Dresden / Von Christine Keilholz Spur nach dem Raub aus dem Grünen Gewölbe: Eine israelische Sicherheitsfirma will Schmuckstücke aus Dresden für einen Millionenbetrag angeboten bekommen haben. Obwohl Ermittler zweifeln, lässt ein solches Angebot auch hoffen.

Der Kassierer im Museumsshop schaut etwas gequält, als er die Frage der Kundin hört. Nein, sagt er, das Schmuckstück der Postkarte, auf das sie zeigt, sei keines von den geklauten. Weil öfter gefragt wird, hat er etwas vorbereitet. Er greift unter den Kassentisch und zieht eine Kopie aus dem Katalog hervor. Darauf sind die wertvollsten Teile zu sehen, die Dresdens berühmtestes Museum zu bieten hat. Einige hat er angestrichen. „Die mit grün markierten Teile sind weg.“

Falls das Grüne Gewölbe vorher noch nicht weltbekannt war, seit dem 25. November 2019 ist es das definitiv. Bekannt nicht nur für die Schätze aus Gold, Elfenbein und Edelsteinen, die es zeigt. Es ist nun auch eines der Museen, das auf spektakuläre Weise ausgeraubt wurde. Ein Dutzend wertvolle Schmuckstücke aus dem 18. Jahrhundert befinden sich seit sechs Wochen in den Händen von Verbrechern. Solange warten Polizei und Kunstverwaltung auf ein Zeichen über ihren Verbleib.

Angebot aus dem Darknet

Ein Zeichen der Hoffnung gab es vor wenigen Tagen. Da meldete eine Sicherheitsfirma aus Israel, sie hätte Stücke aus dem Raubgut zum Kauf angeboten bekommen. Für den großen Bruststern des Weißer-Adler-Ordens und das Brillant-Achselband forderten Unbekannte demnach neun Millionen Euro. Das Angebot kam in einer verschlüsselten E-Mail, erklärte das Unternehmen CGI aus Tel Aviv.

Einen Hinweis, wer die An­bieter sind, gibt es noch nicht. Das nährt zumindest die Hoffnung, dass die beiden Schmuckstücke noch erhalten sind in der Form, in der sie 300 Jahre lang zum Sächsischen Staatsschatz gehörten. Denn das ist die große Gefahr, die für das Raubgut ­besteht: dass die Diebe sie zer­stören müssen, um sie auf dem Markt anbieten zu können. Jeder halbwegs informierte Interessent müsste erkennen, dass es sich um heiße Ware handelt. Immerhin gibt es eine Spur, womit es ­möglich erscheint, dass der Jahrhundertraub aufgeklärt werden kann.

Die Nachricht war ein Schock am 25. November. Am Montagmorgen, kurz vor 5 Uhr, waren Unbekannte in das Dresdner Stadtschloss eingedrungen. Sie wusssten, was sie wollten, denn sie steuerten direkt auf das Juwelenzimmer zu. Das Video der Sicherheitskamera zeigt, wie zwei schwarz gekleidete Gestalten durch den Raum huschen und einer mit der Axt auf die Vitrine einschlägt, in der die wertvollsten Stücke lagen: Schmuck der sächsischen Kurfürsten, Hutnadeln, Orden und Brillantknöpfe.

Ironie des Ganzen: Die Wachleute konnten dem Geschehen nur per Video zuschauen, eingreifen durften sie laut Hauslinie nicht. Sie mussten auf die Polizei warten, die wenige kostbare Minuten zu spät eintraf. Da waren die Täter mit der Beute bereits verschwunden.

Der Hergang der Tat war erschreckend simpel. Das Grüne Gewölbe hat eine der spektakulärsten Sammlungen der Welt. Es sind jene Schätze, die die Kurfürsten von Sachsen sammelten im Bestreben, ihr Land zu einer europäischen Macht aufzubauen. Dazu gehören feinste Juwelierarbeiten, gedrechseltes Elfenbein, Tafelaufsätze mit Edelsteinen und Löffel mit Griffen aus geschnitzten Korallen.

Umso mehr verwundert, wie leicht es den Dieben gelungen ist, alle Sicherheitseinrichtungen außer Kraft zu setzen. Sie zündeten das nächstgelegene Trafo-Häuschen an, legten so den Strom lahm. Selbst das schmiedeeiserne Fenstergitter im Erdgeschoss war nicht Hindernis genug – sie hebelten es auf und gelangten ins Schloss.

Von Drittem beauftragt?

Ähnlich mysteriös sind nun die Umstände der Lösegeldforderung per E-Mail. Die Firma CGI erklärt auf ihrer Homepage, sie habe einen Auftrag, nach dem Raubgut zu suchen. Wovon man in Dresden allerdings nichts weiß. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Dresden hält es für möglich, dass die Firma von einem Dritten beauftragt wurde. „Ich kann nur sagen, dass wir es nicht waren.“ Gleiches sagt die Generaldirektorin der Kunstsammlungen, Marion Ackermann. Die Absender verlangten das Geld in der Internetwährung Bitcoin. Sie betonten, sie seien nicht bereit zu verhandeln.

Das Grüne Gewölbe wird jetzt auch von außen gesichert – vor der Tür steht ein Wachmann. Im Museumsshop ist jetzt mehr Betrieb. Der Raub hat für großes Interesse gesorgt. Die Besucher wollen wissen, was das für Schätze sind, die vielleicht verschollen bleiben. Ein Bildband über die Schätze der Kurfürsten „geht weg wie warme Semmeln“, sagt der Kassierer. Das Juwelenzimmer ist noch geschlossen.

Polizei geht von einer Bande aus

Mehr als 1200 Hinweise aus dem In- und Ausland sind nach Polizeiangaben bereits bei der Sonderkommission „Epaulette“ – benannt nach einem der erbeuteten Schmuckstücke – eingegangen. Eine heiße Spur gibt es den Ermittlern zufolge bisher nicht.

Die Dresdner Behörden gehen angesichts von insgesamt vier Tätern von einer Bande aus. Es wurde eine Belohnung von 500 000 Euro für Hinweise ausgesetzt. dpa