Tübingen / Daniel Wydra Wer schlecht mit Unsicherheit umgehen kann, ist besonders anfällig für Verschwörungstheorien, sagt der Wissenschaftler. Ein Gespräch über Radikalisierung, Vereinfachung und traditionelle Männlichkeit. Von Daniel Wydra

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie ist Michael Butter ein gefragter Mann. Geht es um Verschwörungstheorien, führt an dem Tübinger Professor so gut wie kein Weg vorbei, gilt er doch als der Experte auf dem Gebiet. Und das als Amerikanist. Wer Amerikanistik studiert, muss sich nicht zwingend mit Verschwörungstheorien und Komplotten beschäftigen, wolle man die amerikanische Literatur verstehen, komme man aber nicht daran vorbei, sagt Butter am Telefon. Und so arbeitete sich der 43-Jährige für seine Promotion in das Thema ein – und kam nie wieder davon weg.

Herr Professor Butter, warum erforschen Sie Verschwörungstheorien? Wie kam es dazu?

Ich habe meine Doktorarbeit über Darstellungen von Adolf Hitler in der amerikanischen Literatur geschrieben. Da gibt es ganz viele Romane, in denen es um Hitlers Klone, Tochter, Hitlers Sohn geht – als Teil von Verschwörungsszenarien. Meist geht es darum, sich ins Weiße Haus zu schleichen und Präsident zu werden. Und wenn man da angekommen ist, muss man sich mit Verschwörungen und Verschwörungstheorien beschäftigen. Und dann bin ich irgendwie nie mehr davon weggekommen.

Was ist für Sie eine Verschwörungstheorie?

Verschwörungstheorien gehen erstens davon aus, dass alles geplant wurde, also nichts durch Zufall geschieht. Sie gehen zweitens davon aus, dass nichts so ist, wie es scheint, man also hinter die Kulissen blicken muss, um zu erkennen, was wirklich passiert. Und wenn man das macht, stellt man drittens fest, dass alles miteinander verbunden ist. Dass Verbindungen existieren zwischen Personen, Ereignissen und Institutionen, die man niemals für möglich gehalten hätte.

Was ist das Gefährliche an solchen
Theorien?

Nicht alle Verschwörungstheorien sind gefährlich, auch nicht alle Verschwörungstheoretiker. Wir wissen aber mittlerweile, dass sie in mehrfacher Hinsicht problematisch sein können. Erstens: Verschwörungstheorien können zu Radikalisierung führen und damit auch zu Leuten, die die Waffe in die Hand nehmen, wie in Christchurch oder Halle. Zweitens sind Verschwörungstheorien aus dem medizinischen Bereich oft problematisch. Wer denkt, dass es das Aids-Virus nicht gibt, dass das Coronavirus komplett harmlos ist oder dass Impfen Autismus verursacht, der wird sich und seine Angehörigen oft nicht impfen lassen und dadurch sich und andere gefährden.

Und drittens?

Drittens können Verschwörungstheorien den demokratischen Prozess stören. Insbesondere wenn sie davon ausgehen, dass alle politischen Parteien unter einer Decke stecken, dass es also vollkommen egal ist, für wen man stimmt, weil die Leute eh alle nur den gleichen Herren dienen. Dann ziehen sich die Leute entweder zurück und werden politikverdrossen. Oder sie stimmen für diejenigen, die sich als die wahre Alternative generieren, zur Lösung der Probleme im Normalfall aber nichts beizutragen haben.

Wie unterscheiden sich die Theorien von realen Verschwörungen?

Eine reale Verschwörung lässt sich zweifelsfrei nachweisen. In der Regel sind an ihr deutlich weniger Menschen beteiligt als an dem, was Verschwörungstheoretiker sich vorstellen. Und reale Verschwörungen erreichen oft sehr kurzfristig ihre Ziele. Dann allerdings geschehen Dinge, die man nicht vorhergesehen hat und nicht kontrollieren kann. Denken Sie an die Ermordung von Julius Caesar 44 vor Christus. Mehrere Dutzend römische Senatoren haben sich gegen ihn verschworen. Das kurzfristige Ziel – Caesar zu töten – wird erreicht. Aber das eigentliche Ziel, die römische Republik zu bewahren, wird überhaupt nicht erreicht. Auf den Tod Caesars folgt ein Bürgerkrieg, an dessen Ende die römische Republik Geschichte ist.

