Venedig / dpa Die Pandemie hat der Lagunenstadt gezeigt, wie fatal eine touristische Monokultur ist. Die Stadt, die einst überrannt wurde, fleht nun um Urlauber. Von Annette Reuther

Schilder wie „Nicht hinsetzen“, „Respekt für Venedig“ oder „Priorität für Venezianer“ sind aus längst vergangenen Zeiten. Aus Zeiten, in denen Venedig noch über eine Beschränkung für Touristen diskutierte. In der geschimpft wurde über den Massentourismus, die Kreuzfahrtschiffe, die Menschen, die die kleinen Gassen verstopfen und ihr Picknick auf der Rialto-Brücke machen. Über Touristen, die keiner haben will und die doch gebraucht werden.

Mittlerweile hört man das Klackern der eigenen Schuhe in den Gassen oder das Schwappen der Wellen in den Kanälen lauter als den Rummel von Touristen. Seit der Abriegelung wegen Corona ist Venedig in der Krise. Venezianer oder Italiener aus der Region entdecken zwar auf einmal die Stadt für sich und genießen eine fast magische Atmosphäre – doch das Geld für Hoteliers, Restaurantbesitzer, Touristenführer und die Kommune fehlt. Die wirtschaftlichen Schäden sind enorm.

„Wir stehen heute vor einer Stadt, die wirklich leer und an einem Punkt Null ist“, sagt Touristenführerin Elena Degan. Die alleinerziehende Mutter lebt wie viele andere auch vom Tourismus – und hat daher seit März keine Einnahmen.

 „Wir sind wieder geöffnet“, verkündete Bürgermeister Luigi Brugnaro. Eine „beruhigende Botschaft“ an die Welt sei nun notwendig: Venedig sei sicher. Seit diesem  Mittwoch dürfen EU-Bürger wieder nach Italien reisen. Vor allem der internationale Tourismus zählt. Schließlich kommen die meisten Besucher aus den USA, aus China, Großbritannien und Deutschland.

Von einer „Covid-freien“ Region spricht der Regionalpräsident von Venetien, Luca Zaia. Das stimmt zwar nicht ganz, dennVenetien war einer der ersten beiden Brandherde in Italien, doch im Vergleich zur benachbarten Lombardei hat die Region die Lage durch Tests in den Griff bekommen und hat jetzt noch etwa 2000 positive Fälle gemeldet.

Venedig hat schon vor Corona erleben müssen, was es bedeutet, wenn einzig auf Touristen gesetzt wird und die plötzlich wegbleiben: Im November richtete ein Hochwasser große Schäden an. Bilder von einer tagelang überfluteten Stadt vergraulten die Besucher. Städte wie Venedig und Florenz, die hauptsächlich vom ausländischen Tourismus leben, würden nun größere Verluste erleiden als Städte, die auch von italienischen Besuchern lebten, heißt es in einer Studie der italienischen Fremdenverkehrszentrale Enit. Dort, wo auf ausländische Touristen gesetzt werde, erhole sich der Tourismus bis 2023 nicht vollständig.

Bürgermeister Brugnaro verspricht nun Klasse statt Masse für seine Stadt. Also einen „neuen und intelligenten Tourismus“. Doch was genau er dafür tun will, ist unklar. „Wir erleben gerade einen Tourismus der Nähe, so wie es vor 50 Jahren war“, sagt der Umweltwissenschaftler Giovanni Cecconi von der Universität Ca‘ Foscari in Venedig. „Es reicht jetzt nicht, einfach wieder zu öffnen und so weiterzumachen wie vorher.“

Kreuzfahrtschiffe legen derzeit nicht in Venedig an. Cecconi ist der Meinung, dass die Zeit, in der der Kreuzfahrttourismus brachliege, genutzt werden müsse, um sich ein Modell für die Zukunft zu überlegen und den Hafen aus Venedig hinaus zu verlegen. „Der Kreuzfahrttourismus ist das Maximum an oberflächlichem Tourismus.“ Seit Jahren wird sich beschwert, dass er Umwelt und Substanz der Stadt zerstört.

Ende der Riesenschiffe

Das Aktionsbündnis „No Grandi Navi“ will nicht nur ein Ende der Kreuzfahrtschiffe in der gesamten Lagune. Die Organisation hat auch eine Liste mit Forderungen für die Zukunft parat: ehrliche Gastronomie für Bewohner und Touristen gleichermaßen, Ansiedelung von Handwerkern und Künstlern im historischen Zentrum, erschwingliche Mieten für Einheimische und ein Limit für Ferienwohnungen.

Venedig steht nun am Scheideweg: Soll es zurück gehen zu einem für Anwohner und Besucher gleichermaßen unerträglichem Massentourismus? Oder hat die Stadt nun wirklich den Mut, in eine neue, nachhaltigere Zukunft zu starten? dpa

„Eintrittssteuer“ verschoben

Nur noch etwa 50 000 Einwohner verzeichnet die Stadt Venedig, die seit 1987 Unesco-Welterbestadt ist. Die meisten Venezianer ziehen nach Mestre auf das Festland.

Der Tourismus ist dafür kontinuierlich gestiegen, auf rund 13 Millionen Übernachtungen im vergangenen Jahr.

Um der Touristenmassen Herr zu werden wollte die Stadt eigentlich ab 1. Juli 2020 eine umstrittene „Eintrittssteuer“ verlangen. Dann kam Covid-19. Die Steuer wurde auf nächstes Jahr verschoben – mindestens. dpa