Gütersloh/Berlin / mg/dpa Nach Infektionen in der Großschlachterei Tönnies müssen nicht nur Mitarbeiter zu Hause bleiben. Politiker fordern Umdenken beim Fleischkonsum. Von Michael Gabel

Quarantäne für Mitarbeiter und der Ruf nach schärferen Gesetzen: Nach dem Corona-Ausbruch beim westfälischen Fleischverarbeiter Tönnies ist das Entsetzen darüber groß, wie die katastrophalen Arbeitsbedingungen in dem größten deutschen Fleischbetrieb so lange unbeachtet bleiben konnten.

Am dramatischsten sind die Folgen für die Menschen im Stadtteil Sürenheide in Verl. Weil dort viele Tönnies-Beschäftigte leben, hat die Stadt eine Quarantänezone eingerichtet. Die Bewohner mehrerer Mehrfamilienhäuser dürfen nicht mehr aus dem Haus. In den Häusern leben knapp 670 Menschen.

„Uns ist bewusst, dass wir mit der generellen Quarantäne tief in das Leben der dort lebenden Menschen eingreifen, auch wenn sie ganz woanders arbeiten und außer der Nachbarschaft keine Berührungspunkte mit der Firma Tönnies haben“, erklärte Bürgermeister Michael Esken. „Aber wir müssen alles tun, um die weitere Verbreitung des Virus so weit wie möglich zu reduzieren“, betonte er. Das Deutsche Rote Kreuz stellt für die ersten beiden Tage Lunchpakete und Getränke zur Verfügung. „Für Familien mit kleinen Kindern werden, falls erforderlich, auch Hygieneartikel wie zum Beispiel Windeln bereitgestellt.“

Einen flächendeckenden Shutdown wird es jedoch nicht geben. Das Infektionsgeschehen sei klar bei der Firma Tönnies lokalisierbar. Es gebe keinen „signifikanten Übersprung“ hinein in die Bevölkerung, betonte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet. Gleichwohl nahm er den Unternehmer Tönnies in die Pflicht. „Wir brauchen neue Regeln, neue Bedingungen – und das ist auch das, was wir vom Unternehmen erwarten“.

Die Fabrik des Unternehmers und Vereinspräsidenten des Fußball-Bundesligisten Schalke 04, Clemens Tönnies, ist für zwei Wochen geschlossen worden. Rund vier Fünftel der Beschäftigten sind Werkvertragsarbeiter, die zumeist aus Rumänien und Bulgarien stammen und unter denen das Corona-Virus besonders stark um sich gegriffen hat.

Rücktritts-Spekulationen wies der Firmenchef am Wochenende zurück. „Ich werde dieses Unternehmen aus dieser Krise führen“, sagte der 64-Jährige. „Ich mach‘ mich nicht aus dem Staub.“ Im seit Jahren geführten Streit um das Unternehmen hatte Robert Tönnies seinen Onkel Clemens aufgefordert, den Weg frei zu machen. Dessen Sohn Max Tönnies solle die Arbeit in der Geschäftsführung übernehmen.

Verhältnis zum Kreis zerrüttet

Das Verhältnis zwischen dem Kreis Gütersloh, in dem der betroffene Standort liegt, und der Firma Tönnies ist zerrüttet. „Das Vertrauen, das wir in die Firma Tönnies setzen, ist gleich Null. Das muss ich so deutlich sagen“, sagte der Leiter des Krisenstabes, Thomas Kuhlbusch. Er bezog sich dabei auf Probleme, die es bei der Feststellung der Personalien der Tönnies-Mitarbeiter gegeben hat. Das Unternehmen habe erst mit erheblicher Zeitverzögerung geschafft, den Behörden sämtliche Wohnadressen der bei Tönnies Beschäftigten auszuhändigen, kritisierte Kuhlbusch. Tönnies machte Datenschutzrichtlinien für die Verzögerungen verantwortlich.

Politiker forderten, dass der Corona-Ausbruch Konsequenzen haben müsse. So will der Unionsfraktionsvize im Bundestag, Georg Nüßlein (CSU) ein Ende der Preiswerbung für Fleisch. Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) warb für eine Tierwohlabgabe. „Das Fleisch ist zu billig“, betonte sie. Landwirte bräuchten faire Preise, um Stallumbauten zu ermöglichen. Mit einer Tierwohlabgabe sei das möglich.

Anton Hofreiter, Grünen-Fraktionschef im Bundestag, rief Supermärkte zum Tönnies-Boykott auf. „Es ist an der Zeit, dass sich die großen Supermarktketten nicht länger mitschuldig machen“, sagte er. „Sie sollten Tönnies-Produkte aus dem Angebot nehmen.“ (mit dpa)

In Heimatländer zurückgereist?

Der Kreis Gütersloh hat Hinweise, dass Beschäftigte vor Verhängung der Quarantäne für sämtliche Tönnies-Mitarbeiter am Standort Rheda-Wiedenbrück abgereist sind. „Wir haben vermehrte Mobilität wahrgenommen“, sagte eine Kreissprecherin. Das sei dem Kreis von Bürgern zugetragen worden.

„Eine Handhabe, das zu unterbinden, hatten wir nicht“, betonte die Sprecherin. Der Kreis hatte die Quarantäne am Freitag angeordnet. Sie gilt auch für alle Haushaltsangehörigen der Beschäftigten.

Nach Angaben der Kreissprecherin hat der Leiter des Krisenstabs, Thomas Kuhlbusch, im Zusammenhang mit den Abreisen bereits Kontakt zu den Botschaften der Herkunftsländer aufgenommen. Einige Botschaften hätten sich auch selbst gemeldet, sagte er. dpa