Seit wann gibt es Verschwörungstheorien?

Die Forschung geht davon aus, dass es Vorläufer in der Antike gab, im alten Griechenland und im alten Rom. Moderne Verschwörungstheorien entstanden aber erst in der frühen Neuzeit, im Zuge der Religionskrise etwa um 1580, weil es erst dann die Bedingungen gab, die man für Verschwörungstheorien braucht: Eine lesende Öffentlichkeit, in der Texte zirkulieren können. Und den Buchdruck, damit die Texte überhaupt existieren können.

Wie entstehen Verschwörungstheorien?

Verschwörungstheorien sind Versuche, die Welt zu erklären. Es gibt oft die Idee, dass Verschwörungstheorien besonders in Krisenzeiten Konjunktur haben, da bin ich mir nicht sicher, ob das stimmt. Ich glaube, Verschwörungstheorien haben in den letzten dreihundert Jahren fast immer Konjunktur gehabt. In den vergangenen Jahren vor allem durch das Internet. Sie machen ein starkes Sinn- und Erklärungsangebot. Sie schließen Chaos und Zufall aus. Sie entwerfen eine Geschichte, in der alles aufgeht, in der alles Sinn ergibt. Das ist für viele Menschen sehr attraktiv.

Durch die Corona-Pandemie haben diese Theorien wieder Konjunktur. Gibt es Unterschiede zwischen den klassischen Verschwörungstheorien und den Theorien über Corona?

Solange sie vollkommen akzeptiert und in der Mitte der Gesellschaft verankert waren, richteten sich Verschwörungstheorien vor allem gegen Außenseiter und Minderheiten und Feinde von außen. Meistens waren es die Eliten, die diese Verschwörungstheorien verbreiteten und den Schwächeren Komplotte unterstellten. Heute ist das ganz anders: Heute sind Verschwörungstheorien eher an die Ränder der Gesellschaft gewandert. Sie sind insofern ein Mittel für Menschen, um die Mächtigen ins Visier zu nehmen und ihnen vorzuwerfen, dass sie sich verschworen haben.

Donald Trump betont auch oft, dass die Folgen des Coronavirus übertrieben dargestellt würden. Ist er ein Verschwörungstheoretiker?

Wenn Sie es so definieren, dass ein Verschwörungstheoretiker jemand ist, der an diese Theorien glaubt, dann bin ich mir nicht sicher, ob Trump einer ist. Wenn ein Verschwörungstheoretiker jemand ist, der Verschwörungstheorien verbreitet, dann ist Trump definitiv einer. Zwar verbreitet er oft nur Gerüchte, in entscheidenden Momenten aber auch veritable Verschwörungstheorien.

Wer ist besonders empfänglich für Verschwörungstheorien?

Menschen, die sich machtlos fühlen oder schlecht mit Unsicherheit umgehen können. Demografische Faktoren sind dagegen schwerer zu identifizieren. Tendenziell sind allerdings eher Männer empfänglich als Frauen. Gleichzeitig gilt: Je höher der Bildungsgrad, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man an Verschwörungstheorien glaubt.

Warum glauben mehr Männer an solche
Theorien?

Weil Verschwörungstheorien vermutlich eine Antwort auf eine Krise von traditioneller Männlichkeit bieten, die in der westlichen Welt seit einigen Jahrzehnten vorherrscht. Männlichkeit wird immer noch sehr stark über eine Beschützer- und Versorgerrolle definiert. Verschwörungstheorien reagieren oft auf Prozesse wie Globalisierung, durch die die Beschützer- und Versorgerrolle in Frage gestellt wird.

Wie groß ist die Gefahr, auf Verschwörungstheorien hereinzufallen, ohne es zu merken?

Das kommt darauf an, wieviel man über Verschwörungstheorien weiß. Oft tarnen sie sich, indem sie mit dem Gestus des Fragens operieren. Aber dabei implizieren sie die ganze Zeit die Antwort, die sie eigentlich geben wollen. Das kann also schon einmal passieren. Deswegen ist es wichtig, über Verschwörungstheorien aufzuklären.

