Helmut Schneider Die Corona-Krise markiert nicht die Wende der Weltordnung, aber sie beschleunigt Veränderungen im politischen und wirtschaftlichen Machtgefüge. Während die USA zurückfallen, sucht Europa seinen Platz. Beide sollten ihre bisweilen überhebliche Selbstgewissheit überdenken. Von Helmut Schneider

Die Corona-Pandemie wird womöglich in einigen Monaten medizinisch beherrschbar sein. Im Zeitraffer der Weltgeschichte wäre sie dann nicht viel mehr als ein Wimpernschlag. Aber dass dieser Wimpernschlag eine historische Zäsur markiert, steht außer Frage. Der wirtschaftliche Tiefschlag übertrifft ebenso alles bisher Dagewesene wie die finanziellen Mittel, die gegen ihn aufgebracht werden. Corona markiert aber nicht den Wendepunkt der Weltordnung. Die lähmende Seuche ist Katalysator und Beschleuniger einer Verlagerung im wirtschaftlichen und politischen Machtgefüge, die schon zuvor eingesetzt hat.

Corona stellt zudem die Systemfrage, welche die westlichen Demokratien in der Überzeugung ihrer Überlegenheit bisher nicht zu stellen für nötig hielten. Ist die demokratische der autoritären Ordnung nicht nur moralisch, sondern auch bei der Krisenbewältigung überlegen? Oder könnte es sein, dass die Menschen ihre Regierung zuvorderst daran messen, wie sie ihnen Sicherheit, auch medizinische, geben? Wenn das so ist, verlieren die USA gerade deutlich an Strahlkraft gegenüber dem autokratischen China. Und Europa sitzt zwischen diesen beiden Stühlen und hat seinen Platz noch nicht gefunden.

Weit entfernt vom Ideal

Für Sascha Lobo, den bekannten Blogger und Buchautor, ist es kein Zufall, dass die vier Staaten mit den zeitweilig meisten Infizierten – USA, Brasilien, Russland, Großbritannien – von Präsidenten regiert werden, die die Pandemie anfangs heruntergespielt haben. Sie stellten ihr persönliches politisches Interesse über jede wissenschaftliche Erkenntnis – und über das Wohlergehen ihres Volkes. Die frühere Zuschreibung „Traumtänzer“ für linke Weltverbesserer „ist im 21. Jahrhundert eine rechte Spezialität geworden“, schreibt Lobo. „Aber es ist ein Albtraum und ein Tanz der Toten.“

Das todbringende Virus hat die demokratisch gewählten Demagogen, allen voran US-Präsident Donald Trump, nicht hervorgebracht. Aber es hat sie noch deutlicher als rücksichtslose Egomanen demaskiert. Vom Ideal eines gerechten Staates, der nur von den besten Philosophen geführt wird, wie ihn der berühmte Platon beschrieb, sind Trump & Co. weiter entfernt als die zweieinhalb tausend Jahre, die seit Platon und Sokrates vergangen sind.

Dies ist kein Plädoyer gegen die Demokratie, Gott bewahre. Es soll lediglich an eine uralte Erkenntnis erinnern: Demokratie muss nicht die besten Ergebnisse hervorbringen. Der Kampf gegen Corona ist ein eindrucksvoller Beleg dafür. Das ungleich bessere politische Krisenmanagement in Deutschland beweist andererseits: Demokratische Staaten sind in der Not sehr wohl handlungsfähig. Mit noch rigoroseren Maßnahmen hatte China noch mehr Erfolg. Aber darf ein undemokratischer Staat als Vorbild dienen? Mathias Döpfner, Chef des Axel-Springer-Verlags, zeigt das Dilemma auf: „Allianzen mit einer nicht perfekten demokratischen oder mit einer perfekt totalitären Weltmacht? Diese Entscheidung ist vielleicht die größte Herausforderung Europas.“

Es ist eine Herausforderung, die schon vor Corona war und auch nach Corona sein wird. Denn das Virus-Drama ist eingebettet in eine epoachale geopolitische Verschiebung. Die USA, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion konkurrenzlos als Weltmacht zurückblieben, sind inzwischen von einem Rivalen herausgefordert, der atemberaubende wirtschaftliche Erfolge vorzeigen kann: China. Dessen Aufstieg findet auf dem Fundament einer Staatsordnung statt, die mit Demokratie nicht viel gemeinsam hat: Es zählt das Kollektiv, nicht das Individuum, das vom Staat überwacht wird.

