Heinsberg / Jana Zahner (mit dpa) Einige Praxen und Kliniken in NRW richten sich nicht mehr nach den Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts, damit sie die Versorgung der Patienten aufrechterhalten können. Von Jana Zahner

Der Allgemeinmediziner Bernd Beckers hat alle Hände voll zu tun: Er ist seit Montag der einzige Arzt in seiner Gemeinschaftspraxis in Selfkant im nordrhein-westfälischen Kreis Heinsberg, der arbeiten darf. „Die Lage ist schon angespannt“, sagt er. Drei seiner Kollegen hatten Kontakt mit Patienten, die sich mit Sars-CoV-2 infiziert haben. Deswegen  bleiben sie zu Hause – obwohl sie keine Symptome zeigen. Nach einer Empfehlung des Robert-Koch-Instituts (RKI) soll jeder für 14 Tage isoliert werden, der näheren Kontakt mit einer mit Corona infizierten Person hatte, auch medizinisches Personal. Beckers: „Diese Empfehlungen sind im Moment nicht aufrechtzuerhalten.“

In Nordrhein-Westfalen sehen sich immer mehr Ärzte und medizinische Einrichtungen außerstande,  die vom RKI empfohlene Quarantäne umzusetzen. Nun hat der Landkreis Heinsberg, in dem bisher 104 Corona-Fälle gemeldet wurden, reagiert: Am Mittwoch verkündete Landrat Stephan Pusch, die Regeln für Arztpraxen und Kliniken würden gelockert.

Es gehe darum, die medizinische Versorgung zu sichern, sagte Pusch. Ein „zweiwöchiges Berufsausübungsverbot“ für medizinisches Personal, das Umgang mit einem Corona-Patienten hatte, sei nicht praktikabel. Symptomfreie Mitarbeiter von Arztpraxen und Kliniken, die als Kontaktpersonen gelten, sollen künftig unter Schutzmaßnahmen und regelmäßigen Corona-Tests weiterarbeiten können, sagte Pusch. „Ich denke, dass man nicht umhinkommt, so zu verfahren.“

Versorgung gefährdet

Zuvor hatten Ärzte aus dem Kreis Heinsberg per Brief an die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein Alarm geschlagen. Die „medizinische Situation im Kreis Heinsberg eskaliert und nimmt bedrohliche Ausmaße an“, heißt es in dem Schreiben, das am Dienstag bekannt wurde. Ein Zusammenbruch der medizinischen Versorgung an der Basis und in den Krankenhäusern sei nicht mehr auszuschließen.

Durch die vom RKI empfohlene Quarantäne würden die Krankenhäuser hochgradig behindert, warnen die Ärzte. Die Mitarbeiter seien deshalb nicht arbeitsfähig, Notdienste könnten nur mit Mühe und nur eingeschränkt besetzt werden, Schutzausrüstung gehe zur Neige.

Auch die Stadt und die Region Aachen weichen von Empfehlungen des RKI ab, um den Klinikbetrieb sicherzustellen. Bei einer Infektion in der Belegschaft auf einer Station werden Mitarbeiter ohne Krankheitssymptome künftig nicht mehr wie vom RKI empfohlen 14 Tage lang isoliert.

Nach einem positiven Coronavirus-Test bei einer Pflegekraft auf der Frühgeborenenstation seien die Folgen deutlich geworden: Weil die Frau auf der Intensivstation Kontakt mit 45 Kräften hatte, hätten diese laut RKI alle unter Quarantäne gestellt werden müssen. Damit wäre die Arbeit auf der Intensivstation zum Erliegen kommen, betonte die Klinik.

Das RKI wollte sich zum Thema auf Anfrage unserer Zeitung nicht äußern: Man kommentiere grundsätzlich keine Entscheidungen von Behörden vor Ort.

