Brüssel/Berlin / Ellen Hasenkamp und Christian Kerl Statt zu führen, hat die Chefin der EU-Kommission ein Jahr nach ihrer Wahl alle Hände voll zu tun, Europa überhaupt beisammenzuhalten. Ein gigantisches Corona-Hilfspaket soll sie wieder in die Offensive bringen. Von Ellen Hasenkamp und Christian Kerl

Was für ein Tag für die drei, vor fast genau einem Jahr in Berlin: Kanzlerin Angela Merkel feierte ihren 65. Geburtstag und nahm im Kabinett lächelnd einen lila-rosa Strauß entgegen. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bekam ein neues Ministeramt samt Ehrenformation der Bundeswehr. Die scheidende Ressortchefin Ursula von der Leyen aber, neben ihr auf dem Podest bei der feierlichen Übergabe, setzte zum ganz großen Sprung an – weg aus dem widerspenstigen Ministerium, fort aus dem Hauptstadt-Kleinklein und hinaus in eine europäische Zukunft. EU-Kommissionspräsidentin, die erste Deutsche auf dem Posten seit mehr als einem halben Jahrhundert, die erste Frau in dem Amt überhaupt: Mit diesem Karrieresprung hatte niemand mehr gerechnet. Wieder einmal hatte von der Leyen es allen gezeigt.

Mit einer internationalen Aufgabe liebäugelte die ebenso zierliche wie energische Frau schon lange, vor allem nachdem sie sich im Gestrüpp des Verteidigungsministeriums zu verheddern drohte. Brüssel, das war für die im dortigen Stadtteil Ixelles geborene CDU-Politikerin wie nach Hause kommen. Englisch und Französisch spricht sie fließend, und auch ein „dank je wel Nederlands“ streut sie locker in eine Videokonferenz ein.

Seit zwölf Monaten ist sie nun in Brüssel – und es ist ganz anders gekommen als geplant. Das winzige Coronavirus hat auch die großen Europapläne von der Leyens durchkreuzt. Statt die EU von vorne zu führen, wie sie es gerne tut, hat Madame la Présidente alle Hände voll zu tun, Europa überhaupt beisammenzuhalten. Wie gut das gelingt, wird daher nicht nur die Zukunft des Kontinents prägen, sondern auch das Vermächtnis der deutschen EU-Kommissionspräsidentin.

Zu kämpfen hatte von der Leyen von Anfang an. 24 Stunden bevor sie in Berlin der Marschmusik im Bendlerblock lauscht, steht sie im Europaparlament und muss die Rede ihres Lebens halten. Eine Ansprache, die ihr die Mehrheit genau der Abgeordneten sichern soll, die eigentlich stinksauer sind, weil von der Leyens Nominierung durch die Staats- und Regierungschefs dem vom Parlament erkämpften Spitzenkandidatenprinzip widersprach. „Sie kam ja ganz von außen“, sagt CSU-Mann Manfred Weber, der der eigentliche Kandidat der Konservativen für den Posten war.

Bankenunion, eine Art europäische Arbeitslosenversicherung, Kinderrechte, Rechtsstaatlichkeit, EU-Reform, Klimarettung – an großen Zielen mangelt es nicht in von der Leyens bravourös vorgetragener Bewerbungsrede. Und es reicht, wenngleich unerwartet knapp. Erleichtert legt sie beide Hände auf die Brust und schließt kurz die Augen.

Diese Erfahrung prägt ihre Amtsführung: Die 61-Jährige weiß, dass sie nicht nur 27 Regierungschefs hinter sich bringen, sondern auch im Parlament für alle Vorhaben Unterstützung suchen muss. Auf eine Mehrheit bauen, wie ihre Vorgänger, kann sie nicht. Prompt ließen die Abgeordneten zwei ihrer vorgeschlagenen Kommissare durchfallen, der Start der Präsidentin verzögerte sich. Und ausgerechnet Emmanuel Macron, der französische Präsident, dem von der Leyen die Nominierung für das hohe Amt verdankte, war vergrätzt: Unter den Abgelehnten war auch seine Kandidatin.

Ein Feuerwerk ehrgeiziger Pläne

Nach dem mühsamen Auftakt zündete von der Leyen dann ein Feuerwerk ehrgeiziger Pläne. Im Mittelpunkt: das Ziel, Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent zu machen. Bislang allerdings besteht der „Europäische Green Deal“ aus Ankündigungen und Versprechen. Zum Schwur kommt es im Herbst, wenn die EU-Kommission die Vorschläge für verschärfte C02-Ziele bis 2030 vorlegen will. In von der Leyens politischer Heimat CDU sind zudem nicht alle glücklich mit dem vielen Grün. Aber die frühere Bundesfamilien-, Bundesarbeits- und Bundesverteidigungsministerin war schon immer eher auf eigene denn auf Parteirechnung unterwegs.

Begleitet wurde von der Leyens Start von einigem Misstrauen. Es kursierte der Vorwurf, sie igele sich mit wenigen, aus Berlin mitgebrachten Vertrauten in der EU-Behörde ein, deren oft exzellente und hochbezahlte Beamte großes Selbstbewusstsein pflegen. Schnell war von der „deutschen Festung“ die Rede. Das lag auch an der Idee, sich ein kleines 25-Quadratmeter-Appartement hoch oben im 13. Stock des Kommissionsgebäudes einrichten zu lassen und so – wie zuvor in Berlin – am Arbeitsplatz zu übernachten.

