Von Andreas Landwehr Das Land räumt ein, dass die Coronavirus-Welle doch größer ist. Kritiker sehen im System das eigentliche Problem. Von Andreas Landwehr

Erst einmal herrscht Schock und Verwirrung. Selbst die nationale Gesundheitskommission in Peking setzt die allmorgendliche Bekanntgabe der landesweiten Virusinfektionen und Todesfälle aus, um zu beraten. Was war passiert? Über Nacht hatte die schwer vom Coronavirus betroffene Provinz Hubei eingeräumt, dass es viel mehr Infizierte gibt. Überraschend werden 15 000 Virusfälle mehr gemeldet, obwohl der Anstieg in den Tagen zuvor meist bei 2000 gelegen hatte. Damit klettert die Zahl landesweit auf fast 60 000 Virusfälle – und mehr als 1300 Tote.

Von einer Stabilisierung, die die Weltgesundheitsorganisation (WHO) noch am Vortag ausgemacht haben wollte, ist plötzlich keine Rede mehr. Der starke Anstieg erklärt sich aus einer neuen Methode, wie Virus-Fälle gezählt werden.

Bisher war ein DNA-Test auf das Virus Sars-CoV-2 für eine offizielle Bestätigung nötig. Nun reicht dafür auch eine klinische Diagnose auf die Lungenkrankheit Covid-19 aus. Das heißt, dass ein Arzt eine Infektion auch anhand der Symptome, einer Computertomographie und der epidemiologischen Vorgeschichte eines Patienten bestätigen kann.

Der Grund für die Veränderung: Der DNA-Test auf das Virus schlage „nur bei 30 bis 50 Prozent“ der Infizierten an, sagte Tong Zhaohui von der Expertengruppe im Kampf gegen die Lungenkrankheit dem Staatsfernsehen. Deswegen sei es notwendig, auch auf die klinische Diagnose zu setzen. So waren zuvor immer wieder Patienten negativ getestet worden, obwohl sie mit dem Virus angesteckt waren.

Damit dürfte die Statistik zwar näher an die Realität rücken. Doch das hat den Mangel an Vertrauen in die chinesischen Informationen über den Ausbruch nicht behoben, Chinas Glaubwürdigkeit leidet durch das Hin und Her in der Berichterstattung nun einmal mehr. „Transparenz sieht anders aus“, sagt ein Diplomat.

Parteichefs der Provinz gefeuert

Politisch wird in Hubei und der Provinzhauptstadt Wuhan aufgeräumt. Die Parteichefs der Provinz und Wuhans wurden gefeuert wie vorher die Verantwortlichen der Gesundheitsbehörden.

Nach tagelanger Odyssee durch asiatische Gewässer kam unterdessen für 2300 Menschen an Bord der „Westerdam“ buchstäblich Land in Sicht: Das Kreuzfahrtschiff, das wegen der Furcht vor einer Einschleppung des Virus mehrere Häfen nicht anlaufen durfte, ist in Kambodscha eingetroffen. Unter den Passagieren sind auch 57 Deutsche.

Allerdings deutet sich bereits die nächste Odyssee eines Kreuzfahrtschiffes an: Die „Aidavita“ der Rostocker Reederei Aida Cruises durfte die vietnamesische Hafenstadt Cai Lan nicht anlaufen. Die örtliche Tourismusbehörde untersagte Passagieren und Besatzung, an Land zu gehen. Auf der „Aidavita“ befinden sich nach Angaben der Reederei rund 1100 zumeist aus Deutschland kommende Passagiere.

An Bord des unter Quarantäne gestellten Kreuzfahrtschiffes „Diamond Princess“ im japanischen Yokohama ist derweil bei weiteren 44 Menschen eine Infektion mit Sars-CoV-2 festgestellt worden. Damit erhöht sich die Zahl der Menschen, die sich an Bord infizierten, auf 218. dpa

Erreger heißt jetzt Sars-CoV-2

Die neuartige Lungenerkrankung aus China hat inzwischen einen eigenen Namen bekommen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nennt sie seit Dienstag Covid-19. Zugleich erhielt auch das neue Coronavirus einen eigenen Namen: Sars-CoV-2.

Der Namensgeber des Erregers, eine internationale Expertenrunde, bezieht sich mit dem Namen Sars-CoV-2 auf die sehr enge Verwandtschaft zum Sars-Virus Sars-CoV, an dem 2002/2003 hunderte Menschen gestorben sind. Die Viren seien Varianten ein und derselben Virusart. Der zunächst 2019-nCoV genannte Erreger Sars-CoV-2 zählt zu den Coronaviren. dpa