Sandra Weiss Der Killerpilz TR4 hat schon Anbauregionen in Asien und Afrika verwüstet und breitet sich jetzt auf Lateinamerikas Exportplantagen aus. Von Sandra Weiss

Es war eines der Horrorszenarien der Lebensmittelindustrie. Nun ist es nahezu gleichzeitig mit dem Coronavirus eingetroffen: TR4 hat Lateinamerika erreicht. Das Kürzel steht für einen Pilz, Tropical Race 4, der bereits Bananenplantagen in Asien und Afrika verwüstet hat und sich nun auch in Lateinamerika ausbreitet, wo vier der fünf weltweit wichtigsten Bananenexporteure sitzen. Der Pilz lebt im Boden, erreicht die Pflanze über die Wurzeln und blockiert die Wasserversorgung, so dass sie vertrocknet. Das Rennen um eine resistente Sorte läuft mittlerweile auf Hochtouren.

In Gefahr ist ein Milliarden-Exportgeschäft. Kolumbien war das erste südamerikanische Land, das die Alarmglocken läutete. „Uns haben gleich zwei Pandemien erreicht, TR4 und das Coronavirus“, sagte der Vorsitzende der Vereinigung kolumbianischer Bananenanbauer, Emerson Aguirre, der Nachrichtenagentur rtr. Das Coronavirus erschwerte wegen Infektionsherden auf den Plantagen und sanitären Vorsichtsmaßnahmen die Ernte auf den Plantagen, die nicht vom Pilz betroffen waren.

Anfang Juli hat auch Costa Rica den Notstand ausgerufen. Das Geld aus dem Notfonds wird laut Präsident Carlos Alvarado für die Überwachung der Plantagen und das Training von Spezialisten ausgegeben. 140 000 Arbeitsplätze hängen dem Verband Corbana zufolge an der gelben Frucht; 75 Prozent davon sind an der strukturschwachen Karibikküste angesiedelt. Costa Rica exportiert Bananen im Wert von rund einer Milliarde US-Dollar jährlich.

Ernährungsnotstand droht

Keine der kommerziell angebauten Bananen-Sorten wird von der Plage verschont. Dramatisch ist es aber vor allem für die weltweit am meisten gehandelte und in Monokulturen angebaute Cavendish. Sie ist bei Exporteuren beliebt wegen ihrer geringen Druckanfälligkeit und weil sie grün geerntet werden kann und nachreift. Auf dem Spiel steht aber auch die Ernährungssicherheit zahlreicher Staaten in der Karibik und Mittelamerika, wo Bananen besonders bei der ärmeren Bevölkerung einen wichtigen Teil der Ernährung ausmachen.

Schon Mitte des 20. Jahrhunderts vernichtete eine Variante des Pilzes die mittelamerikanischen Plantagen, auf denen damals die Sorte Gros Michel angebaut wurde. Die gegen den Pilz resistente Cavendish war die Rettung. Der neue Pilz befällt aber auch die Cavendish. Er war Ende der 90er Jahre in Taiwan aufgetaucht, hatte sich zunächst in Asien verbreitet, bis nach China und Australien. Vor fünf Jahren wurde er erstmals im afrikanischen Mosambik gefunden, 2019 dann in Kolumbien.

Um die Ausbreitung zu stoppen, werden fast so drastische Maßnahmen ergriffen wie gegen das Coronavirus: Wer eine infizierte Plantage betritt, wird danach desinfiziert, ebenso das Arbeitsgerät. Doch der Pilz kann auch über Autoreifen oder Bewässerungskanäle transportiert werden. Bislang gibt es gegen ihn kein wirksames Mittel. Bauern versuchen, ihn zu isolieren, indem sie im weiten Umkreis alle anderen Bananenpflanzen ausreißen. Doch dann ist es in der Regel schon zu spät. Der Pilz ist meist über ein Jahr im Boden, bevor sich die ersten Symptome an erkrankten Pflanzen zeigen. Diese relativ langsame Verbreitung gibt den Forschern Zeit, um nach Gegenmitteln oder resistenten Sorten zu suchen.

Eine gentechnisch modifizierte Cavendish-Sorte aus Australien befindet sich derzeit im Teststadium. Ob die Konsumenten auch zu Gen-Bananen greifen werden, ist fraglich. Experten halten dies ohnehin nicht für die beste Lösung. „Wir brauchen weniger Monokulturen und mehr Biodiversität“, fordert beispielsweise Gerrit Kema von der niederländischen Agraruniversität von Wageningen. Damit würde auch der Einsatz von Agrogiften abnehmen, was der Gesundheit der Plantagenarbeiter zuträglich wäre – aber den Endpreis in den Supermärkten erhöhen würde.

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Prozent der Bananen-Varianten sind einer niederländischen Studie zufolge resistent – diese sind jedoch meist Kochbananen oder wilde Sorten, die kommerziell nicht verwertbar sind.