Mössingen/Tübingen / Petra Walheim Manche Menschen reagieren mit Krankheitssymptomen auf Strahlung, die von Handys ausgeht. Sie freuen sich über Lücken im Netz und sehen der neuen 5G-Technik skeptisch entgegen. Von Petra Walheim

Es fing mit Kopfschmerzen an. Erst einmal pro Woche, dann kamen sie häufiger. Professor Mario Babilon konsultierte mehrere Ärzte, auch Neurologen. Ohne Ergebnis. Außer der Empfehlung, Stress zu reduzieren, hatten die Mediziner keinen Rat für ihn. Erst als er „durch Zufall“ auf einen Bericht gestoßen ist, in dem diese „unspezifischen Beschwerden“ mit hochfrequenter Strahlung in Verbindung gebracht wurden, konnte er reagieren.

Heute wohnt Mario Babilon in einem Dorf im Schwarzwald, hat sein Haus gegen die fast allgegenwärtige Mobilfunkstrahlung abgeschirmt. Sein Laptop hängt am Kabel. Tablet und Smartphone werden nur bei Bedarf mit einem Adapter und Lan-Kabel mit dem Internet verbunden.

Es ist eine Ironie des Schicksals, dass Mario Babilon an der Dualen Hochschule in Stuttgart eine Professur für Informatik inne hat, sich also beruflich ständig mit dem Computer beschäftigt – und dabei elektrohypersensibel ist. Bis er akzeptieren konnte, dass es tatsächlich die Mobilfunkstrahlung ist, die seinem Körper schadet, durchlief er einen jahrelangen Lernprozess.

Immer wieder hat er ausgetestet, wie sich sein Gesundheitszustand unter der hochfrequenten elektromagnetischen Strahlung verändert. „Mit der Mobilfunkstrahlung habe ich schlecht geschlafen, war morgens wie gerädert.“ Nach zig Versuchen, der Lektüre unzähliger Fachartikel und Studien sowie dem Austausch mit Umweltmedizinern war für ihn klar, dass die Strahlung die Ursache für seine Kopfschmerzen ist. „In strahlungsarmen Regionen geht es mir gut.“

Mario Babilon weist aber auch darauf hin, dass bei vielen elektrohypersensiblen Personen Vorschädigungen etwa durch  Chemikalien, Schwermetalle, Viren, Bakterien vorhanden sind, die dann unter anderem durch elektromagnetische Strahlung „negative gesundheitliche Reaktionen verursachen“. Bei ihm war es eine starke Schwermetall-Belastung durch zu viele Amalgam-Füllungen in den Zähnen. Erst seit die Zähne saniert sind und das Quecksilber aus dem Körper ausgeleitet wurde, reagiert sein Körper nicht mehr ganz so heftig auf Strahlung.  Trotzdem schaltet er in Vorlesungen den Wlan-Hotspot aus und besteht darauf, dass die Studierenden ihre Handys in den Flugmodus schalten. Sein Büro hat er im strahlungsarmen Keller der Hochschule eingerichtet.

Mario Babilon ist einer von zigtausenden Menschen, die unter der Mobilfunkstrahlung leiden. Oft werden sie belächelt, von Ärzten nicht ernst genommen, in die psychosomatische oder gar „Spinner“-Ecke gestellt. Davon kann Jochen Steinhilber aus Mössingen (Kreis Tübingen) ein Lied singen. Er ist seit Ende 2012 wegen ständiger Schmerzen nicht mehr arbeitsfähig. Sein Körper ist mit Schwermetallen, Pestiziden und Lösemitteln stark belastet. Durch einen genetischen Defekt ist sein Körper nicht in der Lage, die Gifte auf natürlichem Weg zügig auszuscheiden.  Die Folge sind starke Gelenk- und Muskelschmerzen, Schlaf- und Sehstörungen, Schwindel, Kopfschmerzen. Kommt intensive Mobilfunkstrahlung dazu, verstärken sich die Symptome.

