Braunau am Inn / Patrick Guyton Mitten in Braunau am Inn wurde der Diktator 1889 geboren. Die Wiener Regierung will das Gebäude „neutralisieren“, indem die Polizei einzieht. Vor Ort plädiert man für einen anderen Umgang mit dem schwierigen Erbe. Von Patrick Guyton

Wird Manfred Hackl im Ausland nach seinem Heimatort gefragt, dann sagt er, dass er „aus der Nähe von Salzburg“ kommt. Nach Salzburg sind es zwar 60 Kilometer, doch die genaue geografische Angabe vermeidet der Grünen-Lokalpolitiker, weil sie Überraschung, Befremden, vielleicht Argwohn hervor­rufen würde. Hackl, 56 Jahre alt, lebt in Braunau am Inn, direkt an der Grenze zu Deutschland. Sie ist die Geburtsstadt Adolf Hitlers – und deswegen weltbekannt.

Er sitzt im Eiscafé Baccili in der Straße Salzburger Vorstadt 13 und erzählt davon, wie es ist, in Braunau im Jahr 2020 im Gemeinderat Politik zu machen. Und immer wieder mit Hitler und dem Nationalsozialismus konfrontiert zu werden. „Das nervt schon sehr“, sagt Hackl. Und meint süffisant: „Als Lokalpolitiker ist man nicht stolz darauf.“

Direkt neben dem Eiscafé steht das Haus Salzburger Vorstadt 15. Dort wurde Adolf Hitler am 20. April 1889 geboren. Sein erstes Lebensjahr verbrachte er in dem Haus und „füllte die Windeln“, wie manche Einheimische sagen. Die Familie zog innerhalb Braunaus um und 1892 nach Passau, da war Hitler drei Jahre alt.

Rückbau in den Vor-Hitler-Zustand

Das Haus steht weiter an seinem Platz. Braunau muss mit dem Erbe umgehen, irgendwie. Jetzt gibt es großen Streit, der bis in die österreichische Bundespolitik reicht. Das Innenministerium in Wien – der Republik Österreich gehört das Anwesen seit 2017 – hat nach der Einrichtung von zwei Expertenkommissionen beschlossen, dass nichts mehr an Hitler erinnern soll. Im November 2019 hatte der parteilose Kurzzeit-Innenminister Wolfgang Peschorn gesagt: „Wir wollen das Haus als Ganzes der Erinnerung entziehen und es so neutralisieren.“

„Neutralisieren“ – das ist das befeuernde (Un-)Wort. Nach der Renovierung sollen 2023 das Bezirkspolizeikommando und die Polizeiinspektion Braunau einziehen, vielleicht auch eine Polizeischule. Ein Voralberger Büro hat nun den Architektenwettbewerb gewonnen. Nach dessen Entwurf wird die Fassade in einen Vor-Hitler-Zustand zurückgebaut, auf dem hinteren Grundstück soll ein Konferenzzentrum entstehen, daneben ein kleiner Park. Die Polizei sei „ein Garant für Demokratie“, sagt der amtierende Innenminister Karl Nehammer von der konservativen ÖVP. Ein Problem erledigen, indem man die Vergangenheit löscht? Das halten viele Braunauer für den falschen Weg.

Hinzu kommt die Sache mit dem Gedenkstein. Der steht kniehoch seit 1989 auf dem Gehweg vor dem Haus und trägt die Inschrift: „Für Frieden, Freiheit und Demokratie. Nie wieder Faschismus, Millionen Tote mahnen.“ Er ist der einzige – indirekte – Bezug zu dem Haus und zu Hitler. Ein Spitzenbeamter des Innen­ministeriums hatte bei der Vorstellung der Pläne in Braunau gesagt, dass man den Stein am besten entfernen und in Wien im „Haus der Geschichte“ ausstellen solle. Das sehen viele Bürger gar nicht so.

Auch Florian Kotanko empfiehlt das Café Baccili zum Reden. Doch bevor der 71-Jährige Platz nimmt, muss er noch zwei Besucher aufklären. Die fragen ihn, ob das denn nun das Haus sei – und ­deuten auf die Salzburger Vorstadt 15. Sie machen Fotos, Kotanko meint: „Das kommt hier ständig vor.“ Der Mann war bis zu seiner Pensionierung Rektor des Braunauer Gymnasiums und gilt als wandelndes Ortslexikon, steht dem lokalen „Verein für Zeitgeschichte“ vor. Was also tun?

Der ehemalige Geschichtslehrer holt aus. „Das Haus ist vom Mahnstein zu trennen“, sagt er. Das Haus gehört der Republik Österreich, der Stein der Gemeinde. Der Bundesstaat hatte die Vorbesitzerin 2017 enteignet und 812 000 Euro Entschädigung gezahlt. Die Frau ging, so wird berichtet, nach dem Auszug der Behinderteneinrichtung „Lebenshilfe“ im Jahr 2011 auf keine Vorschläge zur weiteren Nutzung ein. Kotanko wäre es am liebsten gewesen, wenn die Lebenshilfe wieder einzieht, die will aber nicht mehr. Der Historiker spricht von einer erforderlichen „historischen Kontextualisierung“. Man könnte etwa in einem Raum eine Ausstellung darüber machen, „was war“. Der Stein wiederum, das hat jetzt der Gemeinderat beschlossen, bleibt mit seiner Schrift an Ort und Stelle vor dem Haus.

