Hohenschwangau / Von Patrick Guyton Dem bayerischen Sehnsuchts- und Kitschschloss fehlen die Besuchermassen. Dafür ist die Traumwelt des Märchenkönigs Ludwig II. nun in Kleingruppen fast exklusiv anzuschauen. Von Patrick Guyton

Im Schlafzimmer des Königs sagt der 38-jährige Führer Patrick Korb: „Und jetzt bitte jeder auf einen Punkt stellen.“ Die zehn gelben Flecken sind gleichmäßig auf dem Boden verteilt, jeder Teilnehmer der Schlossführung stellt sich auf einen. Der Raum ist nicht voll, so hat man einen freien Blick auf das blau bezogene Bett, in dem Ludwig II. genächtigt hatte, auf die überladenen Holzverzierungen und die Ölgemälde an den Wänden.

Neuschwanstein bei Füssen im Allgäu – das „Märchenschloss“ ist Sehnsuchts- und Kitschort mancher deutscher und vieler amerikanischer, japanischer oder chinesischer Urlauber. Ein touristischer Hotspot, ein Must-See beim Trip durch Europa. Auf den Bayern-Landkarten ist es vorne drauf abgebildet.

Vor Corona sind in der Hochsaison 6000 Besucher täglich durchgeschleust worden. „Seit der Wiedereröffnung Anfang Juni sind es wegen der Corona-Beschränkungen maximal 540“, sagt Ines Holzmüller von der Bayerischen Schlösserverwaltung. Früher hatte eine Tour 58 Teilnehmer, jetzt sind es zehn, dafür sind die Führungen meist restlos ausgebucht.

Korb erinnert sich: „In den kleineren Zimmern konnten die Leute meist nicht viel sehen, sie waren ja völlig zusammengequetscht.“ Die Schlossführer beließen es bei knappen Erläuterungen, sie mussten schauen, dass die Gruppe beisammen blieb, dass die vorne nicht abhauten und die hinten nicht verloren gingen.

„Jetzt habe ich mehr Zeit für Erklärungen“, sagt Korb. So zeigt er im Badezimmer einen Knopf, mit dem der König fließendes Wasser ins Waschbecken plätschern lassen konnte. In der Zeit der Erbauung von 1869 an war das eine Neuheit. Korb führt durch die Privatkapelle in die Grotte, eine nachgebildete Tropfsteinhöhle, und rein ins Wohnzimmer, wo alles mit dem Motiv des Schwans ausgestattet ist.

Ein paar Leute sind durchaus da in Hohenschwangau, einem kleinen Flecken, von wo es zu Fuß oder auch mit der Pferdekutsche zwei Kilometer rauf geht zum Schloss. Doch die Reisebusse fehlen, die Parkplätze sind wenig gefüllt. Auch in den Souvenirläden ist Platz, und für eine Bratwurst muss man sich nicht anstellen. Normalerweise kommen 1,5 Millionen Besucher pro Jahr in den Ort und zum Schloss.

Johann Hensel ist der Schlossverwalter, er empfängt in seinem Arbeitszimmer mit grandiosem Blick auf den Forggensee und einem Schwarz-Weiß-Bild des jungen Ludwig II. an der Wand. Es sind Hensels letzte Tage im Amt, er geht in Pension.

Vor dreieinhalb Jahren war Hensel, eine erfahrene Führungskraft der Schlösserverwaltung, als Feuerwehrmann nach Neuschwanstein geschickt worden. Es gab Skandale, es ging um Mobbing, Betrug und ein vergiftetes Klima unter den Mitarbeitern. Am Ende seines Arbeitslebens muss er erneut eine Krise bewältigen – Corona.

Am 14. März wurde Neuschwanstein geschlossen. Für den Neustart am 2. Juni haben sie ein Hygienekonzept entwickelt, mit drastisch reduzierten Besucherzahlen geplant und die gelben Punkte auf das Parkett geklebt. „Wir desinfizieren fleißig und lüften zweimal am Vor- und zweimal am Nachmittag durch“, sagt Hensel. „Ich habe ein gutes Gefühl.“

Dem entschleunigten Tempo kann er einiges abgewinnen: „Es ist alles viel entspannter, fast familiär.“ Und für die Besucher sei die Führung „ein fast exklusives Erlebnis“.

Eigentlich ist das Schloss ein Fake, eine in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts errichtete mittelalterliche Ritterburg, also 600 Jahre zu spät. Ludwig II., der „Märchenkönig“, lebte nur 172 Tage dort. Zuletzt hatte er sich auf dem Schloss verschanzt, bis er abgeholt wurde. Man hatte ihn wegen seiner maßlosen finanziellen Prasserei für geisteskrank erklärt und entmündigt.

Kurz danach ertrank er 1886 an einer seichten Stelle im Starnberger See. Es existieren zahlreiche Mythen über andere Todesursachen.

„Neuschwanstein sollte so alt wie möglich aussehen und so modern wie möglich sein“, sagt Korb. Der König hatte sich zeitlebens mit seinen Schlossprojekten komplett verausgabt. In Neuschwanstein konnten nur 15 der 200 Zimmer hergerichtet werden, das von ihm ebenfalls gebaute Schloss Herrenchiemsee wurde nur zur Hälfte fertig.

Weiter geht es bei der Führung in die großen Räume dieses kruden Fantasieschlosses. Der Leuchter im Thronsaal, so erfährt man, ist einer byzantinischen Krone nachempfunden und wiegt eine Tonne. Der Sängersaal – ein kleineres Fußballfeld ­– ist ein Nachbau des entsprechenden Raumes in der Eisenacher Wartburg.

Empfänge, Sitzungen oder Besuche gab es nicht auf Neuschwanstein. Das Schloss war einzig für Ludwig II. da.

Schweinshaxe und Pferdeäpfel

Das Restaurant „Zur neuen Burg“ auf dem Pfad runter von der Burg hat wieder geöffnet. Angeboten wird: „König Ludwigs Leibspeise! Ofenfrische Schweinshaxe auf Sauerkraut mit Knödel, 13,50 Euro.“

Auch die Kutschen fahren wieder, auf dem Weg liegen Pferdeäpfel. pat