Wuhan/Peking / dpa Im Kampf gegen die Lungenkrankheit ergreift China harsche Maßnahmen. Die Zahl der Patienten steigt. Peking sagt große Veranstaltungen ab. Von Andreas Landwehr

Das Virus hat die Elf-Millionen-Metropole Wu­han in eine Sperrzone verwandelt. Es fahren keine Busse, keine Bahnen. Der Flugbetrieb ist eingestellt. An den Ausfallstraßen errichtet die Polizei Straßenblockaden. Millionen Menschen stecken fest, dürfen nicht raus. Sollen am besten nicht vor die Tür gehen – und wenn, dann nur mit Mundschutz. Sonst droht Strafe. Die drastischen Maßnahmen sollen eine weitere Ausbreitung der Lungenkrankheit verhindern. Die Straßen sind entvölkert, Märkte und Einkaufszentren wie leergefegt.

Die Abschottung ist eine beispiellose Maßnahme. „Das ist einmalig in der neueren Geschichte, sagte Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNITM).

Die Hauptstadt Peking hat als Vorsichtsmaßnahme alle größeren Veranstaltungen und Tempelfeste anlässlich des chinesischen Neujahrsfestes an diesem Samstag gestrichen, um Ansammlungen von Menschen zu vermeiden. Auch der Kaiserpalast ist dann für Besucher geschlossen.

In Wuhans Krankenhäusern gibt es einen Ansturm von Patienten mit Fieber und Atemwegserkrankungen. Ärzte und Schwestern, vermummt in Schutzanzügen, sind überfordert, müssen Kranke heimschicken, weil Betten fehlen.

„Die Lage ist sehr bedrohlich“, schildert Wu Chao, Manager einer Spirituosenkette in Wuhan, der sich große Sorgen macht. „Ein Freund, der im Krankenhaus arbeitet, rief mich gestern Abend an und riet mir, ganz schnell die Stadt zu verlassen, weil es wirklich sehr ernst werde.“ Sein Freund habe ihn gewarnt, dass sich die Krankheit jetzt erst so richtig ausbreite.

Die Stadtregierung habe anfangs Informationen verschwiegen, glaubt der Manager. Krankenhäuser hätten zu Beginn des Ausbruchs auch Kranke mit Fieber und Husten abgewiesen. „Solange sich der Patient noch bewegen konnte, wurde er nicht aufgenommen oder isoliert. Er wurde einfach nach Hause geschickt, wo er sich ausruhen sollte“, weiß Wu Chao zu berichten. Heute gehe in den Hospitälern die Angst um. „Es ist jetzt sehr ernst.“

Die ersten Infektionen Mitte Dezember werden auf einen Markt in Wuhan zurückgeführt, auf dem neben Fischen auch Wildtiere verkauft werden. Auch das Sars-Virus bei der Pandemie 2002/2003 kam aus der Tierwelt, wohl von wilden Schleichkatzen, die heute immer noch auf solchen Märkten als exotische Delikatesse verkauft werden – als ob die damalige Pandemie nie passiert wäre.

Damals wurden 8000 Menschen infiziert, fast 800 starben. Nun verbreitet sich wieder ein neuartiges Virus – in ganz China und mit Flugreisen auch ins Ausland. Mehr als 600 Infektionen sind chinaweit bereits erfasst, mindestens 17 Menschen starben.

Über Nacht verkündet die Stadtregierung, dass Wuhan, ein großes Industriezentrum und wichtiger Verkehrsknotenpunkt  Chinas, abgeriegelt wird. Am Donnerstag folgen die benachbarten Städte Huanggang, Ezhou, Chibi und Xiantao mit zusammen rund 20 Millionen Menschen.

„Ich sah es um fünf Uhr früh und war überrascht“, sagt Zhang Lin, Professorin der Wuhan Universität. „Das Reiseverbot hat mich etwas geschockt.“ Ihre Eltern waren nach Wuhan gekommen, um in der Provinzhauptstadt Arztbesuche zu machen. „Aber Krankenhäuser sind jetzt gefährliche Orte.“ Einfach flüchten und zurück nach Hause in die Nachbarprovinz Henan fahren könnten sie jetzt auch nicht mehr.

„Wir stecken in Wuhan fest und können die Stadt nicht verlassen“, sagt die Professorin. „Ich verstehe die Entscheidung, aber ich persönlich habe etwas Panik“, räumt Zhang Lin ein. Die Stimmung in der Familie sei schlecht – und das ausgerechnet vor dem chinesischen Neujahrsfest, das von Samstag an praktisch zwei Wochen lang gefeiert wird. dpa

Mehr Transparenz als bei der Sars-Pandemie

Mit seinen rund elf Millionen Einwohnern rühmt sich Wuhan als größtes Logistik- und Frachtverteilungszentrum im Landesinneren Chinas – mit Schnellstraßen, Hochgeschwindigkeitsbahnen und dem Wassertransport auf dem Jangtse-­Fluss. Obwohl fast 1000 Kilometer vom Meer entfernt, ist Wuhan auch für Hochseeschiffe erreichbar. Die fünftgrößte Stadt Chinas ist zugleich die Hauptstadt der Provinz Hubei.

Wie die Behörden mit dem Ausbruch der gefährlichen Krankheit umgegangen sind, wird kontrovers diskutiert. Bei allem Misstrauen herrscht weitgehend Einigkeit, dass es besser ist als bei der Sars-Pandemie 2002/2003, die zunächst über Wochen vertuscht worden war. Diesmal fließen die Informationen schneller, herrscht mehr Transparenz. dpa