Ulm / Thomas Luther Liquidität Viele Firmen sind gezwungen, sich in der Folge der Coronakrise zu verschulden. Doch es gibt andere Möglichkeiten, den Spielraum zu erhöhen, um das anlaufende Geschäft zu finanzieren. Von Thomas Luther

Nach dem Shutdown zur Eindämmung der Corona-Pandemie muss die Wirtschaft in Baden-Württemberg wieder anlaufen. Vor allem viele Mittelständler sind durch die Zwangspause in eine existenzbedrohende Krise gerutscht. Für sie kommt es nun darauf an, die Produktion zügig hochzufahren, um wirtschaftlich wieder Tritt zu fassen. Doch die finanziellen Reserven vieler Betriebe sind aufgezehrt. Sie stehen nun vor der großen Frage, wie sie das anlaufende operative Geschäft finanziert bekommen.

Der naheliegendste Weg ist, dafür einen Hilfskredit der KfW oder der L-Bank in Anspruch zu nehmen. Knackpunkt dabei: Den Antrag müssen Unternehmer über ihre Hausbank stellen, die dann auch die Bonitätsprüfung vornimmt. Bei den meisten Hilfsprogrammen übernehmen die staatlichen Förderbanken zwar den Großteil des Ausfallrisikos. 10 bis 20 Prozent verbleiben jedoch bei den Hausinstituten. Diese müssen daher eine Beurteilung vornehmen, ob der Kreditnehmer seinen Geschäftsbetrieb über die Dauer des Darlehens hinweg fortführen kann. So schreiben es den Banken die Aufsichtsregeln vor.

Zehn Jahre Kredit-Laufzeit

In der jetzigen Situation sind die Geschäftsaussichten der meisten Unternehmen jedoch alles anderes als verlässlich und sicher. Deswegen lehnen viele  Banken und Sparkassen viele Anträge schon beim Erstgespräch ab.

Die Bundesregierung hat daher seit Mitte April über die staatliche Förderbank ein weiteres Kreditprogramm in der Größenordnung von 50 Mrd. € auf den Weg gebracht. Anders als zuvor, werden die Hausbanken dabei von jeder Mithaftung freigestellt. Um die Mittel zu bekommen, reicht es, wenn ein Unternehmen 2019 Jahr oder im Durchschnitt der vergangenen drei Jahre Gewinn gemacht hat, Ende 2019 nicht in der Krise war und geordnete Verhältnisse vorweisen kann. Das Kreditlimit liegt bei 800 000 €. Die Laufzeit ist auf zehn Jahre gestreckt worden.

Ein solcher Hilfskredit mag den betroffenen Firmen zunächst wieder auf die Beine helfen, doch er ist auch eine zusätzliche Last auf dem Schuldenberg, unter dem viele von ihnen ächzen. „Die über die Förderbanken ausgereichten Kredite sind zwar zinsgünstig, aber es sind und bleiben Fremdmittel“, sagt denn auch Britta Becker, Partnerin bei der Unternehmensberatung EY und Leiterin Capital and Debt Advisory.

Auf Kreditgeber zugehen

Generell sind Unternehmen daher gut beraten, in der jetzigen Situation ihre Kosten abzuklopfen. Es gilt, von innen heraus finanzielle Mittel zur Finanzierung des operativen Geschäfts zu mobilisieren. „Es gibt mehrere Optionen, mit denen ein Unternehmen seine Liquidität verbessern kann“, sagt Sandra Pfister, Rechtsanwältin bei der Sozietät Heuking Kühn Lüer Wojtek. „Sie können etwa auf ihre Kreditgeber, die Finanzbehörden oder ihren Vermieter zugehen und über vorübergehende Vertragsanpassungen oder eine Stundung oder Herabsetzung von Zahlungen sprechen. Außerdem können Gewinne parallel zu Kosteneinsparungen im Unternehmen belassen werden.“

Und EY-Beraterin Becker ergänzt: „Man kann zum Beispiel mit Lieferanten über verlängerte Zahlungsziele verhandeln. Zumindest ist es sinnvoll, das finanzielle Fristenmanagement zu optimieren.“ Eine Möglichkeit dafür ist Factoring, also der Verkauf von Forderungen (siehe Infokasten).

Allerdings: Mit diesen Maßnahmen verschieben Unternehmen Verbindlichkeiten nur in die Zukunft. Betriebe, die trotz der Corona-Krise immer noch auf vergleichsweise soliden Füßen stehen, empfiehlt Jakob Rüden, Partner bei McKinsey & Company, an die Substanz zu gehen: „Um den Liquiditätsabfluss abzufedern, sollten Firmen zuerst ihre Eigenmittel ausreizen“. Das reiche von Investitionskürzungen bis zur Reduktion des Working Capitals, also die Differenz zwischen Umlaufvermögen und kurzfristigen Verbindlichkeiten.

