Gregor Preiß In der subjektiven Wahrnehmung ist der Klub dort zurück, wo er schon immer hingehört. Doch den finanziellen Rückstand aufzuholen wird schwer. Von Gregor Preiß

58 Punkte sind kein Ruhmesblatt für einen Aufsteiger. Weshalb so mancher Fan des VfB Stuttgart in Kombination mit den gezeigten Leistungen – zuletzt beim 1:3 gegen Darmstadt 98 – schon die Frage aufwirft, was der VfB in der Bundesliga überhaupt zu suchen hat.

Nun war die abgelaufene Saison vielleicht kein 1-a-Bewerbungslauf für einen Platz in der Beletage des deutschen Fußballs. Punktemäßig rangiert der VfB unter den schlechtesten Aufsteigern seit Einführung der Dreipunkteregel. Andererseits ist die Aussagekraft einer solchen Bilanz überschaubar. Im vergangenen Jahr stiegen der SC Paderborn und Union Berlin mit jeweils 57 Punkten auf. Das Ende ist bekannt. Während die Ostwestfalen abgeschlagen den direkten Gang ins Unterhaus antreten müssen, hielten sich die Eisernen wacker. Auch den dritten Aufsteiger aus Köln stellte der Klassenverbleib nach einem zuvor bescheidenen Zweitligajahr mit neun Niederlagen letztlich vor keine größeren Probleme.Es besteht also Hoffnung. Auf dass es für den VfB nicht gleich wieder abwärts geht, er sich in seinem angestammten Revier etabliert und auch wieder die obere Tabellenhälfte ins Visier nehmen kann. Irgendwann. Fürs Erste stellt sich aber die Frage: Wo steht der VfB nach dem zweiten Aufstieg innerhalb von drei Jahren? Sportlich. Und vor allem wirtschaftlich.

Beim Blick auf die kürzlich veröffentlichten Bilanzzahlen der Deutschen Fußball-Liga (DFL) fällt die Antwort ernüchternd aus: Der Aufsteiger muss sich im Klub der Millionäre weit hinten einreihen. Er ist längst nicht mehr der viel zitierte „nicht normale Aufsteiger“ wie vor drei Jahren, sondern ein recht gewöhnlicher. 2016 ließ sich der erste Gang in die Zweitklassigkeit nach 41 Jahren in Liga eins noch vergleichsweise leicht abfedern. Der zweite Abstieg innerhalb von drei Jahren hinterlässt größere Narben, auch wenn Finanzvorstand Stefan Heim vor einem Jahr betonte: „Der Verein hat kein Mittelherkunftsproblem, sondern ein Mittelverwendungsproblem.“

Der Einschnitt geht vor allem auf die entgangenen Fernsehgelder zurück. Um 20 Millionen Euro fielen diese geringer aus und werden nun in ähnlichem Umfang auf rund 45 Millionen Euro aufgestockt. Bei einem Abstieg von Werder Bremen wären es bis zu zwei Millionen mehr. Doch das Geld lässt sich nicht zurückholen. Ähnlich wie bei einem Versicherungsfall summiert sich der Schaden über viele Jahre, da vor allem die jeweiligen Endplatzierungen zur Berechnung der TV-Gagen zugrunde gelegt werden.

Selbst die Kleinen der Liga wie FC Augsburg (49 Millionen Euro pro Saison), FSV Mainz (53) oder SC Freiburg (59) sind dem Fahrstuhlverein durch ihre langjährige Erstligazugehörigkeit enteilt. Was sich auch an den Marktwerten der jeweiligen Kader ablesen lässt. In beiden Kategorien wird sich der Klub aus Cannstatt nach dem Wiederaufstieg im Bereich des Relegationsrangs wiederfinden.

Fernsehgelder ungerecht verteilt

Die Kluft, die sich zwischen erster und zweiter Liga offenbart, entpuppt sich immer mehr als Delta. Finanziell wie sportlich, beides bedingt einander. Der große Graben hängt mit den Einnahmen aus den TV-Übertragungen zusammen. Sie bilden die größte Einnahmequelle – die Abhängigkeit vom Fernsehen wurde durch Corona noch einmal deutlich. Wie sehr das Geld den Wettbewerb zementiert, macht ein Vergleich der beiden letzten Bundesliga-Abschlusstabellen deutlich. Es gab so gut wie keine Veränderungen. Nahezu die identischen Klubs bestimmten den Kampf um Meisterschaft, Europapokalplätze und Klassenverbleib. Weshalb die ersten Vereine für eine Neuverteilung der Fernsehgelder plädieren. „Bei Beibehaltung des aktuellen Schlüssels geht die Schere zwischen Groß und Klein noch weiter auseinander. Dies kann nicht im Sinne des Wettbewerbs sein“, sagt Michael Ströll, Geschäftsführer des FC Augsburg.

Was den VfB im Vergleich zum Trio aus Augsburg, Freiburg und Mainz ebenfalls zurückwirft, sind die Folgen der Corona-Krise. Unabhängig von der Ligazugehörigkeit spülen Heimspiele mit meist mehr als 50 000 Zuschauern jeweils eine Million Euro in die Kassen. Deutlich mehr als bei Klubs mit kleineren Stadien. Diese Einnahmen fehlen nun. Und treffen den VfB auch härter als die Champions-League-Dauergäste aus München, Dortmund und Leipzig, für die der Kartenverkauf aus der Bundesliga nicht mehr als ein Zubrot bedeutet. In Stuttgart beträgt der Anteil des Ticketings an den Einnahmen dagegen 20 Prozent. Weshalb sie an der Mercedesstraße von einer „brutal herausfordernden Situation“ sprechen. An den Rekordumsatz von 165 Millionen Euro aus dem Vorjahr sei nicht einmal zu denken.

In der subjektiven Wahrnehmung vieler mag der VfB noch immer kein gewöhnlicher Aufsteiger sein. In der objektiven Betrachtung schon. Am Ende steht die fast philosophische Frage, ob Geld nun Tore schießt oder nicht. Sportdirektor Sven Mislintat wird sie bei der Kaderplanung auf seine Weise beantworten müssen.

Mehr arbeitslose Fußballer erwartet

Die Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) rechnet mit weitreichenden Folgen der Corona-Krise für die bevorstehende Transferperiode. „Es ist davon auszugehen, dass durch Corona mehr Spieler arbeitslos werden als in den letzten Sommern. Viele Clubs müssen den Gürtel enger schnallen und ihre Kader verkleinern“, sagte VDV-Geschäftsführer Ulf Baranowsky der Deutschen Presse-Agentur: „Wir helfen mit Rechtsberatung, Laufbahncoaching und unserem VDV-Proficamp.“