Ulm / Agnes Pahler Wie kleine Schirme spannen sie ihre zarten Blüten auf: Die fragilen Gewächse sind ein Blickfang im Garten und sorgen obendrein für Insektenvielfalt. Von Agnes Pahler

Will man diese Gewächse überhaupt im Garten haben? Zur Pflanzenfamilie der Doldenblütler gehört schließlich der Giersch, der bekanntermaßen alles zuwuchert und die erwünschten Stauden und Sommerblumen verdrängt. Wer Giersch im Garten hat, kann ein leidiges Lied singen von unermüdlichem Ausstechen und Schneiden – Sisiphos lässt grüßen. Jedenfalls blühen soll der Giersch bestimmt nicht. Legen wir all diese Vorbehalte zur Seite, dann können wir in den verwandten Arten reizvolle Pflanzen sehen, die grazile Blütenstände entwickeln.

Die Doldenblütler haben ihren Namen von ihrem Blütenstand, dessen Stiele in einem Punkt entspringen. Wie ein Schirm spannt sich die Dolde auf und so formen die vielen kleinen, meist weißen Blütchen einen Blickfang, zarter als feinste Spitze. Weil Doldenblütler in unserer freien Natur häufig vorkommen, begegnen wir ihnen traditionell mit Geringschätzung. Auf den Wiesen blühen im Hochsommer zierlicher Wiesenkerbel, robuste Kleine Bibernelle oder derber Wiesenbärenklau. Ihre weißen Dolden wirken im Meer der Wiesenblumen wie Schaumkronen und sie markieren für uns unverkennbar den Sommer.

Doch leider werden die Doldenblütler auf den güllegedüngten Wiesen seltener – so wie alle Blütenpflanzen. Nur noch an nährstoffarmen Standorten am Wegrand breiten sie sich aus und auch im Garten lernen wir, die lange verkannten Schönheiten zu schätzen. Die genügsame Kleine Bibernelle wächst sogar noch am trockenen Straßenrand, gleichgültig wie viel Streusand im Winter dorthin gefallen ist, was andere Pflanzen längst abgetötet hätte. Die Wilde Möhre mit ihrem hoch aufragenden großen Blütenstand ziert nicht nur zur Blütezeit, sondern noch lange als dürrer pittoresker Samenstand. Die hochgezogenen Doldenäste formen mit Raureifzierde im Winter hübsche jahreszeitliche Aspekte und an den verbliebenen Samen stärken sich Vögel während der kalten Jahreszeit. Doch jetzt ist erst einmal Sommer und es geht darum, Leben in den Garten zu bringen. Doldenblütler sind aus diesem Blickwinkel unentbehrliche Gewächse für einen gesunden Garten, denn sie locken viele Insekten an.

Viele Blüten, viele Pollen

Weil sich die Dolden aus so vielen Einzelblüten zusammensetzen, bietet der riesige Blütenstand eine große Pollenmenge. Viele Röhrenblüten halten Nektar für blütenbesuchende Insekten bereit, doch nur langrüsselige Schmetterlinge und kräftige Wildbienen kommen an die süße Nahrung. Fliegen mit ihren kurzen Rüsseln brauchen andere Nahrungsquellen. Sie bedienen sich an den offen daliegenden Staubblättern der Doldenblütler. Blühen Dolden im Garten auf, kommen Schwebfliegen herbei, die zwar Pollen naschen, aber vor allem Jagd auf Blattläuse machen. Nicht zufällig ließ man früher in den Bauerngärten den Dill zur Blüte kommen, obwohl in diesem Stadium das Kraut nicht mehr zart schmeckt. Die gelben Blütendolden an den hohen Stängeln des Dills locken Schwebfliegen und andere Nützlinge in den Garten und fördern dadurch ein gesundes Gleichgewicht der Organismen, wodurch Schädlinge wie die Blattläuse nicht überhand nehmen können. Der Dill gehört zu wenigen gelb blühenden Doldenblütlern. Auch der aromatisch duftende Gewürzfenchel blüht gelb und ebenfalls der wilde Pastinak, dessen gelbe Dolden im August an den Straßenböschungen stehen.

Doldenblütler erscheinen nicht nur in den mehrjährigen Wiesen aus heimischen Pflanzenarten. Man hat ihren dekorativen Wert auch für Blumenrabatten entdeckt. Die hoch aufwachsende Echte Engelwurz oder Angelica kennt man schon lange als Nutzpflanze: Die Blattstiele hat man früher kandiert, aus den zuckerreichen Wurzeln bereitete man Kräuterlikör. Heute pflanzt man die mehr als zwei Meter hohe, auffällige Gestalt inmitten von Staudenrabatten, die allerdings stets ihre Bodenfeuchtigkeit bewahren sollen. Auf bodenfeuchten Standorten entwickelt sich die große Angelica gigas sehr schön. Die großen rundlichen Dolden mit ausnahmsweise dunkelroten Blüten erscheinen erst im zweiten Jahr.

Einige Doldenblütler eignen sich hervorragend, um trockene Bereiche im Garten zu bedecken. Aus den osteuropäischen Steppengebieten stammt der Breitsame (Orlaya), der nur 30 bis 40 cm hoch wird, aber ausladende duftige Dolden entwickelt, die mit ihren großen weißen Randblüten umso auffälliger wirken. Ebenfalls von sonnigen, kalkhaltigen Hängen im Gebirge kennt man das Laserkraut, auch Bergkümmel genannt. Es ziert nicht nur mit den halbkugeligen weißen Dolden, sondern mit festem, in ovale Blattabschnitte geteiltem Laub, das sich mit seiner leicht bläulichen Färbung zwischen den Nachbarpflanzen abhebt.

Kinderkrippe für Edelfalter

Zu den schönsten Schmetterlingen hierzulande gehört der Schwalbenschwanz. Seine Raupen entwickeln sich ausschließlich an Doldenblütlern. Wer somit Kerbel, Bibernelle oder Wilde Möhre im Garten stehen hat, kann mit etwas Glück die farbig gestreiften Raupen entdecken: Jeweils ein lindgrüner Streifen wechselt mit schwarzen oder schwarz-orange gefleckten Streifen ab. Was so schön aussieht, bedeutet in der Wiese perfekte Tarnung. Wer sich an dem Falter mit der prächtigen schwarzen Zeichnung auf hellgelbem Grund erfreuen will, muss dafür sorgen, dass sich Larven entwickeln können, die sich kunstvoll mit einem Faden am Stängel zum Verpuppen aufhängen.