Leen Shaker hat Mittagspause und damit Zeit für ein Gespräch in der kieferorthopädischen Zahnarztpraxis im Münchner Stadtteil Nymphenburg. Das bekannte Wittelsbacher-Schloss und der Kanal sind ein paar Meter um die Ecke. Es ist Ende August 2020. „Seit einem Jahr arbeite ich hier“, erzählt die aus Syrien stammende Ärztin. „Ende September habe ich nun meine letzte Prüfung zur Kieferorthopädin.“ Shaker hat mittlerweile den sogenannten „unbefristeten Aufenthaltstitel“ bekommen – sie kann dauerhaft in Deutschland bleiben, die 33 Jahre alte Frau strebt nun auch die deutsche Staatsbürgerschaft an. Ihr Chef konnte ihr im überteuerten München ein Apartment vermitteln, ihr Freund studiert in Passau Betriebswirtschaft. Vor fünf Jahren, im Herbst 2015, war Leen Shaker am Hauptbahnhof Passau angekommen. Mit fast nichts, wie so viele Flüchtlinge in diesen Wochen damals.

In Passau sitzen Omara Chaar und Sonja Steiger-Höller draußen im Theatercafé. Ein bekannter Treffpunkt in der Nähe des Inns, das Altstadthaus gehört dem Kabarettisten Ottfried Fischer, der selbst mit seiner Ehefrau dort lebt. „Wie läuft es an der Uni?“, fragt Steiger-Höller. Chaar, 26 Jahre alt, sagt: „Ich habe schon 80 Credit Points.“ 180 braucht er insgesamt, dann erhält er den Bachelor im Fach „Medien und Kommunikation“. Auch er hatte vor fünf Jahren die Stadt an der österreichischen Grenze erreicht, Omara Chaar stammt aus dem syrischen Aleppo. Die Passauerin Steiger-Höller hatte sich damals als Flüchtlingshelferin um ihn gekümmert: Asylantrag stellen, sich auf das langwierige Verfahren vorbereiten. Kleidung besorgen, denn der Syrer war nur mit zwei Plastiktüten angekommen. Deutsch lernen. Steiger-Höller und ihre Familie luden Chaar zum Essen ein, nahmen ihn mit zum Besuch bei den Eltern. Sie wurden Freunde, er bekam eine Art von Ersatz-Familie.

Schnell spricht er jetzt auf Deutsch von den verschiedenen Sprachkursen, bis er das Level C1 erreicht hatte und damit den Zugang zur Uni. Er erzählt von seinem Marketingpraktikum, von den Lehrveranstaltungen zur empirischen Sozial­forschung, von „Strategischer Kommunikation und PR“. Wenn er den Inhalten nicht ganz folgen kann, geht er zum Professor und sagt ihm: „Ich verstehe nicht, um was es geht.“ Er regt Tutorien an, in denen die Themen vertieft werden. Sehr geholfen hat ihm das „Refugee Programme“ der Universität.

Die Geschichte von Leen Shaker und Omara Chaar begann im September 2015 am Passauer Bahnhof. Der damals 21-Jährige stand an den mit rot-weißem-Plastikband abgegrenzten Aufgängen, ein Megaphon in der Hand. Die Bundespolizei hatte ihn wegen seiner Arabisch-Kenntnisse engagiert, er selbst war da gerade einmal seit zwei Monaten in Deutschland. Stoßartig kamen die vielen Flüchtlinge aus den Waggons der Züge aus Österreich. Chaar rief immer wieder laut: „Das ist Deutschland, ihr seid in Sicherheit. Ihr braucht keine Angst mehr zu haben, ihr seid hier angekommen. Bitte geht jetzt weiter.“

In seiner Heimat hatte Omara Chaar Jura studiert, war selbst über die teils lebensgefährliche Strecke gekommen: von der Türkei mit dem Schlepper-Schlauchboot nach Griechenland und weiter auf der Balkan-Route. Zu Fuß, er musste in einigen Ländern Grenzsoldaten bestechen, wurde mehrfach in Haft gehalten. Ein Mal wäre er fast ertrunken, in Ungarn hatte er sich einige Tage im Wald versteckt. Passau an der Grenze zu Österreich stand im Blickpunkt der Republik, Europas und der Welt. Die vielen Flüchtlinge kamen nicht mehr wie kurz zuvor am Münchner Hauptbahnhof an, täglich teilweise 10 000 Menschen. Sie wurden von Österreich umgeleitet, denn München war vollkommen überlastet. Auch in Passau gab es an Spitzentagen 10 000 neue Geflüchtete.

Leen Shaker war damals 28 Jahre alt, als sie in der 50 000-Einwohner-Stadt deutschen Boden betrat. In Damaskus hatte sie als Zahnärztin promoviert und für kurze Zeit gearbeitet. Dann beschloss sie, wegen des mörderischen Krieges zu fliehen. Das Regime von Diktator Assad wütete, die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) war wegen ihrer Gräueltaten gefürchtet, weitere Milizen involviert. Ursprünglich hatte Shaker gehofft, im Libanon Arbeit zu finden, nicht so weit weg von der alleinstehenden Mutter und der jüngeren Schwester. Doch das war nicht möglich, also nach Deutschland, allein, wo schon ein Bruder und zwei weitere Schwestern waren. Alles offen, alles vollkommen unsicher.

