München / Lothar Tolks Die Corona-Krise hat viele Missstände ins Bewusstsein gerückt, sagt der Mann, der die Pflegeszene seit Jahrzehnten kritisch begleitet. Jetzt müsse das Thema zur Schicksalsfrage der Gesellschaft erklärt werden. Von Lothar Tolks

Wer das kleine Büro von Claus Fussek in einem Hinterhof des Münchner Stadtteils Isarvorstadt betritt, merkt sofort: Er hat es mit einem Überzeugungstäter zu tun. Schreibtisch und Fußboden sind übersät mit Zetteln, Broschüren und Büchern, die Regale an den Wänden voll mit hunderten Ordnern, in denen zigtausende Dokumente des deutschen Pflegenotstands gesammelt sind. Dazwischen ein Plakat, von dem ein Zitat des verstorbenen Kabarettisten Dieter Hildebrandt grüßt: „Wer überall die Finger drin hat, der kann keine Faust mehr ballen!“ Den Kaffee gibt es inmitten von Papierstapeln aus einer weiß-blauen Tasse mit Löwen-Emblem – die zweite Leidenschaft des 67-Jährigen gehört den Fußballern des TSV 1860 ­München.

Herr Fussek, Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer fragt, ob wir in Corona-Zeiten Menschen retten sollen, die in einem halben Jahr ohnehin tot wären. Was antworten Sie ihm?

Offensichtlich haben wir die Corona-Pandemie gebraucht, um die seit Jahrzehnten bekannte Situation in der Pflege zu begreifen. Deshalb möchte ich mit einer Gegenfrage antworten: Ist es wirklich notwendig, mit Blick auf die Pflegesituation eine derart provokante Formulierung zu gebrauchen?

Das Virus lenkt den Blick in diesen Tagen verstärkt auf die Situation der alten und pflegebedürftigen Menschen. Sind Sie erleichtert? Schließlich kämpfen Sie seit mehr als 30 Jahren um mehr Aufmerksamkeit für die Lage der Senioren.

Ich bin dankbar, dass das Thema jetzt verstärkt öffentlich diskutiert wird, schließlich wurde es viele Jahre lang kollektiv verdrängt, und zwar von uns allen. Schon vor Corona gab es Berichte über unerträgliche Zustände in Pflegeheimen – allerdings hat dies nur wenige Menschen interessiert. In der Pflegeszene selbst empörte man sich über die angeblich skandalisierende Berichterstattung in den Medien und sprach von Einzelfällen. In den vergangenen Tagen und Wochen wurden wir täglich mit Zahlen, Sterbestatistiken und Bildern aus Pflegeheimen und Kliniken konfrontiert. Jetzt gibt es keine Ausreden mehr, und niemand spricht mehr von Einzelfällen.

Die Pandemie hat also das Bewusstsein geschärft für längst bekannte Zustände?

Ich bin überrascht, dass sich plötzlich so viele Menschen um die besonders schutzbedürftigen alten, kranken, pflegebedürftigen Risikopatienten sorgen und sich Gedanken machen, wie wir diese besser beschützen könnten. Gemeint ist wohl: isolieren. Von Menschenrechtsorganisationen, Kirchen und Politikern, die jetzt ständig das Grundgesetz zitieren, habe ich in den vergangen Jahren in der Pflegediskussion keine Empörung, keinen Aufschrei gehört. Obwohl doch alle Bescheid wissen.

Welche neuen Erkenntnisse hat uns Corona beschert?

Dass es ohne sorgende Angehörige keine gute Pflege gibt. Pflegeheime müssen Schutzräume sein. Durch die Pandemie haben wir einen deutlicheren Blick dafür bekommen, was sich in vielen Einrichtungen abspielt, gleichzeitig hat wegen der Besuchsverbote vorübergehend ein Warnsystem gefehlt. Es ist nicht mehr 5 vor 12, es ist längst viel später. Wegsperren, Isolation, Vernachlässigung – das alles konnte in den vergangenen Wochen hinter verschlossenen Türen ungehindert geschehen.

Was folgt daraus?

Wir müssen alle sofort gemeinsam konsequent umdenken und handeln – wenn wir das nicht schaffen, dann dürfen wir die verzweifelten, pflegebedürftigen Menschen nicht am Sterben hindern. Wir werden uns dann offen und ehrlich mit den Möglichkeiten der aktiven Sterbehilfe beschäftigen müssen.

Dann begrüßen Sie das Urteil des Bundesverfassungsgerichts, wonach die bisher in Deutschland verbotene Beihilfe zum Suizid nunmehr erlaubt ist?

Es geht um das Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Wir müssen eine ernsthafte Diskussion darüber führen, welche Pflege im Interesse des einzelnen Patienten sinnvoll ist. Mit anderen Worten: Soll er im letzten Lebensabschnitt in einer Klinik intensiv-medizinisch behandelt werden oder palliativ – das heißt: würdevoll, schmerzfrei und empathisch – in einer Pflegeeinrichtung? Wird Letzteres überall selbstverständlich praktiziert, dürfte sich die Frage nach Sterbehilfe weitgehend erübrigen.

Was bedeutet das in der Praxis?

Wir müssen allen hochbetagten Menschen in der häuslichen Versorgung, im Pflegeheim oder im Krankenhaus garantieren, dass sie von gut ausgebildetem Personal palliativ versorgt werden können. Hospizkultur und palliative Grundhaltung gehören zu den grundlegenden Aufgaben der Altenhilfe, jedes Pflegeheim ist im Grunde auch ein Hospiz. Es kann nicht sein, dass sterbende Menschen ihr Pflegeheim in der letzten Phase ihres Lebens noch verlassen müssen. Corona zeigt die ganze Dramatik, bisher sind die meisten Einrichtungen nicht auf Sterbende ausgerichtet. Während es in Hospizen eine Kultur des Sterbens und des Abschiednehmens gibt, wird das Lebensende im Pflegeheim dennoch weiter tabuisiert. Natürlich gibt es auch vorbildliche Einrichtungen mit gelebter Palliativ- und Fürsorgekultur, in denen alte Menschen wissen, dass sie nicht einsam sterben müssen. Es sind aber zu wenige.

