Berlin / Ellen Hasenkamp, Christina Sleziona Lichtspielhäuser Corona hat den Kinos weltweit auf doppelte Art und Weise zugesetzt. Die Pandemie hindert die Zuschauer am Besuch und eröffnet ihm gleichzeitig neue Möglichkeiten. Von Ellen Hasenkamp und Christina Sleziona

Seit Monaten nun schon wurde der silbern schimmernde Vorhang nicht aufgezogen. Die 550 Sessel sind leer, die Leinwand hat Pause. Verlassen wie das Kino International in Berlin liegen seit Corona die Lichtspielhäuser des ganzen Landes da. Für einige unter ihnen war das der Todesstoß: Das Berliner Traditionshaus „Colosseum“ musste ebenso Insolvenz anmelden wie das größte Multiplex-Kino im Südwesten, der UFA Palast in Stuttgart.

Nun soll allmählich wieder Leben in die Buden kommen, aber die Sorgen sind trotzdem groß. Die Branche hat mit mehr zu kämpfen als mit den Folgen einer Pandemie. Auch die Wiedereröffnungspläne fallen alles andere als glamourös aus. Die strengen Gesundheitsvorgaben stellen manche Betreiber vor schier unlösbare Aufgaben.

Steinmeier setzt ein Signal

Im Kino International war bereits Anfang vergangener Woche ein bisschen was los: Der Bundespräsident kam vorbei und wie fast immer, wenn Frank-Walter Steinmeier ein Termin besonders wichtig ist, brachte er auch seine Ehefrau Elke Büdenbender mit. Gemeinsam mit dem Produzenten und Regisseur Andreas Dresen und dem Vorsitzenden der Gilde deutscher Filmkunsttheater, Christian Bräuer, setzten sie sich im altmodischen Foyer unter die Kristalllüster. Das sollte vor allem ein Signal sein: Denn natürlich hätte sich auch im Schloss Bellevue ein Raum gefunden, aber Steinmeier wollte Aufmerksamkeit für seine Botschaft: „Kino ist Kultur“ und „Kultur braucht auch uns.“ Geld oder Gesetze zum Schutze der Filmkunst hat ein Staatsoberhaupt natürlich nicht dabei, das weiß auch Dresen. „Wir freuen uns einfach über das Interesse an unserer Branche“, sagt er nach der Begegnung. Ansonsten aber ist der Filmemacher („Halbe Treppe“, „Sommer vorm Balkon“) hauptsächlich besorgt um die hiesige Branche; die Kinos selbst, die mittelständischen Verleiher, die kleinen Produktionsfirmen. Er wünscht sich beispielsweise einen staatlichen Filmausfallfonds für Fälle, in denen sich wegen Corona eine Produktion verzögert.

Bräuer, der auch Geschäftsführer der Yorck-Gruppe ist, schaut wiederum mit Besorgnis auf die Wiedereröffnungspläne für Kinos. Er freut sich zwar, dass die Zwangsschließungen vorbei sind. Der Normalbetrieb sei aber für die meisten Häuser weiterhin undenkbar. Grund dafür sind die Abstandsauflagen, die für die meisten Kinos bedeuten, nur 20 Prozent der Plätze verkaufen zu können. „Davon kann man nicht leben“, sagt Bräuer.

Besonders harte Auflagen müssen Kinobetreiber in Rheinland-Pfalz erfüllen. Die Kinogäste dürfen ihre Masken in den Kinosälen nicht abnehmen. Essen und Trinken wird damit unmöglich – von dessen Verkauf sind die Kinos aber abhängig. „50 Prozent der Erlöse durch die Eintrittskarte werden an die Filmverleiher weitergegeben. Der Betreiber finanziert sich daher auch durch den Popcornverkauf“, erklärt Fabian Schauren, Geschäftsführer des Bundesverbands für kommunale Filmarbeit. Er sei daher nicht verwundert, dass viele Kinos nicht öffnen wollen. Mit den wenigen Einnahmen das Personal zu bezahlen, sei mitunter teurer als geschlossen zu bleiben.

Trotzdem könnte die Situation um einiges schlimmer sein, ist Gilde-Chef Bräuer überzeugt. „Es hätte bereits sehr viele Insolvenzen gegeben, wenn der Bund und die Länder nicht schnell gehandelt hätten.“ Zu Beginn des Lockdowns im März wurden mehrere Hilfsprogramme aufgesetzt, so konnten zunächst weiterhin Mieten gezahlt, Darlehen bedient, Mitarbeiter, Minijobber und Studenten versorgt werden. Auch im neuen Konjunkturpaket sind eine Milliarde Euro für die Kultur insgesamt und auch die Filmwirtschaft vorgesehen. „Ein entscheidend wichtiges Signal“, lobt Steinmeier, der von sich sagt, er sei ein „alter Kinogänger“.

Die Kinobetreiber investierten außerdem in neue Sicherheitsmaßnahmen. „Die Kinos mussten zum Beispiel das Kassensystem für die Kontaktverfolgung verbessern oder sich Plexiglasscheiben anschaffen“, sagt Bräuer. Wichtig sei nun auch das Vertrauen der Menschen, dass ihre Gesundheit im Kinosaal nicht stärker gefährdet sei als anderswo.

Eine weitere Voraussetzung gilt ganz unabhängig von Corona: gute Filme. Dass den Kinos die Blockbuster fehlen, ist für Andreas Heidenreich, Vorsitzender des Bundesverbands für kommunale Filmarbeit, ein großes Problem. Es sei aber auch kein überwindbares: „Die Kinos machen einfach mit den Filmen weiter, die im März frisch rauskamen. Also mit Filmen wie ‚Die Känguru-Chroniken‘ und ‚Die perfekte Kandidatin‘“, erklärt er.

„Die neuen Sehgewohnheiten“

Und dann sind da natürlich noch Streamingdienste wie Netflix, Amazon Prime, Disney+ und Co. So mancher hat sich womöglich in den vergangenen Wochen an den Filmgenuss auf dem heimischen Sofa gewöhnt. Die „neuen Sehgewohnheiten“, wie Steinmeier das nennt, setzen gerade den Arthouse-Kinos nicht erst seit Corona-Zeiten zu.

Heidenreich fürchtet aber kein allzu große Konkurrenz: „Die besteht vielmehr für Fernsehsendungen. Es wird immer Menschen geben, die Lust haben, auf einer großen Leinwand und in größerer Gesellschaft Filme zu erleben“, sagte er. Sein Kollege Schauren ergänzt: „Das Kino wird überleben – es hat die Videokassette und das Privatfernsehen in den 80er-Jahren überdauert, jetzt wird es auch das Streaming und die Corona-Krise überstehen.“