Fabian Kretschmer Gleich drei schwere Krisen suchen Südchina in diesem Jahr heim: Auf Schweinepest und Coronavirus folgen nun Jahrhundertfluten. Von Fabian Kretschmer

Die Provinz Hubei kommt sprichwörtlich vom Regen in die Traufe: Zu Beginn des Jahres verbreitete sich von jener Region aus die Corona-Pandemie, die ihre fast 60 Millionen Einwohner zu einer über zweimonatigen Quarantäne zwang. Nun wird Hubei und dessen Hauptstadt Wuhan erneut von einer Naturkatastrophe heimgesucht: den schlimmsten Regenfällen, wie sie laut Staatsmedien „nur einmal alle 200 Jahre stattfinden“. Der wirtschaftliche Schaden beläuft sich bereits jetzt auf mindestens 4.5 Milliarden Yuan, etwa 570 Millionen Euro.

„Ich finde das enorm tragisch. Das ist wie Öl ins Feuer gießen“, sagt Jürgen Ritter vom Deutsch­-Chinesischen Agrarzentrum (DCZ). Angefangen von der Afrikanischen Schweinepest, die die Zuchtbestände in China zeitweise halbiert hat, über die Corona-­bedingten Lockdowns bis hin zu den nun zerstörerischen Fluten im Einzugsgebiet des Jangtse-Fluss: Chinas Landwirtschaftssektor wird im Jahr 2020 gleich von drei schweren Krisen heimgesucht.

Besonders prekär: Ausgerechnet die „Kornkammern“ Chinas sind am stärksten vom Hochwasser betroffen, allen voran die für den Reisanbau wichtige Provinz Jiangxi. Dort hat die Lokalregierung formal den „Kriegszustand“ ausgerufen, um zusätzliche Ressourcen zur Bewältigung der Lage freizusetzen.

Die Sommermonate Juni und Juli sind zwar in Südchina traditionell Regenzeit, in der monsunartige Niederschläge über Wochen hinweg das Land heimsuchen. Dieses Jahr jedoch scheint sich eine Jahrhundertflut anzubahnen: Die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtet landesweit von 212 Flüssen mit „alarmierend“ hohen Wasserständen, 19 davon befänden sich derzeit auf einem Allzeithoch.

Am Sonntag hat das chinesische Ministerium für Wasserwirtschaft das Notfallsystem für den Hochwasserschutz auf die zweithöchste Stufe gesetzt. Die Regierung hat darüber hinaus Notfallhilfen in Höhe von 309 Millionen Yuan – umgerechnet knapp 40 Millionen Euro – für die besonders schwer getroffenen Regionen locker gemacht. Das Geld soll vor allem für den Wiederaufbau der zerstörten Infrastruktur verwendet werden.

Bereits jetzt ist klar, dass die Fluten drastische Folgen für die diesjährigen Ernteerträge haben werden. In der Provinz Hunan hat die Lokalregierung die Bauern dazu angehalten, die Reisfelder frühzeitig abzuernten, um die Schäden in Grenzen zu halten. Belastbare Zahlen haben die Behörden jedoch bislang noch nicht herausgegeben.

„Sicherlich ist ein großer Ernteausfall zu erwarten“, sagt Landwirtschaftsexperte Ritter vom DCZ: „Aber die Ernährungssicherheit dürfte sicher gewährleistet sein, es sollten große Vorräte da sein.“

Wille zur Selbstversorgung

Unter Mao Tsetung zielte die Volksrepublik China noch darauf ab, in Bezug auf seine Ernährungssicherheit praktisch vollkommen autark zu sein. Wenn auch abgeschwächt, ist der Wille zur Selbstversorgung in Bezug auf Grundnahrungsmittel nach wie vor vorhanden. Laut einem aktuellen „White Paper“ vom Informationsbüro des Staatsrats heißt es, China „produziert derzeit 95 Prozent seines Eigenbedarfs für Getreide“.

Für Millionen Landwirte in der Region dürften die Fluten massive wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Allein in den Provinzen Anhui und Jiangxi wurden in der vergangenen Woche zudem insgesamt rund 300 000 Menschen evakuiert, mindestens 2000 Häuser wurden durch die Fluten zerstört. In den sozialen Medien kursieren tausende Videos von Rettungskräften auf Booten, die Anwohner aus den Fenstern ihrer Heime in Sicherheit bringen.

Mehr als 140 Tote und Vermisste

Bei den schweren Überschwemmungen und Erdrutschen in China sind mehr als 140 Menschen ums Leben gekommen oder vermisst gemeldet worden. Betroffen sind vor allem Städte und Gemeinden entlang des Jangtse­-Flusses, darunter auch die Metropole Wuhan. Mehr als 30 Flüsse im Zentrum und Osten Chinas führen derzeit Rekord-Hochwasser.

Seit Ende Juni regnet es praktisch ununterbrochen. In der vergangenen Woche wurden die Niederschläge so heftig, dass die Behörden ihre Warnstufen weiter erhöhten. Mehr als 28 000 Häuser sind demnach bereits zerstört und fast 38 Millionen Menschen betroffen. dpa