Im Sommer verströmt Braunau, 17 000 Einwohner, mit seiner aufgehübschten Altstadt die Aura eines etwas verschlafenen Ortes mit sehr netten Ecken. Ein paar Meter vor dem Hitler-Geburtshaus ist in einer Flachbau-Baracke die „Tabak-Trafik“, daneben sitzen Leute am „Vorstadt-Imbiss“ und trinken Bier. Gegenüber des Hauses ist der Weltladen. Der Grüne Manfred Hackl setzt sich für Braunau ein als „Schulstadt, Radlstadt, Kulturstadt“. Die Verbindung zum niederbayerischen Simbach auf der anderen Seite des Inns ist eng. Doch inmitten von all dem steht dieses Haus Salzburger Vorstadt 15 mit seiner schmutzig-gelben Fassade, ohne Straßennummer. Ein Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert. Drei Stockwerke hoch, wuchtig, hinter den Fenstern: Leere.

Die Geschwister Elisabeth Wimmer und Martin Simböck, 64 und 66 Jahre alt, sind Braunauer Urgesteine, aktiv in der Kultur und der Lokalpolitik. „Man kann das Haus nicht neutralisieren“, sagt Elisabeth Wimmer. Die zierliche Frau mit den langen weißen Haaren ist Goldschmiedin und saß viele Jahre für die SPÖ im Gemeinderat. Sie meint: „Die Polizei war ja nicht immer ein Garant der Demokratie.“ Ihr Bruder Martin Simböck hat kürzlich in einem Leserbrief geschrieben: „Wenn man sich die Augen zuhält, ist das Haus dennoch da.“ Und er sagt: „Geschichtslosigkeit rächt sich.“ Die beiden singen im „Demokratischen Chor“ von Braunau, immer am 8. Mai treten sie bei der Gedenkstunde zur Befreiung von der Nazi-Diktatur auf. Gesungen werden Arbeiter- und antifaschistische Lieder. Jetzt sagt Innenminister ­Nehammer, das Haus solle kein Anziehungspunkt mehr für Nazis sein. Simböck kontert: „Diese Angst ist unbegründet.“ Ein Mal, am 20. April 1979, seien 500 rechtsradikale Studenten aufmarschiert. Das ist mehr als 40 Jahre her. „Braunau ist kein NS-Anziehungspunkt“, ist sich Elisabeth Wimmer sicher.

Doch was tun mit dem Haus, das kein Täterort ist – im Gegensatz zu den Vernichtungslagern oder den NS-Zentralen in Berlin, in München, auf dem Obersalzberg, wo Krieg und Völkermord geplant wurden? Die Geschwister meinen, ein „Haus der Verantwortung“ wäre gut.

Das ist eine schon 20 Jahre alte Idee des Innsbrucker Politologen Andreas Maislinger. Er will in dem Gebäude eine „internationale Stätte der Begegnung und Versöhnung“ errichten. Junge Menschen sollen sich dort zu Workshops treffen und zu gesellschaftlichen Themen arbeiten. Die Umsetzung aber ist nicht weit gediehen, Maislinger findet keine Mehrheiten. „Für bestimmte Dinge braucht man einen langen Atem“, sagt er am Telefon. Mit einem „Haus der Verantwortung“ würde Braunau „sein Stigma verlieren“.

Verantwortung nach Wien abgeschoben

Zeit für eine Einordnung bei so viel hitziger Rede. Zeit für einen Besuch beim Schriftsteller Ludwig Laher. Der 65-Jährige kommt nicht aus Braunau, hat den Ort aber immer aus der Nähe betrachtet. Geboren in Graz, studierte und arbeitete er als Lehrer in Salzburg. 1993 zog er ins kleine, unscheinbare St. Pantaleon, auf halbem Weg zwischen Braunau und Salzburg. Jetzt sitzt der Mann mit den längeren grauen Haaren in seinem Garten, streichelt die Katze und analysiert: Das Ganze sei eine „sehr österreichische Verdrängungsgroteske“, sagt er. „Die Vorstellung, man könne dem Gebäude seinen Symbolwert entziehen, und dann ist alles in Butter – das ist unglaublich naiv.“

Je ruhiger und freundlicher Ludwig Laher spricht, umso schärfer werden seine Worte. Er beklagt die „mangelnde Souveränität der Stadtpolitiker“ in Braunau, spricht von einer „strukturellen Vermeidungshaltung“. Man schiebt die Verantwortung nach Wien und ist wohl ganz froh darüber. Laher kann sich neben Wohnungen und Büros auch gut ein „Haus der Verantwortung“ vorstellen oder „eine ähnliche zukunftsorientierte Lösung ohne direkten NS-Bezug“. Braunau müsse als Ort versuchen, „dem Phänomen und der Bürde offensiv zu begegnen“. Doch Wien hat entschieden. Alles sieht danach aus, dass die Polizei in das Hitler-Geburtshaus einzieht.