Manfred Spitzer Das Coronavirus zeigt im Eiltempo Stärken und Schwächen unseres Landes auf. Wir sollten daraus für die nächsten Krisen lernen. Ein Gastbeitrag von Manfred Spitzer

Nach den neuesten Fallzahlen waren oder sind 0,23 Prozent aller Deutschen vom Coronavirus betroffen. Zum Vergleich: Bezogen auf die Weltbevölkerung liegt die Fallzahl bei 0,13 Prozent. Von der Pandemie-Krise sind wir hingegen alle betroffen: Ängste, Existenzsorgen, ökonomische Einbußen bis hin zu Homeschooling bei gleichzeitigem Homeoffice.

Für den Verlauf der Pandemie und unsere Reaktionen darauf sind wir verantwortlich. Das Virus ist, wie es ist, was aber in der Krise geschieht, ist sehr unterschiedlich. Dies zeigt beispielsweise der sehr unterschiedliche Verlauf der Corona-Pandemie in Schweden und Norwegen – zwei eigentlich sehr ähnliche Länder. Schweden hat doppelt so viele Einwohner wie Norwegen und bis Mitte März waren beide Länder etwa gleich betroffen. Dann ergriff Norwegen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie („Lockdown“), Schweden nicht. Heute gibt es in Schweden sieben mal mehr Fälle und 21 mal mehr Todesfälle als in Norwegen.

Das liegt nicht am Virus, sondern an den einzelnen Menschen und an der Art, wie die jeweilige Gesellschaft das Zusammenleben organisiert hat. Wenn in den USA 30 Millionen Menschen nicht krankenversichert sind und die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall nicht generell gilt, hat dies eben zur Folge, dass viele Menschen mit Symptomen erstens gar nicht zum Arzt gehen und zweitens weiter arbeiten. Beides hatte für den Verlauf der Epidemie dort fatale Konsequenzen. Kommt dann noch ein Präsident hinzu, der nicht versteht, was exponentielles Wachstum ist, der Masken und körperliche Distanz ablehnt und wirkungslose oder gar gefährliche Therapien empfiehlt, resultieren vermeidbare Fälle und Todesfälle.

Auch hierzulande zeigen sich durch Corona Schwachstellen im System, wie die Ausbrüche in Heimen und in Schlachthöfen zeigten. Hier können und müssen wir nachbessern. Wir lernen,  wie wichtig es ist, besser vorbereitet zu sein und beispielsweise weder die Produktion von Masken noch die von wichtigen Medikamenten auszulagern.

Die Pandemie ist ein komplexes Geschehen, das zudem permanent in Bewegung ist. Ein Beispiel: am 6. April erschien im Deutschen Ärzteblatt online – einer für Mediziner in Deutschland wichtigen Informationsquelle – ein Beitrag zum Thema Masken: Eine Studie habe gezeigt, wie gut sie wirken. Am Tag danach (7. April) hieß es in der gleichen Informationsquelle, eine neue Studie habe gezeigt, dass Masken gar nichts bringen. Ich habe mir daraufhin die Originalstudien besorgt, sie gelesen und bewertet: Beide waren schlecht und ungeeignet, um medizinisches Handeln zu begründen. Und so haben wir an meiner Klinik weiter Masken getragen, denn es gab ja schon gute Erfahrungen hierzu. Mittlerweile – gut zwei Monate später – liegen sehr gute Studien vor, die belegen, dass Masken die Wahrscheinlichkeit von Infektionen verhindern helfen. Ein zweites Beispiel: Dachte man noch bis April, dass es um eine Krankheit der Lunge geht, so haben wir hinzu gelernt, dass das Virus Sars-CoV2 auch die Nieren, das Herz, die kleinen Blutgefäße, das Gehirn und auch die Blutgerinnung massiv beeinträchtigen kann.

Während wir der ersten Pandemie des 21. Jahrhunderts noch immer nur mit den Mitteln aus dem Mittelalter – Gemeinschaft vermeiden und Abstand halten – begegnen, lernen wir immer mehr über den Gegner: Kinder sind kaum betroffen, ältere Menschen dagegen sehr. Die größte Gefahr geht von Infizierten aus, die schon infektiös sind, aber noch keine Symptome zeigen.

Wenn es ein Land auf der Erde gibt, in dem man während der Krise bislang am liebsten gewohnt hätte, dann ist das Deutschland. Alle beneiden uns darum. Und was machen die Deutschen? Sie demonstrieren und ergehen sich in aberwitzigen Verschwörungstheorien. Diese und die vielen Fake News sind gefährlich.

Wie die Zeit nach Corona aussieht, liegt nicht am Virus, sondern an uns. Corona ist auch eine Chance, die nächste Krise besser zu meistern.

Hirnforscher und Buchautor

Manfred Spitzer (62) ist Psychiater,  Hirnforscher und Buchautor. Bundesweit bekannt wurde er vor allem durch seine Warnungen vor den schädlichen Auswirkungen digitaler Medien auf Kinder und Jugendliche („Digitale Demenz“). Er ist Professor für Psychiatrie in Ulm. Sein neuestes Buch „Pandemie: Was die Krise mit uns macht und was wir daraus machen“ ist vor kurzem erschienen (MVG-Verlag).