Woran liegt das?

Zunächst am Personalmangel. Die dramatische personelle und fachliche Situation in zahlreichen Pflegeheimen will offensichtlich niemand wahrhaben. Der Umgang mit Seniorinnen und Senioren in ihrer letzten Lebensphase hat auch etwas mit Würde und persönlicher Haltung zu tun, doch die Würde des Menschen ist offensichtlich altersabhängig. Auch Angehörige zögern oft, sich zu beschweren, weil sie Angst vor dem Personal haben. Nicht die Pflegekräfte sind die Opfer, sondern die pflegebedürftigen Menschen. Viele Pflegekräfte machen, sobald sie sich um eigene Angehörige in Pflegeheimen und Kliniken kümmern müssen, erschütternde Erfahrungen und erklären: Jetzt bin ich auf der anderen Seite. Ich frage dann zurück: Auf welcher Seite waren Sie vorher?

Was kann das Pflegepersonal an der Situation ändern?

Die Angehörigen der Gesundheitsberufe merken, dass auch unter ihnen solidarischer Zusammenhalt notwendig ist. Es kann nicht sein, dass Pflegerinnen und Pfleger, die sich kritisch zu den Zuständen in den Einrichtungen äußern, um ihren Arbeitsplatz fürchten müssen und dem Mobbing von Kollegen ausgeliefert sind. Die Bezeichnung Nestbeschmutzer sollte vielmehr ein Ehrentitel in diesem Berufsstand werden, das Klima der Angst und des Schweigens muss endlich beendet werden.

Was genau meinen Sie damit?

Viele Pflegekräfte geben ihren Beruf nicht wegen schlechter Bezahlung auf, sondern wegen Mobbings unter den Kollegen. Selbst Auszubildende klagen bereits über Burnout und werfen das Handtuch. Andere leiden unter unwürdigen Arbeitsbedingungen, sind überlastet, ausgebrannt, sie resignieren, werden krank und verabschieden sich schließlich von ihrem Beruf. Das führt zu Personalmangel und dazu, dass wir Pflegekräfte aus dem Ausland benötigen. Bei einem solidarischen Miteinander unter den Kolleginnen und Kollegen im Pflegebereich müsste das nicht sein. Ich bin aber immer wieder erstaunt, wie viele Pflegekräfte über offenkundige Missstände hinwegsehen, sie mittragen und schweigen. Davon berichten unter anderem Notärzte, Rettungssanitäter und Bestatter. In aller Regel bitten sie mich darum, ihre Aussagen anonym zu behandeln. Aus Angst, von den eigenen Kollegen denunziert zu werden und ihren Arbeitsplatz zu gefährden.

Wie könnte eine neue Solidarität aussehen?

In manchen Häusern wurde schon vor Corona ein Wir-Gefühl gelebt. In solchen Einrichtungen verfolgen Pflegekräfte, Angehörige und alle anderen Beschäftigten das gemeinsame Ziel, das Wohlbefinden der ihnen anvertrauten alten Menschen zu sichern. Erreicht wird das mit ehrlicher Kommunikation und Wertschätzung unter den Mitarbeitern, die von den Führungskräften vorgelebt werden muss. Die täglichen Herausforderungen in einer Pflegeeinrichtung kann man nur gemeinsam bewältigen.

Welche Rolle kommt Politikern, einschlägigen Verbänden und Angehörigen zu?

Wir brauchen einen Perspektivwechsel. Das bedeutet, dass wir die Themen Pflege, Gesundheit und Krankheit zur Schicksalsfrage der Gesellschaft erklären müssen. Das kollektive, gleichgültige Wegschauen, Schweigen, Ignorieren, Verharmlosen, Verdrängen muss endgültig vorbei sein. Keiner kann mehr sagen: Davon habe ich nichts gewusst.

Sollte sich das Bekenntnis, dass es um eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe geht, in einer aus Steuern finanzierten Pflege niederschlagen?

Die Frage der Finanzierung ist zweitrangig, letzten Endes zahlen wir jede Form der Pflege selbst. Das System der Pflegeversicherung reicht nicht aus, um die enormen Lasten bei Pflegebedürftigkeit finanziell abzudecken und hat dazu geführt, dass der Anteil der privaten Eigenleistungen immer weiter steigt. Klar ist aber, dass man den Pflegebereich und seine Finanzierung nicht den Gesetzen der freien Marktwirtschaft überlassen darf.

Sozialarbeiter und mehrfacher Buchautor

Der gelernte Sozialarbeiter Claus Fussek (67) stammt aus Bad Tölz und kritisiert seit mehr als 30 Jahren öffentlich die Zustände in deutschen Pflegeeinrichtungen. Hauptberuflich ­arbeitet Fussek im Verein für Integrationsförderung e.V., den er 1978 mitgegründet hat. Er ist Verfasser mehrerer Bücher, zuletzt, zusammen mit Gottlob Schober: „Es ist genug! Auch alte Menschen haben Rechte.“ (Knaur, Neuauflage 2019). Fussek, der für sein Engagement unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und der Bayerischen Gesundheits- und Pflegemedaille ausgezeichnet wurde, ist Mitglied der Pflegeethik-Initiative und der Fachgesellschaft Palliative Geriatrie.