dpa Die Liste der weltweit gefährdeten Tier- und Pflanzenarten wird immer länger. Feldhamster, Lemuren und der Nordkaper-Glattwal kämpfen ums Überleben.

Der in Deutschland sehr rar gewordene Feldhamster ist jetzt offiziell in seinem gesamten Verbreitungsgebiet vom Aussterben bedroht. Das geht aus der neuen Roten Liste der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten der Weltnaturschutzunion (IUCN) hervor. Auch Lemurenarten und ein Glattwal im Atlantik sind neu vom Aussterben bedroht, wie die IUCN in Gland bei Genf berichtete.

In der Europäischen Union wird der Feldhamster (Cricetus cricetus) schon streng geschützt, aber bei der IUCN galt er nicht als gefährdet. Naturschützer hatten gedacht, es gebe noch jede Menge der putzig aussehenden Nager in Osteuropa und Russland. Das war falsch. „Wenn sich nichts ändert, wird der Feldhamster in den nächsten 30 Jahren aussterben“, warnt die IUCN jetzt.

Vom Elsass bis nach Sibirien waren die Feldhamster einst millionenfach zu Hause. Für Bauern waren sie eine Pest, weil sie Felder untertunnelten und Ernten auffraßen. Für jeden erlegten Hamster wurden Prämien gezahlt. „Es gibt Schätzungen, dass die Population seit den 50er Jahren um 99 Prozent zurückgegangen ist und es nur noch 10 000 Exemplare in ganz Deutschland gibt“, sagt Feldhamster-Expertin Stefanie Monecke vom Institut für Medizinische Psychologie an der Uni München.

Vermutet wird, dass den Tieren die Monokulturen nicht gut tun. Zwar seien viele Bauern längst hamsterfreundlich geworden, sagt Monecke. Seit 20 Jahren würden Streifen mit Wildpflanzen zwischen Feldern gelassen oder es werde später geerntet. Den Rückgang konnte das nicht stoppen.

Die Spezialistin, die sich mit Chronobiologie, also den zeitlichen Abläufen physiologischer Prozesse und wiederholten Verhaltensmustern befasst, vermutet andere Probleme. Sie hat festgestellt, dass die Feldhamster immer weniger Junge bekommen. Lichtverschmutzung könnte eine Ursache sein. Hamster hätten eine innere Uhr, die steuert, wann sie mit der Reproduktion im Sommer aufhören und wann sie aus dem Winterschlaf aufwachen. Die Uhr wird im Sommer justiert, dafür sei die präzise Wahrnehmung des Sonnenuntergangs nötig. Künstliche Lichtquellen könnten das verwischen. Auch zu wenig Licht könnte ein falsches Signal erzeugen.

„Wenn der Mähdrescher kommt und das Feld kahl ist, verkrümelt sich der Hamster in seinen Bau und sitzt dann im Dauerdunkel“, sagt sie. Für die innere Hamster-Uhr heiße das schon im Juni oder Juli: jetzt ist Winter. Je früher der Hamster aber auf Winter umschalte, desto später fange er im Folgejahr mit der Reproduktion an und bekomme weniger Junge.

Warum braucht die Welt Feldhamster? „Sie sind in eine riesige Nahrungskette eingebunden“, sagt Monecke. Raubvögel, die keine Hamster mehr finden, müssten kleinere Nager jagen, dafür öfter rausfliegen, was auch ihr Leben durcheinanderbringe.

Tödliche Fischernetze

Die IUCN stufte auch 13 Lemuren-Arten als stärker gefährdet ein. 103 der 107 Lemuren-Arten sind jetzt wegen Abholzung und Jagd in Madagaskar vom Aussterben bedroht. Dazu gehört Madame Berthes Mausmaki (Microcebus berthae), mit zehn Zentimetern die kleinste Affenart der Welt. Auch der Glattwal Atlantischer Nordkaper (Eubalaena glacialis) ist neu vom Aussterben bedroht. 2018 gab es geschätzt noch 250 Exemplare. Die Wale folgten Beutetieren, die wegen höherer Ozeantemperaturen Richtung Norden zögen. Dort verhedderten sie sich öfter in Fischernetzen. dpa

Ohne Schutz keine Überlebenschance

In der seit 1964 geführten Roten Liste sind inzwischen gut 120 000 bedrohte Tier- und Pflanzenarten (vorher: gut 116 000) erfasst. Die Liste wird jedes Jahr mindestens einmal aktualisiert. Vom Aussterben bedroht sind heute mehr als 32 000 Arten. Das sind Arten, die nach Meinung der IUCN ohne Schutzmaßnahmen nicht überleben werden. Unterteilt sind sie in drei Stufen: „gefährdet“, „stark gefährdet“ und „vom Aussterben bedroht“. In dieser höchsten Kategorie sind einschließlich Feldhamster jetzt 6811 Arten (vorher waren es 6523). dpa