Diesen Unterschied wollen wir im Westen meist mit Verweis auf Aufklärung und Menschenrechte nicht akzeptieren. Das Verhältnis zwischen Regierung und Volk folgt aber in der chinesischen Kollektivgesellschaft seit Jahrtausenden einem ganz anderen Verständnis als die angloamerikanischen Tradition, die nur die Rechte und Freiheiten der Person unterstreicht. Der Schweizer Diplomat Hans Jacob Roth hat dies in den 20 Jahren, die er in Asien verbrachte, kennengelernt und in seinem Buch „Die Krise des Westens. Eine Krise des Individualismus“ verarbeitet. Er sagt voraus: „Das 21. Jahrhundert wird den letzten – und den echten – Schritt der Dekolonisierung bringen, bei dem sich neben den individualistischen Denk- und Verhaltensmustern des Westens auch die kollektiven Wertmuster der restlichen Welt durchzusetzen beginnen.“ Wenn Corona etwas Gutes bewirkt, dann ist es die auf das Gemeinwohl ausgerichtete Verpflichtung.

Auch Bernhard Pörksen, Medienwissenschaftler an der Universität Tübingen, fragt sich, ob mit dem erfolgreicheren asiatischen Krisenmanagement „die Zeit der westlichen Arroganz vorbei ist“. Corona sei ein „Zivilisationstest, der liberale Demokratien im Inner­sten erschüttert“. Er sieht einen Systemwettkampf, ein Ringen um Weltanschauungen. Er sieht nationalen Egoismus neben globaler Solidarität. Und er fragt sich, wie dieser Wettkampf ausgehen wird.

 Es sieht ganz danach aus, dass die USA mit dem Versuch scheitern werden, den Rivalen aus Fernost zu schwächen. China hat seinen Einfluss in der Welt über seine Wirtschaftsverbindungen zu 120 Nationen ausgebaut. Die irrlichternde Politik des US-Präsidenten mutet dagegen wie das Gegenteil dessen an, was Corona lehrt: Dass globale Probleme nicht national gelöst und noch verschärft werden, wenn sie national-egoistisch angegangen werden. Dass sich die USA aus dem System internationaler Zusammenarbeit, das sie selber nach dem Zweiten Weltkrieg geschaffen haben, zurückziehen, ist ein kapitaler Fehler. Das Vakuum wird China nur zu gerne füllen.

Und Europa? Es will nicht der lachende Dritte sein. Aber der alte Kontinent, der im vorigen Jahrhundert von Amerika als Weltmacht abgelöst wurde, kann im Kampf der Systeme und Kulturen nicht länger sein Gewicht verleugnen. Europa muss allerdings einig sein, um ein Gegengewicht zu den beiden Giganten bilden zu können. Frankreich und Deutschland haben sich jetzt endlich zu dieser Einigkeit aufgerafft. Das ist ein gutes Signal.

Europa und Deutschland brauchen ihre Werte einer offenen und liberalen Gesellschaft nicht neu zu justieren. Aber sie sollten die bisweilen überhebliche Selbstgewissheit gegenüber China überdenken. Der niederländische Historiker Luuk van Middelaar drückt dies so aus: „Nun steht fest, dass der Rest der Welt nicht so werden wird wie Europa. Stattdessen werden wir gezwungen, uns anzupassen, wenn wir in der Welt von Donald Trump oder Xi Jinping mitspielen wollen.“ Die Welt von Donald Trump wird vielleicht noch eine zweite Amtszeit lang Bestand haben. Aber danach – so viel sei vorauszusagen gewagt – wird sie der Vergangenheit angehören, weil sie keine Antwort auf die Anforderungen einer globalisierten Welt geben kann.

Wer gewinnt den Systemwettkampf?

Der Inder Kishore Mahbubani, einer der renommiertesten Politikwissenschaftler Asiens, macht zu Amerikas Rivalen diese Voraussage: „Die Chance, China von außen zu liberalisieren, ist gleich null.“ In acht Büchern (das jüngste heißt „Has China won?“ – Hat China gewonnen?) hat er den Aufstieg Asiens und den vermeintlichen Niedergang des Westens aufgezeigt. Im Interview mit dieser Zeitung beschreibt er den fundamentalen Unterschied: Die USA wähnten sich im besten aller Gesellschaftssysteme, das die anderen Länder zu ihrem Vorteil kopieren sollten. „Die Chinesen haben einen anderen Standpunkt, der vereinfacht lautet: Nur wir Chinesen können Chinesen sein. Ihr sucht euer System aus, und wir tun das für uns.“

Der zweite fundamentale Unterschied liegt für Mahbubani darin, „dass China seit 40 Jahren keinen größeren Krieg mehr geführt und seit 30 Jahren keine Kugel außerhalb seiner Landesgrenzen abgefeuert hat“.

Hat China auch den Systemwettbewerb gewonnen? Das behauptet der frühere Spitzendiplomat nicht. Im Gegenteil. „Ich glaube nach wie vor, dass jede Gesellschaft irgendwann demokratisch ist“, sagt Mahbubani. Aber das werde in China nur von innen heraus geschehen, niemals auf äußeren Druck.

Vielleicht führt die Corona-Krise einen Schritt weiter in diese Richtung.