Ein Jahr später, Ende August 2016, saßen Omara Chaar, Leen Shaker und Sonja Steiger-Höller auch im Theatercafé, das Wetter war schön. Die Syrer radebrechten halb auf Englisch und halb auf Deutsch. Chaars Ziel war es zu studieren, irgendetwas in Richtung Medien und Journalismus. Denn er musste erkennen, dass er mit syrischen Jura-Kenntnissen in Deutschland nichts anfangen konnte. „Er ist immer so optimistisch“, sagte Sonja Steiger-Höller. Chaar erzählte aber auch, dass seine Eltern im zerbombten Aleppo in verlassenen alten Autos leben mussten, weil die Wohnung zerstört war. Und er sagte: „In Syrien habe ich fast nur noch tote Freunde.“ Leen Shaker wiederum machte zu diesem Zeitpunkt Praktika bei Zahnärzten, arbeitete auch als Arzthelferin. Sie hoffte, dass ihre Ausbildung irgendwie und irgendwann einmal anerkannt werden würde. Diese Hoffnung war zu diesem Zeitpunkt sehr vage.

In fünf Jahren von der Geflüchteten ohne Perspektive zur Ärztin in der Nymphenburger Praxis – geht es noch besser? Leen Shaker spricht grammatikalisch vollkommen korrektes Deutsch, einen kleinen Akzent hört man ab und zu. Der Bruder studiert in Heidelberg Physik, eine Schwester Soziale Arbeit in Schwäbisch Gmünd. „Ich war sehr froh nach der Flucht“, erinnert sie sich. „Und jetzt kann ich hier weitermachen.“

Mutter seit fünf Jahren nicht gesehen

Also alles bestens, ein Idealfall gelungener Integration? Man merkt, dass die zierliche Frau mit den schwarzen Haaren ein empfindsamer Mensch ist. „Meine Mutter und meine Geschwister sind mein Leben“, sagt sie. Doch die Mutter, 53 Jahre alt, muss in Damaskus ausharren. „Ich habe sie seit fünf Jahren nicht gesehen“, sagt Shaker, in ihren Augen steigen Tränen auf. Alle Versuche, sie zu einem Besuch nach Deutschland zu holen, seien bisher gescheitert. Alle Anträge abgelehnt – obwohl sie für sie bürgen würde, die Flüge bezahlen, sie in Deutschland versorgen. Der Grund, so vermutet sie, liegt darin, dass die Behörden annehmen, die Mutter wolle auf Dauer bleiben.

Leen Shaker fühlt sich angekommen in Deutschland und doch zerrissen. „Ich habe keine Heimat“, sagt sie. „Ich werde das Land, in dem ich aufgewachsen bin, nie wieder sehen. Es gibt viel Schmerz in meinem Herz.“ Nach ihrer letzten Kieferorthopädie-Prüfung, wenn sie etwas mehr Zeit hat, möchte sie ehrenamtlich etwas für andere Geflüchtete tun, in einem Helferkreis mitarbeiten. Denn: „Viele Flüchtlinge sind innerlich zerstört.“ Dann muss sie wieder los, die Mittagspause ist vorbei, Patienten sitzen im Wartezimmer.

Omara Chaar lebte bis März 2017 im Flüchtlingsheim, seitdem hat er ein kleines, stadtnahes Apartment gemietet. Er erhält Bafög und kellnert nebenher im Restaurant des Passauer Scharfrichterhauses – einer Kultstätte bayerischer Kleinkunst. Chaar weiß, welchen österreichischen Rot- und welchen Weißwein er empfehlen kann, und er hat die Erfahrung gemacht: „Je mehr bayerisch Du redest, umso mehr Trinkgeld bekommst Du.“ Zwischendurch lässt er immer wieder Sätze einfließen wie „Keine Panik auf der Titanic“ oder „Alles wird gut“ – und lacht dabei. Er meint: „Ich will hier weiter an die Uni, ich will nicht dreieinhalb Jahre Jura in Aleppo einfach wegschmeißen.“

Doch auch für Omara Chaar bleibt Syrien ein wichtiger Teil des Lebens. Seine Eltern in Aleppo haben sich unlängst heftig gestritten, ob sie einem Gast eine Tasse Kaffee anbieten sollten oder nicht. Kaffee ist mittlerweile fast unbezahlbar. Chaar und sein Bruder, der nach Krefeld kam und dort jetzt als Buchhalter arbeitet, schicken weiterhin Geld nach Aleppo. Vor kurzem ist dort der Großvater gestorben, 85 Jahre alt, an Corona. Chaar macht Pläne, wie man die Eltern aus Syrien rausholen könnte. Er denkt an eine Übersiedlung in die Türkei, wo auch viele Syrer leben. Wo sie sich wiedersehen könnten. Von wo aus vielleicht auch ein Weg nach Deutschland sichtbar wäre. „Ich möchte alles dafür tun“, sagt er, „dass mein Vater und meine Mutter aus Aleppo rauskommen. Sie sollen in ihrem Leben noch etwas anderes sehen als Bomben und Krieg.“