Der 46-Jährige hat eine langjährige Odyssee zu Ärzten und durch Kliniken hinter sich. Er hat herausgefunden: „In Funklöchern geht es mir besser.“ Deshalb wollte er testweise für 14 Tage in einem Wohnmobil in einem Funkloch bei Mössingen leben. Für das Experiment bekam er von der Stadt aber keine Erlaubnis. Seit Jahren ist er bei dem Umweltmediziner Harald Banzhaf in Bisingen (Zollern-Alb-Kreis) in Behandlung. Der hat keine Zweifel, dass Mobilfunkstrahlung auf den menschlichen Körper einwirkt und diesen – je nach Disposition und Konstitution des Menschen – schädigen kann. Er weiß aber auch, dass trotz klarer wissenschaftlicher Hinweise auf Krebs auslösende und Krebs fördernde Wirkungen noch kein vom Bundesamt für Strahlenschutz anerkannter Wirkmechanismus bekannt ist. „Da sind so viele Einflüsse, die auf den Menschen wirken“, sagt Banzhaf. Meist sei die Mobilfunkstrahlung eine Komponente in einem ganzen Mix aus Einflüssen, die dem Körper zusetzen. „Der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und dazu führt, dass der Körper Symptome ausbildet“, sagt der Mediziner.

Zahlreiche seiner Patienten leiden unter Elektrohypersensibilität (EHS).  Die Krankheit ist von den gesetzlichen Krankenkassen nicht anerkannt. Die Behandlung ist komplex. Dazu gehören Schwermetall-Ausleitungen und die Zufuhr von Mikro-Nährstoffen, die der Körper zur Entgiftung und zur Energiegewinnung braucht. Banzhaf empfiehlt allen Menschen, auch wenn sie nicht direkt auf Mobilfunkstrahlung reagieren, sich ihr soweit wie  möglich zu entziehen. „Da gilt der Leitspruch: Der Abstand ist mein Freund.“ Das heißt: Nicht mit dem Handy am Ohr telefonieren, sondern über Kopfhörer; das häusliche WLAN zumindest über Nacht ausschalten, ebenso das Handy.  Wenn möglich, sollte der Computer über ein Kabel mit dem Router verbunden sein. Beim schnurlosen Telefon sollte beachtet werden, dass es nur strahlt, wenn telefoniert wird. Für einen besseren Schlaf empfiehlt der Mediziner, über dem Bett einen Baldachin aufzustellen, der Strahlung abschirmt. Außerdem rät er dazu, einen Baubiologen die Strahlung messen zu lassen.

Mit großer Sorge blicken die Betroffenen auf die Einführung der neuen Mobilfunk-Generation 5G. Mit ihr sollen deutlich mehr Daten sehr viel schneller übertragen werden können als bisher. Damit verbunden ist ein massiver Netzausbau. Das Ziel ist, die Funklöcher, die es immer noch gibt, auszumerzen und die Grundlagen zum Beispiel für autonomes Fahren zu legen.

Für Menschen, die sensibel auf Mobilfunkstrahlung reagieren, sind  Funklöcher existenziell wichtig. „5G ist für elektrohypersensible Menschen der Super-Gau“, sagt Jochen Steinhilber.  Er setzt sich für die Aufklärung der Bevölkerung ein, sucht den Dialog mit Stadt und Gemeinderäten, organisiert Film- und Vortragsabende zum Thema. Steinhilber wünscht sich mehr Mut, bereits vorhandene Alternativen einzusetzen wie zum Beispiel kabelgebundene Lösungen oder Datenübertragung über Licht.

Wissenschaftler und Ärzteorganisationen fordern ein Moratorium für den Mobilfunkstandard 5G, um Langzeitfolgen und Risiken abschätzen zu können.

Das Bundesamt für Strahlenschutz zu 5G

Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) geht nach derzeitigem wissenschaftlichem Kenntnisstand nicht davon aus, dass die Einführung der neuen Mobilfunk-Generation 5G negative gesundheitliche Auswirkungen hat.

Untersucht wird zum Beispiel, wie sich die Strahlung der zahlreichen Kleinzellen, die für 5G aufgestellt werden müssen, auf die Gesundheit der Menschen auswirkt. Das BfS betont zwar, die Kleinzellen hätten eine geringere Sendeleistung, würden aber näher an den Orten betrieben, an denen sich Menschen aufhalten.

Unsicherheiten bestehen laut BfS auch hinsichtlich möglicher Langzeitwirkungen bei intensiver Handynutzung, ganz unabhängig von 5G. Für eine abschließende Beurteilung sei die Technologie  zu jung, auch die Wirkung auf Kinder sei nicht abschließend erforscht. Das BfS empfiehlt, beim Handy-Kauf auf die SAR-Werte zu achten: Je geringer der Wert, umso strahlungsärmer das Gerät. wal