Im EU-Parlament allerdings wird von der Leyen überwiegend große Aufgeschlossenheit attestiert. Sie habe die Abgeordneten „gut eingebunden“ und „schnell Vertrauen aufgebaut“, sagt CSU-Mann Weber. Auch in vielen anderen Fraktionen hört man Gutes.

Von der Leyen gibt sich ihrerseits alle Mühe, nicht als deutsche Interessensvertreterin zu agieren. Als das Bundesverfassungsgericht im Mai in einem spektakulären Urteil rote Linien für die Anleihekäufe der Europäischen Zentralbank zog, drohte von der Leyen sogleich mit einem Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland. „Ein Fehler“, wie selbst Wohlmeinende wie der CDU-Europaabgeordnete Daniel Caspary sagen. Auch der zunächst scharfe Kurs der Kommission in Sachen Staatseinstieg bei der Lufthansa stieß in Deutschland auf Kritik und sollte wohl von der Leyens Emanzipation von Berlin unterstreichen.

Dabei war sie ja nie die deutsche oder gar Merkels Kandidatin. Ihre Nominierung war Macrons Idee, dass sie durchkam, eher glücklichen Umständen als einer brillanten Strategie der Kanzlerin zu verdanken. Von der Leyen und Merkel verbindet ohnehin eine wechselvolle Beziehung. Die Kanzlerin bewundert einerseits den politischen Mut der Partei­freundin, wurde von ihr aber auch manches Mal unangenehm überrascht. Umgekehrt hat von der Leyen nie vergessen, dass Merkel ihr vor zehn Jahren die auch öffentlich sicher geglaubte Bundespräsidentin-Kandidatur verweigerte.

Im November vergangenen Jahres, als bereits gewählte, aber noch nicht amtierende Kommissionspräsidentin, war sie dann noch einmal zu Besuch im Kanzleramt. „Eine ganz ungewohnte Konstellation“, sagte auch Merkel. Die regierte damals mit der rumpelnden Groko ihrem Amtsende entgegen, von der Leyen dagegen feilte am Neustart. In einem hell-schimmernden Blazer und geradezu vibrierend vor Energie stand sie neben ihrer früheren Chefin, sprach von „Dynamik“ und „großem Anspruch“. Sie dankte für „vielen guten Rat“ und erklärte ihre Vorfreude auf die „Zeit, die wir auf europäischer Ebene zusammen verbringen werden“.

Zusammen – das gilt in ganz besonderem Maße für die kommenden sechs Monate der deutschen EU-Ratspräsidentschaft. Die beiden deutschen Frauen haben nun die Aufgabe, Europa zu retten, das nicht nur wirtschaftlich durch Corona ins Taumeln geraten ist.

„Wenn man die ersten Reflexe in der Corona-Krise betrachtet, dann muss man sagen: Wir haben in den Abgrund des Nationalismus geblickt.“ So beschreibt selbst der stoische Weber die Aktivitäten zu Beginn der Pandemie: Lieferstopps, Grenzschließungen, Egoismen. Ohne Zögern wurden die EU, die Kommission und von der Leyen von den Nationalstaaten beiseitegeschoben. „Auch die Bundesregierung hatte vereinbarte Lieferungen von Schutzmaterial nach Italien ausgesetzt, das muss man sich einmal vorstellen“, erinnert sich die Grünen-Europaexpertin Franziska Brantner. „Ich habe in der Zeit wirklich schlecht geschlafen und gedacht: ,Oh Gott, der EU-Binnenmarkt wird zerstört‘.“

Von der Leyen kam mit der Schadensbegrenzung kaum hinterher, die Wucht der Seuche erwischte die gerade erst angetretene Kommission auf dem völlig falschen Fuß. „Es war etwas unglücklich, dass ihr Start mit der historischen Ausnahmesituation der Pandemie zusammentraf“, sagt der Vorsitzende des Europa-Ausschusses im Bundestag, Gunther Krichbaum (CDU). „Die Kommission war einfach noch nicht vollständig aufgestellt, die Mannschaft sozusagen noch in der Kabine.“ Dass aber gerade sie, die promovierte Ärztin, das Ausmaß der Pandemie zunächst unterschätzte, dürfte von der Leyen maßlos ärgern. Caspary wiederum ärgert sich vor allem, dass Kommission und Präsidentin die dann irgendwann angelaufenen europäischen Hilfen nicht besser kommunizierten; „ein Versagen der EU“. Warum beispielsweise habe sich von der Leyen, eigentlich Vollprofi in Sachen Bilder, sich nicht mal neben einer Lieferung von Beatmungsgeräten fotografieren lassen?

750 Milliarden Euro Wiederaufbaufonds plus 1,85 Billionen Euro für die kommenden sieben Jahre – mit diesen gigantischen Summen will sie nun wieder in die Offensive kommen. Die Entscheidung der Regierungschefs, den Fonds eng mit dem EU-Haushalt zu verbinden und so unter Kommissions-Hoheit zu stellen, stärkt die Macht der Präsidentin. Doch noch ist das Finanzpaket unter den EU-Regierungschefs heftig umstritten. Wie der Konflikt ausgeht, wird auch da­rüber entscheiden, ob von der Leyen weiter um Autorität kämpfen muss oder gestärkt ins zweite Amtsjahr geht – und womöglich irgendwann auch eine zweite Amtszeit ins Auge fassen kann.