet wurde.

Wie bewerten Sie Höcke?

Er ist ein Wolf im Schafspelz. Für mich ist es sehr eindeutig: Er vertritt rassistische und rechtsradikale Positionen, rudert aber heute noch zurück, um die Demokratie für seine Zwecke auszunutzen und an die Macht zu kommen.

Die Demokratie ausnutzen ist ein gutes Stichwort. Erkennen Sie da Parallelen zu Weimar?

Ja. In dem Sinne, dass Demokratie nur als Spiel betrachtet wird. Das entspricht voll dem, was wir von der NSDAP in Weimar gesehen haben. Goebbels nannte seine Abgeordneten nicht, wie damals üblich, MdR, also Mitglied des Reichstags, sondern verwendete die Abkürzungen IdI und IdF. Das bedeutete: Inhaber der Immunität und Inhaber der Freifahrkarte. Die Aussage dahinter: Uns ist das Abgeordnetenmandat nur wichtig, damit wir hemmungslos hetzen können – im gesamten Reichsgebiet.

Gibt es einen passenden Vergleich der Weimarer Parteien mit der AfD?

Ich würde die AfD zurzeit sehr stark mit der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP) vergleichen. Die hatte einen rechten konservativen Flügel, der nicht rechtsradikal, aber stark mit bestimmten Wirtschaftsinteressen verbunden war: der Großlandwirtschaft und der Schwerindustrie. Sie hatte aber auch einen radikalen völkischen Flügel – und ab 1928 hat dieser Flügel immer mehr den Kurs bestimmt.

Gauland: Natürlichste Sache der Welt

AfD-Fraktionschef Alexander Gauland hat in der Aktuellen Stunde im Bundestag den anderen Parteien schwere Vorwürfe gemacht. Es sei „die natürlichste und demokratischste Sache der Welt“, wenn ein demokratischer Abgeordneter von anderen Demokraten zum Regierungschef gewählt wird. Nicht normal sei es jedoch, das Ergebnis dieser Wahl rückgängig machen zu wollen. Gleichzeitig warnte Gauland die CDU davor, den Linken-Politiker Bodo Ramelow erneut zum ­Thüringer Minister­präsidenten zu wählen. SPD-Fraktionsgeschäftsführer Carsten Schneider rief die CDU hingegen auf, ihre bisherigen Abgrenzungsbeschlüsse zu überdenken. dpa