Madrid / Martin Dahms Die EU-Kommission rechnet mit einem Wirtschaftseinbruch von 9,4 Prozent und mahnt zum Handeln.

„Die Hotels können zurzeit nicht arbeiten“, sagt Jorge Marichal, „es ist unmöglich.“ Die Worte des Präsidenten des spanischen Hotelverbandes Cehat im Gespräch mit der Netzzeitung El Confidencial geben die Lage der Dinge ganz gut wieder. Der Tourismus steht seit zwei Monaten still, seit der Ausrufung des Alarmzustandes wegen der Covid-19-Epidemie am 14. März. Für Spanien ist das eine Katastrophe. Das Land lebt vom Tourismus, es ist – vor dem Autobau – seine größte Industrie, die 12,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt und 12,7 Prozent zur Beschäftigung.

Deshalb gehört Spanien zu den besonderen Sorgenkindern der EU-Kommission in dieser Krise. Sie rechnet für das Land im laufenden Jahr mit einem Einbruch des BIP um 9,4 Prozent. EU-Finanzkommissar Paolo Gentiloni meinte bei Bekanntgabe dieser Zahlen: „Es ist nicht üblich, dass die Europäische Union die Staaten zum Ausgeben auffordert, aber die Folgen des Nichteingreifens wären schlimmer als Defizit und Schulden.“

Spaniens Tourismusindustrie liegt am Boden, und der Staat greift ein. 400 Millionen Euro Kredit, zu 60 bis 80 Prozent staatlich verbürgt, stellte die Regierung den Unternehmen der Branche noch zwei Tage vor der Ausrufung des Alarmzustandes in Aussicht. Der Lobbyverband Exceltur setzt den Kreditbedarf in einem Ende April veröffentlichten Papier höher an: mit dem Hundertfachen, 40 Milliarden Euro. Noch traut sich die Regierung nicht, die ganz großen Finanzwaffen herauszuholen, zumal ihr eine solide Mehrheit im Parlament fehlt. Neben den bescheidenen Kreditbürgschaften bietet sie als zweite große Staatshilfe das Kurzarbeitergeld für Millionen Beschäftigte an, die jetzt zuhause bleiben müssen, aber gebraucht werden, sobald der Tourismus wieder in Schwung kommt.

Wann er das tun wird, ist unklar. Die Lockerung der Totalquarantäne hat gerade begonnen, im halben Land dürfen seit vergangenem Montag Straßencafés und Hotels öffnen – allein, es fehlen die Gäste. Reisen über die Provinzgrenzen hinweg sind grundsätzlich noch nicht möglich, Reisen aus dem Ausland sowieso nicht. Im vergangenen Jahr kamen 83,7 Millionen ausländische Besucher nach Spanien, so viele wie noch nie, darunter 11,2 Millionen Deutsche. Von Juni an will die Lufthansa wieder Mallorca anfliegen, wo das Virus eher wenig gewütet hat. Aber alle Pläne für eine langsame Öffnung der inneren und äußeren Grenzen werden hinfällig, wenn die Infektionen in Europa wieder ansteigen sollten. Wie lange der Stillstand noch anhält, ist nicht absehbar. Martin Dahms