Außerdem sollten Firmen bestehende Kreditlinien nutzen. „Erst dann sollten sie über zusätzliche Fremdmittel nachdenken“, sagt Rüden und rät Verantwortlichen in den Unternehmen dazu, in Szenarien zu denken. „Dann kann man den Liquiditätsbedarf auch für die Zeit des ‚Hochfahrens‘ einschätzen und bei der Ermittlung des gesamten Finanzierungsbedarfes berücksichtigen.“

Viele Betriebe haben mittlerweile jedoch kaum eine andere Wahl, als die Verschuldung hochzufahren. Damit sie nicht allein durch die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie in die Pleite getrieben werden, hat der Bundestag die Aussetzung der Insolvenzantragspflichten beschlossen. Die neuen Regelungen sind rückwirkend bereits zum 1. März in Kraft getreten und gelten vorerst bis 30. September 2020. „Das gibt in Bedrängnis geratenen Unternehmen die nötige Luft, um staatliche Hilfen zu beantragen und Sanierungsbemühungen voranzutreiben“, ließ Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) dazu verlauten.

Doch bei vielen Unternehmern, die Hilfskredite beantragt haben, schürt diese Neuregelung eher die Verunsicherung, als dass sie  Klarheit schafft. Verantwortliche in den Firmen stehen im Fall des Falles vor der Frage, ob sie mit einem Insolvenzantrag warten können, wenn sich eine Zahlungsunfähigkeit anbahnt oder bereits eingetreten ist, ihr Antrag aber noch in der Bearbeitung ist. „Ich warne Unternehmensverantwortliche davor, darauf zu spekulieren, dass Anträge zeitnah genehmigt und Gelder ausgezahlt werden“, sagt Cornelius Knecht, Co-Leiter des Bereichs Restrukturierung der Unternehmensberatung EY am Standort Stuttgart angesichts der Antragsflut, mit der die Banken überschwemmt werden. „Die Aussetzung der Pflicht setzt nicht die Gründe für einen Antrag außer Kraft“, betont der EY-Experte.

Heikle Situation

Damit die Antragspflicht als ausgesetzt gilt, müssen zwei Bedingungen erfüllt sein: Der Antragsgrund ist bedingt durch die Corona-Krise eingetreten, und es gibt die Aussicht auf Sanierung. „Beim ersten Kriterium hat der Gesetzgeber die Begründung vereinfacht, indem grundsätzlich von einem Coronabezug auszugehen ist, wenn im Betrieb am 31. Dezember 2019 noch keine Krise vorlag“, erläutert Knecht. Damit hat nach seinen Worten der Gesetzgeber an diesem Punkt Rechtssicherheit geschaffen.

Deutlich schwieriger indes ist angesichts der dynamischen Entwicklung der Krise der Umgang mit dem zweiten Kriterium. Sowohl für das Management als auch für kreditgebende Banken ist es es komplex, die Aussicht auf Sanierung, zu beurteilen. „Zum Beispiel sollte nach den ersten Gesprächen mit der Hausbank die begründete Möglichkeit erkennbar sein, finanzielle Staatshilfen zu bekommen“, sagt der Unternehmensberater und Restrukturierungsexperte. „Ist das nicht der Fall und kann das Unternehmen nicht mehr seinen laufenden Verpflichtungen nachkommen, kann es sich nicht auf die Aussetzung der Antragspflicht für einen Insolvenzantrag berufen.“

Allerdings: „Erhält ein Unternehmen im Aussetzungszeitraum einen Kredit, sind alle Rückzahlungen auf diesen Kredit bis zum 30. September 2023 sowie alle im Zeitraum 1. März bis 30. September 2020 – nachträglich – gewährten Sicherheiten nicht anfechtbar“, erläutert Karsten Kiesel, Rechtsanwalt bei der Sozietät Schultze & Braun in Achern. „Sie werden nicht als Benachteiligung von Gläubigern eingestuft.“

Häufig jedoch dürfte in der aktuellen Situation auch ohne diese Einschränkung die Gemengelage bei vielen Unternehmen unübersichtlich sein. In diesem Fall empfiehlt EY-Restrukturierungsexperte Knecht: „Die Verantwortlichen in den Unternehmen sollten die betriebliche Situation sehr genau dokumentieren und sich insolvenzrechtlich beraten lassen, um sich nicht dem Vorwurf einer Insolvenzverschleppung auszusetzen.“

Forderungen schnell zu Geld machen

Eine Möglichkeit für
Firmen, schnell Liquidität zu generieren, ohne die Verschuldung hochzutreiben, ist Factoring. Dazu verkaufen die Unternehmen bestehende Forderungen an eine Factoring-Gesellschaft und kommen somit umgehend an ihr Geld. „Das Instrument Factoring gewinnt in der Coronakrise an Bedeutung“, registriert Michael Ritter, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbands Factoring für den Mittelstand (BFM).

Viele Anbieter berichten über zunehmende Anfragen von Neukunden. „Aber auch von Bestandskunden wird Factoring gezielter eingesetzt, um krisenrelevante Vorteile zu nutzen: planbare und schnelle Mittelzuflüsse, verbunden mit einem regresslosen Forderungsausfallschutz“, sagt Ritter. Zusätzlich würden Kunden eine längere Ausnutzung ihrer eingeräumten Linien wünschen. Schließlich müssen sie damit rechnen, dass  Kunden erst später zahlen.