Die Apuanischen Alpen glänzen auch im Sommer wie von Schnee bedeckt. Bereits von der Küstenautobahn aus bestaunen Toskana-Reisende das in
80 Stein­brüchen bei Ca­rrara abgebaute weiße Gold, das in alle Welt exportiert wird. „Für mich gibt es keinen hässlichen Marmor“, sagt Luciano Massari. „Man muss ihn respektieren, auch in den Spuren, die die Zeit auf ihm hinterlässt“, sagt der Mann mit dem vom Wind zerzausten Haar, der diesen Stein liebt. Der Künstler widerspricht der gängigen Vorstellung von Marmor als einem schweren, harten Material. Zum Beweis zeigt der 64-Jährige in der Bildhauerwerkstatt Studi d’arte Cave Michelangelo eine weiße Marmor-Schale, die er bei der Kunstbiennale von Venedig in einer größeren, mit Meerwasser gefüllten schwimmen ließ, als sei sie federleicht.

In der Werkstatt am Stadtrand von Carrara steht auch ein überlebensgroßes Modell des Kopfstoßes, den der französische Fußballspieler Zinedine Zidane beim WM-Finale von 2006 dem Italiener Marco Materazzi mitten auf die Brust versetzte. Während die beiden in schwarzem Marmor in einen ewigen Kampf verwickelt scheinen, fräst ein Arbeiter mit einem hohen Sirren Details eines Reliefs in eine weiße Marmorplatte.

Marmorstaub für die Zahnpasta

In der Bildhauerwerkstatt des Sohnes von Massari hingegen kreisen Roboterarme wie von Geisterhand angetrieben: Für den Torso nach antikem Modell benötigt die Maschine vier bis fünf Tage, sagt Giacomo Massari. Die hochautomatisierte Werkstatt liegt mitten in den Marmorbrüchen. „Schon der Weg zur Arbeit ist phantastisch“, schwärmt der Mann mit den welligen langen Haaren. Die Straße von dem in der Ebene gelegenen Carrara führt durch einspurige und unbeleuchtete Tunnel nach hier oben. Anders als sein Vater hat sich der 37-Jährige in der mit einem Bildhauer gegründeten Firma „Torart“ auf die robotergestützte Fertigung spezialisiert. Die Maschinen des deutschen Automationskonzerns KUKA sind genau auf die Eigenheiten bei der Marmorherstellung abgestellt.

Den letzten Schliff verleiht die deutsche Bildhauerin und Steinmetzin Stefanie Krome einer Augustus-Büste von Hand. Mit Kopftuch, Gehörschutz und einer eng anliegenden Brille, die das Eindringen von Staub in die Augen verhindert, fräst sie Falten im Gewand des römischen Kaisers aus. „Es war schon immer mein Traum, nach Carrara zu kommen“, erzählt sie mit leuchtenden Augen. Vor zehn Jahren zog sie mit ihrem Mann, einem Bildhauer, in die Marmor-Stadt.

Vom gegenüberliegenden Restaurant aus lassen sich Touristen in die Marmorsteinbrüche fahren und bestaunen die wie Spielzeug wirkenden Riesenbagger. Mit donnerndem Krach schütten sie Marmorgeröll auf die LKW-Ladeflächen. Tief haben sich die Marmorbrüche in die Berge hineingefressen.

Was auf Besucher wie eine Mischung aus Abenteuer und Exotik wirkt, sei pure Naturzerstörung, kritisieren Umweltschützer, denn vielfach entfielen nur zehn Prozent des Ertrags auf große Marmorblöcke, aus denen Skulpturen entstehen. Längst werden auch kleinere Stücke zu Figuren oder in Luxuswohnungen verarbeitet. Selbst in Kosmetika, Zahnpasta und Papier findet der feine Marmorstaub aus Carrara Verwendung. Giuseppe Sansoni von der Umweltorganisation Legambiente nennt es einen „Skandal, dass man für nur wenige große Marmorblöcke den Berg buchstäblich zerbröselt“. Der entstehende Staub verunreinige bei Regen die Wasserquellen und färbe sie weiß.

