Die meisten Menschen haben nur eine. Seymen (3) und Ensar (7) haben zwei. Türkisch sprechen sie mit Eltern und Großeltern. Deutsch in der Kita, in der Schule und mit Freunden. Zwischen ihren beiden Muttersprachen scheinen die Jungs problemlos hin und her zu springen. „Manchmal fahren wir in die Türkei und besuchen Oma und Opa“, erzählt Ensar auf Deutsch – um sich dann auf Türkisch ein bisschen mit dem Brüderchen zu zanken. „Ich bin schon drei und im Kindergarten“, sagt Seymen stolz, blättert in einem deutschsprachigen Kinderbuch und quengelt dann auf Türkisch. Seine Mutter soll mit ihm spielen.

„Unser Weg ist: Zuhause möglichst immer Türkisch, draußen konsequent Deutsch“, schildert Aslihan Bakkal (39), deren älterer Sohn Ensar noch dazu eine englischsprachige Kita besucht hatte. „Mehrsprachig aufzuwachsen ist ein Vorteil, eine Bereicherung. Die Kinder werden damit ja auch in zwei Kulturen groß.“ Genau das steht im Fokus des Internationalen Tags der Muttersprache am 21. Februar – die Förderung der sprachlichen und kulturellen Vielfalt.

Auf Schulhöfen in Deutschland kursieren insgesamt mehr als hundert Sprachen, sagt Stefanie Bredthauer vom Mercator Institut für Sprachforschung und Deutsch als Zweitsprache. Mitgebracht von Migranten über Jahrzehnte hinweg. „Man kann davon ausgehen, dass etwa ein Drittel der Schülerschaft zwei- oder mehrsprachig aufwächst.“ Es gebe je nach Stärke der Zuwanderungsbewegung regionale Unterschiede – NRW gehöre in puncto Sprachenvielfalt zu den Hotspots.

Aber mal von Sprachgenies abgesehen – hat ein Kopf bei normaler Kapazität Platz für zwei Muttersprachen, die fehlerfrei nebeneinander funktionieren?  Ist es nicht besser, sich auf eine Muttersprache zu konzentrieren?

Dieser Ansatz sei irgendwie typisch deutsch, findet Bredthauer. „Das Bildungssystem sollte die Mehrsprachigkeit viel stärker als Potenzial erkennen, nutzen und systematisch fördern.“ Nachbarn wie Frankreich oder die Niederlande seien da viel weiter.

Alle Sprachen sollten gleichermaßen wertgeschätzt werden, sagt Bredthauer. Sprache sei auch Identität, und Lernen habe viel mit Motivation zu tun. Sie beobachtet: „Kinder, die neben Deutsch gerne eine zweite Sprache gesprochen haben, verweigern diese plötzlich mit Eintritt in die Schule, weil ihnen dort eine andere Mentalität entgegenschlägt.“

Dort entstehe zu oft der Eindruck, dass nur Deutsch die erwünschte Sprache sei. Ob Arabisch, Türkisch, Polnisch, Russisch – Lehrer sollten alle Sprachen einbeziehen, die die Schüler von Zuhause mitbringen – und die Kinder als Experten heranziehen.

In mehreren Sprachen zu Hause zu sein, sei eine kostbare Ressource, betont die Dortmunder Bildungsforscherin Nele McElvany. Es könne später zusätzliche berufliche Möglichkeiten eröffnen.  „Bilingualität und Mehrsprachigkeit nehmen zu. Man kann und soll Kindern zutrauen, mit zwei Sprachen aufzuwachsen und sich zurechtzufinden.“ Was zu Hause gesprochen werde, sei privat, eine Einmischung von außen tabu. Für Kita und Grundschule fordert McElvany aber deutlich mehr Deutsch-Sprachförderung. Und: „Man sollte die Sprachen auf keinen Fall gegeneinander ausspielen.“ dpa

6700 Sprachen weltweit, und viele sind bedroht


Im Schnitt verschwindet alle zwei Wochen eine Sprache von der Erde. Rund die Hälfte der weltweit etwa 6700 gesprochenen Sprachen ist durch Globalisierungsprozesse vom Aus bedroht, klagt die Weltbildungsorganisation Unesco. Gingen sie verloren, nähmen sie ein Stück kulturelles und intellektuelles Erbe der Menschheit mit. Zur Mahnung begeht die Unesco jährlich am 21. Februar den Internationalen Tag der Muttersprache. kna