Berlin / Dieter Keller Nach dem massiven Corona-Ausbruch in der größten deutschen Fleischfabrik in Rheda-Wiedenbrück stellen sich nicht nur Verbraucher viele Fragen. Von Dieter Keller

Nachdem der Landrat von Gütersloh nach dem massiven Corona-Ausbruch im Stammwerk des Tönnies-Konzerns in Rheda-Wiedenbrück den größten deutschen Schlachtbetrieb komplett geschlossen hat, ist offen, wann er wieder laufen kann – und damit auch, wie sich das auf die Verbraucher auswirkt. Denn dort landet jedes siebte der 55 Millionen geschlachteten Schweine.

Wer ist Tönnies? Der mit Abstand größte deutsche Schlachtkonzern. Mit 16,7 Millionen geschlachteten Schweinen hatte er 2019 einen Marktanteil von 30 Prozent. Das 1971 gegründete Familienunternehmen kam 2018 nach eigenen Angaben mit 16 500 Mitarbeitern im In- und Ausland auf 6,65 Milliarden Euro Umsatz. Es gehört je zur Hälfte Clemens Tönnies (64) und seinem Neffen Robert (42), die sich seit Jahren streiten, wer das Sagen hat.

Wie groß ist das Problem? 730 Mitarbeiter wurden positiv getestet,  gab der Landrat des Kreises Gütersloh, Sven-Georg Adenauer (CDU) – ein Enkel des ersten Bundeskanzlers – bekannt. Dabei liegen erst für 1106 der 7000 Mitarbeiter die Befunde vor. Jetzt werden alle getestet. Sie wurden unter Quarantäne gestellt. Schulen und Kitas im Kreis sind bis auf eine Notversorgung dicht.

Warum sind immer wieder Schlachtbetriebe ein Problem? Wie in der gesamten Branche sind viele, die im Schlachtbetrieb arbeiten, gar nicht bei Tönnies angestellt. Viel mehr wird das Schlachten als Werkvertrag an andere Unternehmen vergeben, die ihre Mitarbeiter häufig aus Osteuropa holen, insbesondere aus Rumänien und Bulgarien. Sie werden oft schlecht bezahlt und in Sammelunterkünften untergebracht, in denen Abstandhalten kaum möglich ist.

Wie kam es jetzt zum Ausbruch von Corona? Das ist noch nicht geklärt. Das Unternehmen geht davon aus, dass Beschäftigte, die am langen Wochenende um Fronleichnam auf Heimaturlaub in Osteuropa waren, das Virus mitgebracht haben könnten. Das bezweifelt Isabella Eckerle, Expertin für Infektionskrankheiten an der Uni Genf: Die hohe Anzahl Betroffener weise auf ein unbemerktes, schon länger vor sich gehendes „Superspreading Event“ im Betrieb hin. Unklar sei, ob alle Hygienemaßnahmen einschließlich Mindestabständen eingehalten wurden. Damit seien die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen offenbar nicht gut vereinbar, sagt Eckerle. Dazu zähle der lange Aufenthalt vieler Personen in geschlossenen Räumen ohne Möglichkeit, genug Abstand zu wahren. Die körperliche Anstrengung während der Arbeit könne zu höherer Virusausscheidung führen. Feuchte Hände, Handschuhe, Schürzen und Kleidung könnten die Übertragung durch Schmierinfektionen begünstigen.

Zudem führt das Unternehmen die kühlen Temperaturen in den Zerlegebetrieben an. Das wäre ein wichtiger Punkt bei der Frage, ob im Herbst bei niedrigeren Temperaturen in Deutschland eine zweite Corona-Welle droht.

Drohen Probleme bei der Versorgung der Verbraucher mit Schweinefleisch ausgerechnet in der Grillsaison? Das hängt davon ab, wie lange der Betrieb geschlossen bleibt, sagt der Generalsekretär des Deutschen Bauernverbands, Bernhard Krüsken. Allein in Rheda-Wiedenbrück werden 14 Prozent aller Schweine in Deutschland geschlachtet. „Ein paar Tage“ seien zu bewältigen, zwei bis vier Wochen ein Problem. Zudem werde es dann für die Züchter schwierig, weil sie die Tiere für ein bestimmtes Schlachtdatum mästen.

Drohen höhere Preise? Auch das hängt laut Krüsken von der weiteren Entwicklung ab. Im Mai war Schweinefleisch 15 Prozent teurer als ein Jahr zuvor. Das lag an der hohen Nachfrage in China, wo wegen der Schweinegrippe die einheimische Produktion stockt.

Kann man sich über Lebensmittel wie Schweinefleisch mit Coronaviren anstecken? Das wurde bisher in keinem Fall nachgewiesen, sagt das Bundesinstitut für Risikobewertung. Es empfiehlt die üblichen Hygieneregeln bei der Zubereitung von Lebensmitteln. In ihnen könnten sie sich nicht vermehren, dazu benötigten sie einen lebenden tierischen oder menschlichen Wirt. Da die Viren hitzeempfindlich seien, könne das Risiko durch Erhitzen weiter verringert werden.

Warum werden Werkverträge in Schlachtbetrieben nicht verboten? Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten fordert das mit sofortiger Wirkung. Doch dazu ist eine Rechtsgrundlage nötig. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) hatte vor drei Wochen angekündigt, er wolle Werk- und Leiharbeit in der Fleischwirtschaft ab 1. Januar 2021 verbieten. Einen Gesetzentwurf will er „in Kürze“ vorlegen. (mit dpa)

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Millionen Schweine hat Tönnies 2019 geschlachtet. Das Unternehmen ist laut Statista der führende Schweineschlachtbetrieb in Deutschland. Der Marktanteil liegt bei 30,3 Prozent.