Von Jenny Tobien Alle neun Stunden stirbt ein Mensch bei einem Geschwindigkeitsunfall. Das muss nicht mit Rasen zusammenhängen. Von Jenny Tobien

Fast jeder dritte Verkehrstote in Deutschland ist letztes Jahr ein Opfer zu hoher Geschwindigkeit geworden. 963 Menschen starben bei Geschwindigkeitsunfällen, 53 687 wurden verletzt, 13 769 davon schwer, teilte das Statistische Bundesamt mit. Weitere häufige Unfallursachen sind die falsche Straßenbenutzung, Überholen oder Alkoholeinfluss.

Von einem Geschwindigkeitsunfall wird gesprochen, wenn die Polizei mindestens einem der in den Unfall verwickelten Fahrern ein „nicht angepasstes“ Tempo vorwirft. Das kann auch der Fall sein, wenn das Tempo im Rahmen des Erlaubten war, aber zum Beispiel das Wetter (Starkregen, Nebel, Schnee . . .) langsameres Fahren erfordert hätten.

Mehr als 41 000 Mal hat die Polizei nach Unfällen mit Verletzten und Toten eine nicht angepasste Geschwindigkeit festgestellt. Dabei sei nur 2130 Mal die zulässige Höchstgeschwindigkeit überschritten worden.

„Die Geschwindigkeit – sowohl die nicht angepasste als auch die überhöhte – ist eine Hauptursache für Todesfälle im Straßenverkehr“, sagte der Unfallforscher Siegfried Brockmann vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft. Er meint, die Zahl der Unfälle mit überhöhter Geschwindigkeit müsse deutlich größer sein, da vor allem diese Werte oft später von Gutachtern und nicht von der Polizei vor Ort festgestellt werden.

In Deutschland sinkt die Zahl der Verkehrstoten seit Jahrzehnten – mit kleinen Ausreißern. 1970 war mit 21 000 der bisherige Spitzenwert erreicht worden. Im vergangenen Jahr starben rund 3000 Menschen bei Unfällen, so wenige wie noch nie seit Beginn der Statistik vor mehr als 60 Jahren.

Seit 2010 ist die Zahl der Verkehrstoten um 16,5 Prozent zurückgegangen. Die Zahl der Opfer, die bei Geschwindigkeitsunfällen starben, sank sogar um 33,2 Prozent. Dennoch: Laut den Statistikern starb 2019 alle neun Stunden ein Mensch bei einem Geschwindigkeitsunfall.

Ruf nach dem Tempolimit

„Die gute Nachricht ist, dass die Todeszahl bei Geschwindigkeitsunfällen überproportional zurückgegangen ist“, sagte Brockmann. „Das liegt sicher an der besseren Technik und auch an Assistenzsystemen, die den Abstand zum Vordermann vernünftig justieren.“ Um das Unfallrisiko weiter zu verringern, sollten Assistenzen aber noch besser weiterentwickelt werden, etwa um die Sicht bei Nebel oder die nasse Fahrbahn besser zu erfassen.

Der Unfallforscher spricht sich zudem für eine stärkere Tempobeschränkung aus, ob in der Stadt, auf der Landstraße oder der Autobahn. „Das würde eindeutlich zu weniger Unfällen führen.“

Kürzlich hatte sich der Grünen-Vorsitzende Robert Habeck für ein generelles Tempolimit von 130 Stundenkilometern auf Autobahnen ausgesprochen. Selbst CSU-Chef Markus Söder stellte sich – anders als seine Partei – nicht kategorisch dagegen. dpa

Falsches Tempo dominiert