Die Anwohner stehen fassungslos auf der Straße vor einem Mehrfamilienhaus in Solingen. Hier haben Rettungskräfte in einer Wohnung am Donnerstagnachmittag eine schreckliche Entdeckung gemacht. Fünf Kinder sind tot, das jüngste ist erst ein Jahr alt. Geschwister, die auch viele der geschockten Anwohner kennen.

Die Menschen verharren im kalten Regen. Vor dem Haus fahren unterdessen immer mehr Polizisten vor. Experten sollen den Fundort untersuchen. Beamte sperren das Areal ab, nur noch Anwohner kommen in die Nähe.

Ein Nachbar aus dem Haus gegenüber repariert gerade sein Auto, als plötzlich Polizeiautos und Rettungswagen vorfahren. Seine Schwester kennt die Familie, eine ruhige Familie mit sechs Kindern, wie sie sagt. „Ich selbst bin schockiert. Ich bin auch eine Mama.“ Auch die junge Anwohnerin Elis versteht die Welt nicht mehr. „Dass so etwas bei uns passiert, setzt uns alle unter Schock“, schildert sie.

Wo ist die junge Mutter, wo ist der Älteste der Geschwister aus dem siebenstöckigen Wohnhaus? Was ist mit ihnen? Alles ist so unfassbar für die Anwohner. Eine Polizeisprecherin vor Ort bestätigt dann, dass die Mutter im Verdacht steht, die eigenen Kinder getötet zu haben. Etwa 25 Kilometer entfernt, im Düsseldorfer Hauptbahnhof, hat sich die 27-Jährige nach ersten Erkenntnissen der Polizei vor eine S-Bahn geworfen. Sie überlebt und wird in einem Krankenhaus behandelt. Mit dem ältesten Kind soll sie nach der Tat unterwegs gewesen sein.

Großmutter ruft die Polizei

Ob der elfjährige Junge den Suizid-Versuch der Mutter mitbekommen hat oder sogar mitansehen musste, war zunächst noch unklar. Die Großmutter ruft nach bisherigen Informationen die Polizei kurz vor 14 Uhr an und löst den Großeinsatz in Solingen aus. Sie nimmt den Elfjährigen bei sich auf.

Die dicht bebaute Siedlung im Solinger Stadtteil Hasseldelle stand länger im Ruf, ein sozialer Brennpunkt zu sein, aber es habe sich einiges getan und es sei investiert worden, schildern Ortskundige.

Eine Tat mit einer solch schrecklichen Dimension im Bergischen Land, entsetzlich, schüttelt auch Polizeipräsident Markus Röhrl den Kopf. Stunden nach der Tat werden am Donnerstagabend noch weiter Spuren gesichert. Es seien belastende Bilder für die Beamten, heißt es. Die Leichen der Kinder werden noch in der Wohnung untersucht. Zur Todesursache machen die Ermittler zunächst keinerlei Angaben.

In dem erschütternden Fall sind noch viel Fragen offen. Auch die Rolle und die Person des Vaters bleibt zunächst im Dunkeln. Ein Polizeisprecher sagt lediglich, man habe Kontakt zu ihn aufgenommen. Ansonsten hält er sich in dieser Frage völlig bedeckt. Die Mordkommission ermittelt, gut 40 Beamte sind vor Ort im Einsatz. Am Freitag sollen unter anderem die Nachbarn weiter befragt werden. Und dann wollen die Ermittler auch über die Hintergründe informieren.

Der Donnerstag endet vor dem Ort des Geschehens, der Hausnummer 155, mit einer Trauerminute. Am Hauseingang brennt eine Kerze, sitzt ein Stofftier auf dem Briefkasten. Es ist eine Szene wie auf dem Friedhof – ein endgültiger Abschied. dpa

Die Stadt und der Brandanschlag von 1993


Die 160 000-Einwohner-Stadt Solingen im Bergischen Land ist für ihre Klingenindustrie – Messer und Scheren – bekannt. Leider aber auch für den Brandanschlag auf die türkischstämmige Familie Genc 1993. Damals kamen fünf Menschen ums Leben. Und nun erschüttert das Drama um die fünf toten Kinder die Republik. dpa