Hamburg / dpa Wegen der Infektionsgefahr dürfen legale Prostituierte ihr Gewerbe nicht ausüben. Viele fühlen sich ungerecht behandelt und gehen auf die Straße. Von Martin Fischer

Mehr als 80 Prostituierte, maskiert und teils in Lack und Leder, ziehen in Hamburg mit Plakaten, einer Lichtshow und zu Rockhymnen über das Kopfsteinpflaster von der Herbertstraße zur Davidwache. Was Anfang der Woche auf St. Pauli als professionell inszenierte Show daherkam ist Protest. „Wir kämpfen um unsere Existenz“, sagt die 50-Jährige, die sich Ginger nennt und als Domina in der Herbertstraße arbeitet – dort, wo die Prostituierten sonst dicht an dicht und leicht bekleidet in Schaufenstern sitzen und auf Freier warten. Sonst. Denn seit Corona ist alles anders, käuflicher Sex verboten und Ginger wie viele ihrer Kolleginnen arbeits- und einkommenslos.

„Der Staat fickt uns, aber zahlt nicht“, „Auch an Sexarbeit hängen Existenzen“ steht auf den Plakaten, mit denen Prostituierte nicht nur in Hamburg auf die Straße gehen, um eine Wiederöffnung der Bordelle zu fordern. Auch in Berlin, Köln und weiteren Städten gab es Proteste und Aktionen zur Vorstellung von Hygienekonzepten, mit denen auch das Sexgeschäft ohne größeres Infektionsrisiko wieder möglich sein soll – wie in anderen Branchen mit sogenannten körpernahen Dienstleistungen.

Organisiert wird der Protest gegen die Bordellschließungen unter anderem vom Bundesverband sexuelle Dienstleistungen (BSD) und dem Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen (BesD), die neben Sexarbeiterinnen auch Bordellbetreiber vertreten. „In unserer Branche arbeiten viele Menschen, die von der Hand in den Mund leben. Die haben keine Rücklagen“, sagt Johanna Weber vom BesD.

Unterstützung kommt auch von der Deutschen Aidshilfe (DAH), die ebenfalls eine coronabedingte Verdrängung der legalen Prostitution in die Illegalität befürchtet.

Falko Droßmann (SPD), Leiter des Bezirksamts Hamburg-Mitte, ist der – wenn man so will – Bezirksbürgermeister für St. Pauli und dieser Tage oft bei den Frauen in der Herbertstraße, im Zentrum des Protests. „Das sind Menschen, die dürfen wir nicht vergessen, auch nicht in ihrer Berufstätigkeit“, sagt er und betont „dass die Damen, die hier in diesen Prostitutionsstätten arbeiten, angemeldet sind, registriert sind bei der Stadt, Steuern zahlen, Sozialversicherung bezahlen und sich ein Hygienekonzept überlegt haben.“

Sexualität finde nun mal statt, Corona hin oder her. „Der Straßenstrich, den wir in vielen Bereichen nicht kontrollieren können, findet statt und die ganzen Dienstleistungen in Escort-Wohnungen finden statt“, sagt Droßmann. „Und die einzigen, die legal ihre Dienstleistungen anbieten, das sind die, die es nicht machen können.“ Für Hamburg stellte er eine Wiederzulassung der Prostitution zum 1. September in Aussicht, im Schulterschluss mit Niedersachsen und Schleswig-Holstein – vorausgesetzt, die Corona-Fallzahlen gehen nicht weiter in die Höhe.

Das coronabedingte Prostitutionsverbot und der offensiv geführte Protest dagegen befeuern eine alte Kontroverse zwischen Befürwortern der legalen Prostitution in Deutschland und solchen, die ein generelles Sexkaufverbot fordern.

Ginger, die seit 25 Jahren in der Herbertstraße anschafft, sieht es gelassen. „Ich liebe meinen Job“, sagte sie. „Wenn mir jetzt einer sagt, ich solle mich stattdessen hinter eine Supermarktkasse setzen, dann wäre das Zwangsarbeit. Das grenzt für mich an Zuhälterei.“ dpa

Ex-Prostituierte klagt über fehlende Hilfen

Huschke Mau, einst selbst Prostituierte, glaubt nicht an „saubere Prostitution“ und Freiwilligkeit. In ihrem Blog setzt sie sich für das so genannte Nordische Modell ein, das entgeltliche Inanspruchnahme sexueller Dienstleistung unter Strafe stellt – sich also kriminalisierend vor allem gegen Freier richtet. Sie beklagt die fehlenden Corona-Hilfen speziell für Prostituierte.