München / dpa 68er-Ikone Rainer Langhans wird 80 Jahre alt und lebt in der Corona-Krise genauso wie davor: Sparsam, aber umringt von Frauen. Von Sabine Dobel

Er propagierte die sexuelle Revolution, schockte das Establishment mit freizügigen Posen, war mit dem schönen Fotomodell Uschi Obermaier liiert – und überrascht heute mit Aussagen wie: Über das Internet entstehe mehr Kommunikation und damit mehr Liebe in der Welt denn je, der Zölibat sei als Weg zur Spiritualität grundsätzlich richtig, und: „Ich hatte größte Probleme mit Frauen.“ Rainer Langhans, Ikone der 1968er, von Frauen umschwärmt und heute manchmal Apo-Opa genannt, ist mit fast 80 Jahren weiter auf dem Weg zu sich selbst. Am Freitag feiert der Grimme-Preisträger, Autor, Schauspieler und Filmemacher den runden Geburtstag.

Die Corona-Krise sieht Langhans als Chance zur inneren Einkehr und „Meditationseinheit“ für die ganze Gesellschaft. Es sei klar, dass das Leben mit der „Wahnsinnsmobilität“ und dem „Tiere fressen“ nicht weitergehen könne. Für ihn persönlich habe aber die Krise nicht viel geändert – er lebe seit Jahrzehnten in seinem persönlichen Lockdown.

Weiß ist die Kleidung, weiß das Haar, weiß der Dreitagesbart­ansatz – er trage Weiß seit Jahrzehnten, weil es alle Farben enthalte, sagt er. Sparsam ist sein Lebensentwurf: Vegetarische Ernährung. Spaziergänge, ein wenig Tischtennis, ein paar Liegestütze und Klimmzüge. Meditation. „Artgerechte Haltung“ nennt Langhans das. „Ich bin ganz bewusst sehr arm, um nicht gezwungen zu sein, Geld zu verdienen.“ Langhans lebt mit vier Frauen in einer Gemeinschaft namens „Harem“, jede aber in ihrer Wohnung. „Es ist eine Kommune, aber dadurch, dass die Körper nicht zusammenleben, können wir geistig zusammenkommen.“

Sexuelle Revolution gescheitert

„Make love, not war“ – der Slogan gegen Kalten Krieg und Vietnamkrieg sei missverstanden worden, sagt er. Es sei schon in der Kommune 1 um geistige Verbindung gegangen, Langhans spricht von „geistigem Sex“. „Als das wieder wegging, habe ich mit der sexuellen Revolution versucht, mit Uschi Obermaier, wieder dahin zu kommen – aber es ging einfach nicht. Wir kamen nicht wieder dahin. Ich habe das abgebrochen“, sagt Langhans, heute mit Obermaier zerstritten. „Man kann sich noch so viel aneinander reiben und Sex haben. Es bleibt immer ein Geschlechterkampf.“ Wirklich freie Liebe sei von Sex und Körper befreit.

Freilich, das Image bleibt. Für ein vergoldetes Schamhaar von Langhans gab es vor zwei Jahren einen mit 1968 Euro dotierten Kunstpreis. 2011 nahm er am RTL-„Dschungelcamp“ teil. Dafür habe er „mit einem Schlag einen Haufen Geld bekommen“ – den er aber weitestgehend spendete. „Ich habe das ,Dschungelcamp’ gemacht, weil ich es für ein Beispiel halte, wie Kommune geht, ein Kommune-Trainingsprogramm.“

Schon in der K1 galt das Motto: „Das Private ist politisch.“ Anstatt freizügiger Liebe propagiert Langhans nun das freizügige Teilen persönlicher Daten im Netz. „Ich gebe meine Daten freiwillig und bekomme dafür eure“, laute der Deal. Wer ängstlich über seine Daten wache, sei wie jemand, der auf seinem Geld sitze. „Gebt alle Daten frei.“ Wer Anspruch auf Dateneigentum erhebe, führe das kapitalistische System in das postkapitalistische Internet ein.

Und nun der runde Geburtstag: „Der einzige Wunsch, den ich habe, ist weiter und weiter nach innen zu gehen und meinem Meister zu begegnen.“ dpa

Unverstanden oder nicht von dieser Welt

Rainer Langhans wurde als erstes von vier Kindern in Oschersleben bei Magdeburg geboren. Die Eltern geben ihn in ein strenges, religiöses Internat. Danach wird Langhans Zeitsoldat. Das ermöglicht das Studium: zuerst Jura, dann Psychologie – ohne Abschluss. Im „Argumentclub“ und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund findet er Gleichgesinnte und wird Mitbegründer der Kommune 1, entstanden aus der außerparlamentarischen Opposition. Sie wenden sich gegen die Nazi-Generation, den Schah und den Vietnam-Krieg. dpa