Münster / dpa Der neue Fall aus Münster ist schon jetzt monströs. Dabei ist erst ein Bruchteil der sichergestellten Daten ausgewertet. Von Carsten Linnhoff

Staatsanwaltschaft und Polizei haben zum Missbrauchsfall von Münster über viele Details informiert. Nach der Festnahme elf Tatverdächtiger eines Pädophilen-Netzes, von denen sieben derzeit in Untersuchungshaft sitzen, steht fest, dass es bislang mindestens drei Missbrauchsopfer gibt. Weil ein großer Teil der sichergestellten Speichermedien noch nicht ausgewertet werden konnten, sind noch viele Fragen offen.

Gibt es Hinweise auf weitere Opfer und Täter? Am Montag gab es hierzu noch keinen neuen Ermittlungsstand. Mit Hochdruck arbeiten allein bei der Polizei in Münster rund 50 Ermittler, um weitere mögliche Opfer zu identifizieren. Außerdem werden landesweit zusätzliche Kräfte und Experten des Landeskriminalamtes bei der Auswertung der sichergestellten Bilder und Videos hinzugezogen.

Gibt es weitere Tatorte? Davon geht Oberstaatsanwalt Martin Botzenhardt aus. Neben der Gartenlaube in Münster haben die Ermittler ein Auto in Köln als Tatort erkannt. Auf sichergestellten Fotos weiterer Taten ist das Umfeld noch nicht identifiziert. Die Täter haben sich bei den Aufnahmen große Mühe gegeben, keine Hinweise auf Orte preiszugeben. Hier ist das Umfeld für die Ermittler somit noch ein Rätsel.

Ist bekannt, wie viele „Kunden“ der Hauptverdächtige hatte? Nein. Hier stehen die Kripobeamten noch am Anfang. Allerdings wurden die Ermittlungen durch einen Fehler beim Anbieten von Dateien ausgelöst. Auf den 27-Jährigen aus Münster war ein Verdacht gefallen, weil eine IP-Adresse zu einem landwirtschaftlichen Betrieb in Coesfeld führte, für den der Hauptverdächtige als IT-Experte arbeitete. Diese nicht verwischte Spur hatte der Mann hinterlassen, als er über das Internet kinderpornografisches Material angeboten hatte.

Äußern sich die Beschuldigten zu den Vorwürfen? Nein, bis auf einen 35 Jahre alten Mann aus Köln, der gestanden hat, äußern sich die weiteren fünf Männer und die Frau bislang nicht.

Welche Rolle spielt die 45 Jahre alte Mutter des Hauptbeschuldigten? Die Erzieherin aus einem Kindergarten in Münster hatte ihrem Sohn die eigene Gartenlaube im Stadtteil als Kinderhaus überlassen. Diese gilt bislang als Haupttatort. Die Ermittler werfen der Frau vor, dass sie mit Vorsatz Beihilfe zu den Missbrauchstaten geleistet hat.

Der hauptbeschuldigte 27-Jährige ist bereits zweimal auf Bewährung verurteilt worden – wie kann das sein? Hier spielt eine Rolle, dass einmal nach Jugend- und einmal nach Erwachsenenstrafrecht geurteilt wurden. Kompliziert wird die Beurteilung der verhängten Strafen, weil die Taten zum zweiten Urteil am 8. Juni 2017 nicht während der Bewährungszeit nach dem ersten Urteil, das am 13. Januar 2016 fiel, passiert sind, sondern bereits davor. Der sich zu seiner pädophilen Neigung bekennende Mann hatte somit nicht gegen seine Bewährungsauflagen verstoßen. Außerdem hatte er seine Therapie – wie vom Gericht auferlegt – begonnen. Sein Therapeut äußerte sich vor Gericht zudem positiv über ihn.

Wie viele der gefundenen Speichermedien sind bereits ausgewertet? Nur ein kleiner Bruchteil. Ermittler sprechen daher beim bisherigen Ergebnis von der Spitze des Eisbergs.

Ist unter den Beschuldigten neben dem Hauptverdächtigen ein weiterer IT-Experte? Nach Angaben des Leiters der Ermittlungskommission, Joachim Poll, ist der 35-jährige Beschuldigte aus Hannover zumindest IT-affin. Als „Experten“ in diesem Bereich hatte der Kripo-­Beamte den Mann bei der Pressekonferenz am Samstag jedoch nicht bezeichnet. dpa

500

Terabyte an Daten wurden nach Schätzungen der Kripo im Missbrauchsfall von Münster bisher entdeckt (1 Terabyte sind 1000 Gigabyte). Handelsübliche Computer für den Heimgebrauch haben Speicherplatten mit einer Größe von 1 bis 3 Terabyte.