Washington / Von Elisabeth Zoll Ein Kniefall polarisiert die Gesellschaft der USA. Mit ihm wurde schon in vielen Ländern gegen barbarische Verbrechen und Rassentrennung protestiert. Von Elisabeth Zoll

Demonstranten tun es, Sportstars, Politiker und derzeit sogar US-Polizisten und Nationalgardisten: Sie knien nieder, um Anteilnahme für und Protest gegen den gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd zu zeigen. Der 46-Jährige war gestorben, weil der Polizist Derek Chauvin sich acht Minuten lang auf den gefesselten Mann gekniet und ihn am Atmen gehindert hatte. Seither beugen nicht nur in den USA Tausende die Knie. Auch Fußballprofis in Deutschland solidarisieren sich mit dem Opfer. Sie nehmen damit eine Geste auf, die bis in die Antike zurückgeht, in den USA aber seit 2016 zu heftigen Kontroversen führt.

Der Kniefall ist ein Zeichen der Demut und des größten Respekts. Im Altertum knieten Menschen zum Ausdruck politischer Unterwerfung ganz selbstverständlich vor ihrem Herrscher. Auch im Mittelalter sank man noch auf ein Knie, wenn einer der Mächtigen in Sichtweite kam. Im heutigen Alltag ist solch eine Unterwerfungsgeste kaum noch denkbar, sieht man von einem romantischen Kniefall – üblicherweise des Mannes – beim Heiratsantrag einmal ab.

Religionen kennen den Kniefall als Geste höchster Ehrfurcht dagegen bis heute. Viele Christen beugen die Knie, im Islam berühren Betende mit der Stirn sogar den Boden und im Buddhismus wird Heiliges mit Niederwerfungen verehrt. Streng Gläubige umrunden in Tibet heilige Städten, in dem sie sich ausgestreckt mit dem ganzen Körper zu Boden werfen.

In der Politik gab der sozialdemokratische Bundeskanzler Willy Brandt der uralten Tradition eine neue Form. 1970 setzte er vor dem Denkmal für die ermordeten Juden in Warschau das wohl radikalste und wirkungsvolle Zeichen für die Anerkennung deutscher Schuld: Er sank auf die Knie und verharrte dort sekundenlang in Stille. Angesichts der in Warschau so offensichtlichen Spuren der brutalen Verbrechen der deutschen Besatzer machte sich der Kanzler Deutschlands für jeden sichtbar demütig klein. Brandt kniete nicht nur als Mensch sondern auch als Vertreter des Landes, das seine Schuld für die NS-Diktatur anerkannte und sich zugleich von der Ideologie und den Praktiken des Nationalsozialismus distanzierte. Religiöse Symbolik und ein politisches Zeichen flossen ineinander. Der Publizist Henri Nannen soll dazu gesagt haben: „Der hat sich nicht hingekniet, es hat ihn hingekniet.“

In den USA hat die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre das Zeichen aufgegriffen. Mit einem „kneel-in“ demonstrierte sie in den US-Südstaaten gegen die Rassentrennung in den Kirchen.

Der afroamerikanische Football-Spieler Colin Kaepernick nahm auch darauf Bezug, als er 2016 ein sichtbares Zeichen gegen Rassendiskriminierung setzte. Der Quarterback der San Francisco 49ers hatte nach wiederholter Polizeigewalt gegen Farbige beschlossen, sich beim Abspielen der Nationalhymne vor Spielen der National Football League (NFL) nicht mehr zu erheben. Später dann ging er vor aller Augen auf die Knie – und löste einen Sturm der Entrüstung aus.

Veteranen fühlten sich in ihrem Nationalstolz verletzt, rechte US-Bürger wüteten, US-Präsident Donald Trump war außer sich. Polternd forderte er die Entlassung des Football-Stars und setzte damit die sonst so mächtigen Vereine der NFL-Liga unter Druck. Kein Verein gab Kaepernick 2017 einen neuen Vertrag. Das Ausnahmetalent hatte für seine Überzeugung der beruflichen Karriere ein Ende gesetzt und einem alten Symbol zu ungeheurer neuen Kraft verholfen. Viele US-Bürger erinnern dieser Tage mit der Geste daran, dass viele Unschuldige durch Polizeigewalt ums Leben kommen. Die wenigsten dieser Verbrechen werden in den USA geahndet.

Kaepernicks Kniefall ist heute so ikonisch wie die Black-Panther-Faust der Leichtathleten Tommie Smith und John Carlos bei den Olympischen Spielen 1968. Ob das Zeichen zu Taten führt, bleibt abzuwarten.

Film zum Thema

Der TV-Sender Arte hat eine Dokumentation über den Footballer Colin Kaepernick erstellt. Der Film mit dem Titel „Ein amerikanischer Held – Die Geschichte des Colin Kaepernick“ steht dort  noch 30 Tage zur Verfügung. Mit seinem Kniefall hat Kaepernick seinen Protest gegen rassistische Polizeigewalt zum Ausdruck gebracht.