Das Risiko von Überflutungen steigt

Der Ex-Mitarbeiter der Umweltbehörde Arpat beschuldigt die Stadtverwaltung, die Einhaltung der Regeln nicht ausreichend zu kontrollieren.  Auf Geröllhalden werde nicht für eine Verlangsamung des Wasserflusses gesorgt, damit es im Tal nicht zu Überschwemmungen komme. Legambiente fordert deshalb eine Politik der „blitzblank sauberen Marmorbrüche“. Anstatt der vorgeschriebenen 75 Prozent produzierten Steinbrüche bis zu 90 Prozent Geröll, sagt der Ex-Umweltkontrolleur Sansoni. Die dabei ebenfalls abgebaute Erde werde nicht sachgerecht im Tal entsorgt, klagt er. Weil sie tonhaltig sei, nehme sie  kein Wasser auf und erhöhe auf Geröllhalden unterhalb der Steinbrüche die Geschwindigkeit des ablaufenden Wassers. Bei extremen Regenfällen steige damit das Risiko von Lawinen und Überflutungen im Tal. Außerdem seien Straßen in den vergangenen Jahrzehnten oft direkt über Wasserläufe verlegt worden, um Platz für Abraum zu schaffen. Bei starken Regenfällen würden diese rasch überflutet oder der Asphalt von den darunter fließenden Wassermassen schlicht gesprengt.

Die Stadtverwaltung hingegen rühmt sich, den Umweltproblemen mit neuen Regeln Abhilfe geschaffen zu haben. Seit die Anti-Establishment-Partei „Fünf-Sterne-Bewegung“ hier das Sagen hat, wurde die Dauer der Konzessionen für Marmorbrüche von maximal 29 auf 25 Jahre verkürzt. Wer seine Lizenz nach 13 Jahren verlängern will, muss künftig für mehr Arbeit in der Region sorgen. Denn Carrara gehört trotz des Marmor-Reichtums zu den ärmsten Städten der Toskana, seit die Chemie-Industrie abgebaut wurde und Marmor kaum noch vor Ort verarbeitet, sondern hauptsächlich als Rohmaterial exportiert wird.

Seit den 80er Jahren ist Carraras Bevölkerung um ein Viertel auf 60 000 Einwohner geschrumpft. Heute seien noch 5500 Menschen mit Abbau und Verarbeitung von Marmor beschäftigt, sagt der für Marmor zuständige stellvertretende Bürgermeister Matteo Martinelli. In der Vergangenheit hätten fast alle Familien der Stadt vom Marmor gelebt.

Dass die Stadtverwaltung die Dauer der Konzessionen verkürzt habe und deren Verlängerung an Bedingungen gebunden sei, nennt Martinelli „eine Revolution“. Auch die Forderung nach sauberen Steinbrüchen, damit weniger Marmorstaub das Grundwasser verunreinigt, sei in die neuen Regeln aufgenommen worden. Den Umweltschützern wirft Martinelli mangelnde Gesprächsbereitschaft vor. Beide Seiten stehen sich unversöhnlich gegenüber. Einzig das Problem der Feinstaubbelastung durch Laster, die Carrara auf dem Weg von den Steinbrüchen Richtung Küstenautobahn durchqueren, sieht Legambiente durch den Bau von Umgehungsstraßen gelöst.

In den 80 aktiven von insgesamt
100 Steinbrüchen in Carrara werden laut dortiger Handelskammer jährlich drei Millionen Tonnen Marmor abgebaut. Während die Steinindustrie 2019 landesweit schrumpfte, verzeichnete allein die Marmorproduktion rund um Carrara einen leichten Anstieg. In der Region wurden 2019 nach Angaben der Handelskammer Marmorblöcke im Wert von knapp 690 Millionen Euro verkauft.

Viele Bewohner sind überzeugt, dass beim Marmorverkauf ins Ausland weiter Schwarzgeld in die Taschen der Unternehmer fließt: Die Finanzpolizei deckte zwischen 2016 und 2018 auf, dass mehrere Firmen sieben Millionen Euro Steuern hinterzogen hatten. In Carrara heißt es, wenige Familien bereicherten sich mit dem Abbau des Marmors über die Maßen, würden aber keine Jobs mehr schaffen. In den vergangenen Jahren sei es zunehmend zu Spannungen zwischen der Bevölkerung und den Betreibern der Steinbrüche gekommen, räumt Martinelli ein. „Heute bekommen wir als Stadtverwaltung Prügel von beiden Seiten“, sagt er über die Kritik von Bürgern und Umweltschützern auf der einen und Unternehmern auf der anderen Seite.

Und der Streit geht weiter: Legam­biente kämpft jetzt dafür, dass Carrara-Marmor allein für „edle Nutzungsarten“ wie Statuen verwendet und nicht als Kalziumkarbonat Plastik und Papier beigemischt wird. Die Unternehmer wiederum werden wohl gegen die neuen Regeln zur zeitlichen Beschränkung der Lizenzen klagen. Die Marmorbrüche von Carrara bleiben Fluch und Segen.