Berlin / dpa Gütersloh, Göttingen, Kassel: Ausbrüche von Sars-CoV-2 bereiten tausenden Betroffenen und den Behörden Probleme. Die Zahl der Neuinfektionen schnellt hoch.

Corona-Ausbrüche in Nordrhein-Westfalen, in Niedersachsen und Hessen stellen die Behörden vor riesige Herausforderungen. Im Tönnies-Fleischwerk in Rheda-Wiedenbrück müssen tausende Mitarbeiter getestet, eine Wohnanlage in Göttingen mit 700 Menschen und in Kassel eine Flüchtlings-Unterkunft unter Quarantäne gestellt werden. Dazu werden Schulen und Kitas geschlossen.

Im Kreis Gütersloh (NRW) sind 25 Soldaten am Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück eingetroffen. Sie testen die Mitarbeiter auf Corona. 13 der Soldaten sind als Sanitätssoldaten vor Ort, 12 zur Dokumentation.

Allein im Tönnies-Stammwerk müssen in den kommenden Tagen tausende Mitarbeiter getestet werden. Am Mittwoch war bekannt geworden, dass hunderte Mitarbeiter des Schlachtbetriebs mit Sars-CoV-2 infiziert sind.

In der Folge sind in der Region Schulen und Kitas geschlossen worden, etliche Menschen mussten sich in Quarantäne begeben. Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagte, es komme jetzt darauf an, möglichst schnell die Infektionsketten zu unterbrechen.

„Es gibt genügend Fleisch“

Wird das Fleisch knapp, wenn der der größte deutsche Schlachtbetrieb zeitweise stillgelegt wird? Tim Koch von der Agrarmarkt Informations-Gesellschaft in Bonn  verneint das. „Fleisch wird in Deutschland nicht knapp, auch nicht Schweinefleisch.“ In Rheda-Wiedenbrück werden sonst pro Tag etwa 20 000 Schweine geschlachtet und zerlegt.

Auch die Stadt Göttingen steht mit einem neuen Corona-Ausbruch vor Herausforderungen. „Wir müssen jetzt hoffen, dass alle in dieser Ausnahmesituation einen kühlen Kopf bewahren“, sagte Christian Hölscher von der Jugendhilfe Göttingen. Innerhalb von zwei Tagen seien knapp 120 Infektionen mit dem Coronavirus bestätigt worden.

Die Behörden haben die betroffene Wohnanlage in der Innenstadt mit 700 Bewohnern am Donnerstag unter Quarantäne gestellt. Niedersachsens Sozialministerin Carola Reimann (SPD) sagte, es handele sich um „ein lokales, aber massives Infektionsgeschehen“. Das zeige, dass die Pandemie nicht vorbei ist.

In Kassel sind nach 20 Corona-Nachweisen in einer Geflüchtetenunterkunft 60 Menschen in Quarantäne. Es handele sich um den bisher größten Ausbruch in der Stadt, sagte Gesundheitsdezernentin Ulrike Gote (Grüne). Weil unter den Infizierten vier Kinder sind, wurden eine Schule und ein Hort geschlossen.

Die Zahl binnen 24 Stunden erfasster Neuinfektionen mit dem Coronavirus ist jetzt so hoch wie seit einem Monat nicht mehr. Die Gesundheitsämter meldeten dem Robert-Koch-Institut (RKI) 770 neue Fälle (Stand: 19. Juni, 0 Uhr). Zuletzt war der Wert am 20. Mai so hoch (797 Neuinfektionen). Insgesamt haben sich seit Beginn der Corona-Krise 188 534 Menschen in Deutschland nachweislich mit Sars-CoV-2 angesteckt, teilte das RKI am Freitagmorgen mit. dpa

Fleischproduktion unter Beobachtung

Die großen Fleischfabriken in Deutschland geraten seit dem Corona-Ausbruch beim Marktführer Tönnies zunehmend in Bedrängnis. Das Bundesarbeitsministerium arbeite intensiv an einem Gesetzentwurf für einen schärferen Arbeitsschutz und an einem weitgehenden Verbot von Werkverträgen in der Fleischbranche, sagte eine Sprecherin. Agrarpolitiker der Union forderten mehr regionale Schlachthöfe. Die NRW-Landesregierung will Billigangeboten beim Fleisch einen Riegel vorschieben.

Aldi Süd und Nord teilten mit, sie stünden aufgrund des Corona-Ausbruchs mit Tönnies und auch anderen Lieferanten in Verbindung. Wichtig sei, „zu erfahren, ob alle Schutzmaßnahmen umgesetzt und eingehalten wurden“, sagte eine Sprecherin. Aldi habe seine Überprüfungen zum Tierwohl um soziale Aspekte erweitert.