Wie?

Es ist wichtig, dass die Aufklärung schon in der Schule geschieht. Dort kann man es am systematischsten vermitteln.

Auf vielen Demos beschweren sich derzeit Bürger, dass die Demokratie vermeintlich ausgehöhlt wird.

Es ist ein Unterschied, ob ich es problematisch finde, wie in der Corona-Krise politische Entscheidungen getroffen werden oder ob ich behaupte, dahinter steckt ein systematischer Plan zur Abschaffung der Demokratie.

Wie sollte die Politik damit umgehen?

In den allermeisten Fällen lässt sich legitime Kritik gut abgrenzen von Verschwörungstheorien. Insofern sollte man legitime Kritik ernst nehmen und Verschwörungstheorien klar als solche benennen.

Wie viele Menschen in Deutschland glauben daran?

Das kann man nur schätzen. Es gibt einerseits Umfragen, die nach konkreten Verschwörungstheorien fragen – 17 Prozent glauben an Theorien zu den Anschlägen vom 11. September, 17 Prozent an jene zur Mondlandung, sagt eine Studie der Uni Mainz. Die Mitte-Studie aus Leipzig hat 2019 das erste Mal nach Verschwörungstheorien gefragt. Fast die Hälfte der deutschen Bevölkerung stimmt dort bestimmten Aussagen zu. Ich denke, dass die Wahrheit dazwischen liegt. Dann ist vielleicht ein Viertel bis ein Drittel der deutschen Bevölkerung für Verschwörungstheorien empfänglich.

Sie bekommen oft Post von Verschwörungstheoretikern oder treffen Sie bei ihren
Vorträgen. Wie gehen Sie damit um?

Wenn die Leute höflich sind, rede ich auch höflich mit ihnen oder antworte auf ihre E-Mails. Wenn sie mich beschimpfen, ignoriere ich das oder lösche die E-Mail.

Wie sollte man Verschwörungstheoretikern im privaten Umfeld begegnen?

Wenn das Menschen sind, die komplett von ihren Verschwörungstheorien überzeugt sind, dann hat man mit Argumenten im Normalfall keine Chance. Wir wissen aus Studien, dass überzeugte Verschwörungstheoretiker noch mehr an ihre Theorien glauben, nachdem man sie mit schlüssigen Gegenbeweisen konfrontiert hat. Wenn es Leute aus dem engsten Familien- oder Freundeskreis sind, sollte man eher versuchen, Fragen zu stellen, offen heranzugehen, versuchen, nach Details zu fragen.

Und bei Menschen, die nicht völlig überzeugt sind?

Da helfen Fakten sehr wohl. Dann ist es sehr wichtig, darauf hinzuweisen, dass das eine Verschwörungstheorie, eine problematische Argumentation ist, dass es vielleicht auch sehr problematische Quellen sind, auf die sie sich beruft.

Was ist für Sie die unglaublichste Verschwörungstheorie?

Ich finde immer noch die Reptiloiden-Verschwörungstheorie einigermaßen unglaublich – also dass wir regiert werden von einer Rasse außerirdischer Reptilien, die vor vielen tausend Jahren auf die Erde gekommen sind und sich von unserer negativen Energie speisen. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Leute gerade im anglo-amerikanischen Raum daran glauben.

Professor für Amerikanistik und Buchautor

Nach seinem Abitur am Hellenstein-Gymnasium in Heidenheim studierte Michael Butter (43) Anglistik, Germanistik und Geschichte auf Lehramt in Freiburg. Von 2004 bis 2007 promovierte er in Bonn im Fach Amerikanistik. 2012 wurde er in Freiburg habilitiert. Ein Jahr später wurde er Professor für Amerikanistik in Wuppertal, bevor er 2014 an die Universität ­Tübingen wechselte. Dort forscht er unter anderem zu Verschwörungstheorien und Heldenerzählungen. Butter ist Autor mehrerer Bücher. In seinem 2018 erschienenen Buch „Nichts ist, wie es scheint“ beschäftigt sich er sich mit dem Aufbau und der Verbreitung von ­Verschwörungstheorien.