Bernd Beckers Kollegen wollen am Donnerstag wieder zur Arbeit kommen. „Wenn man sich nach allen Regeln der ärztlichen Kunst von den Patienten fernhält, ist das Risiko einer Ansteckung gering“, sagt der Hausarzt. Fieberpatienten betreten die Gemeinschaftspraxis durch einen Seiteneingang, der behandelnde Arzt trägt Seuchenschutzanzug und Maske.

Das Problem: Die Schutzkleidung reiche nur noch bis Ende der Woche, sagt Beckers. Nordrhein-Westfalens Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte am Mittwoch: „Wir haben über 7000 Atemschutzmasken, knapp 3000 Schutzanzüge, 2000 Testsets organisiert und in den Kreis Heinsberg geschickt.“

(mit dpa)

China meldet den ersten Impfstoff, Italien schließt alle Schulen

Chinesischen Medien zufolge haben Forscher in Wuhan einen Durchbruch bei der Entwicklung des Corona-Impfstoffs erzielt. Konkrete Ergebnisse und Beweise präsentieren sie nicht –aber entsprechende Fotos, die sich am Dienstag auf den sozialen Medien Chinas rasant verbreiten.

Mit entschlossenem Blick steht auf diesen Bildern Chen Wei (54) in einem fensterlosen Raum, hinter ihr die rote Flagge mit Hammer und Sichel. Gekleidet ist die Chinesin mit der Kurzhaarfrisur in Camouflage-Uniform. Den linken Oberarm hat sie aufgekrempelt, damit eine Ärztin in Schutzanzug ihr eine Spritze injizieren kann. Die führende Biochemie-Expertin des Landes soll hier beim ersten menschlichen Test eines Coronavirus-­Impfstoffs zu sehen sein.

Im Dezember wurde der Erreger in der zentralchinesischen Metropole Wuhan erstmals entdeckt. Seither hat er in China mit Stand vom Mittwoch 80 270 Menschen angesteckt und 2981 getötet.

Weltweit arbeiten Forscher an einem Impfstoff. In Hongkong haben Wissenschaftler bereits gemeldet, sie hätten möglicherweise einen Impfstoff gefunden. Ehe dieser jedoch alle Studien an Tier und Mensch durchlaufen hat, würden noch Monate vergehen. Am Sonntag hat US-Vizepräsident Mike Pence auf Fox News damit geprahlt, dass klinische Tests nur mehr sechs Wochen entfernt seien. Viele Experten tun diese Ansage als höchst unseriös ab und sprechen von mindestens einem Jahr.

Überraschend daher jetzt der angebliche Durchbruch, den das chinesische Staatsfernsehen meldet. Das Forschungsteam wird von der 54-jährigen Chen geleitet, die mit 4000 Medizinern der Volksbefreiungsarmee (und Journalisten) nach Wuhan entsandt wurde. Sie hatte 2014 den ersten Ebola-Impfstoff auf Genbasis entdeckt und soll eine Schlüsselrolle bei der Bekämpfung der Sars-Epidemie im Jahr 2003 gespielt haben.

Italien schließt wegen der starken Verbreitung des Coronavirus alle Schulen und Universitäten bis 15. März – landesweit. Bis Mittwoch zählten die Behörden 107 Tote, fast 3100 Menschen haben sich mit dem Virus angesteckt. Ganze Gebiete sind abgeriegelt. Alle Sportveranstaltungen sollen vorerst ohne Publikum stattfinden.

In den USA will das Repräsentantenhaus für den Kampf gegen das Virus neue Finanzmittel in Höhe von 8,3 Milliarden US-Dollar bereitstellen. Dafür wurde am Mittwoch der Entwurf eines entsprechenden Nothilfegesetzes eingebracht.

Weltweit waren am späten Mittwoch 93 150 Menschen an der von dem Virus ausgelösten Krankheit Covid-19 erkrankt, schrieb der „Guardian“. 3198 seien gestorben. 50 700 Menschen mittlerweile geheilt. Außer China sind vor allem Südkorea und der Iran stark betroffen.
Fabian Kretschmer/ema