Berlin / Maria Neuendorff Corona ruiniert das legendäre Nachtleben, das für viele Hauptstadt-Touristen einfach dazugehört. Niemand weiß, wann die Clubs wieder öffnen dürfen. Ist die Stadt bald nur noch arm statt arm, aber sexy? Von Maria Neuendorff

Vor dem Metropol liegen zwei Obdachlose. In dem gewölbeartigen Eingang des legendären Tanzclubs, zwei U-Bahn-Stationen vom Kurfürstendamm entfernt, haben sie ihre Tüten und Einkaufswagen geparkt. Statt wummernder Bässe hört man nur betrunkenes Murmeln.

Normalerweise würden an so einem lauen Sommerabend bunte Paradiesvögel und aufwändig gestylte Dragqueens über den roten Teppich zum Berliner Tuntenball staksen oder Konzert-Fans für Susan Vega Schlange stehen. Der Imbissverkäufer würde sonntagmorgens um acht Uhr mit müden Augen immer noch Hotdogs verkaufen, weil die Nachtschwärmer einfach kein Ende finden.

Doch die Party ist vorbei. Die neon-pinken Scheinwerfer, die die Sandsteinfiguren des 100 Jahre alten Vergnügungstempels immer nach Sonnenuntergang in feierliches Licht hüllten, sind seit dem 13. März ausgeknipst. Seither ist es still geworden im weltberühmten Berliner Clubleben.

Schwitzende Menschen, die gemeinsam zu einer wogenden Masse verschmelzen. Der rauschhafte Tanz zwischen Nebelschwaden und Blitzen. Das Gefühl, dass die Bässe den Körper vibrieren lassen, die Nacht unendlich ist und Berlin im Gegensatz zu New York wirklich niemals schläft – das alles wird es auf unbestimmte Zeit nicht mehr geben.

„Energie, in der man badet“

„Die Menschen, die man im Club trifft, strahlen diese ganz besondere Energie aus. Eine Energie, in der man badet“, beschreibt es Sascha Disselkamp. Mit 17 Jahren kam er aus einem kleinen katholischen Ort in der Nähe von Bielefeld in die Mauerstadt, lebte in einem besetzten Haus, spielte Punkrock, wurde für einen Kinofilm entdeckt. In den 80er Jahren betrieb der heute 55-Jährige den „Sexton“-Club in Schöneberg. Metallica,
AC/DC­ und die Toten Hosen feierten bei ihm ihre Aftershow-Partys. Nach der Wende gründete Disselkamp mit zwei anderen jungen Wilden den Rock- und Elektroclub „Sage“ in Mitte. In einem ehemaligen Aufenthaltsraum für die DDR-Grenzer, die den Geisterbahnhof Heinrich-Heine-Straße bewachten, unter der die West-U-Bahn einst ohne Halt hindurchfuhr, ließen sie Rock-, Funk- und Soul-Musiker auftreten. An den Wochenenden legten DJs House und Techno auf. Auch die weltbekannten Fetisch-Partys des „KitKat“-Clubs fanden bis zum Lockdown in Disselkamps Räumen statt.

 „Sage“ und „Kitkat“ hatten schon vor Corona Probleme mit Verdrängung und steigenden Mieten. Doch Disselkamp ist ein Macher, der nicht so schnell aufgibt. Als der Lockdown kam, brachte der Vorsitzende der Berliner Clubcommission „UnitedWeStream“ ins Netz. DJs legen in den leeren Berliner Clubs auf. Zur ersten Live-Übertragung aus dem „Watergate“ am 20. März tanzten fast 70 000 gemeinsam einsam in ihren Wohnzimmern. Die Hörer spendeten in den ersten Wochen mehr als eine halbe Million Euro.

Für die 300 Berliner Clubs mit rund 9000 Beschäftigen ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Ein Überleben im Standby-Modus würde rund zehn Millionen Euro Finanzhilfen im Monat kosten, hat der Verband ausgerechnet. Dabei ist das Feiern in der deutschen Hauptstadt ein großer Wirtschaftsfaktor. Laut einer verbandseigenen Studie ließen Clubtouristen vor dem Virus 1,48 Milliarden Euro pro Jahr in Berlin.

„Jeden dritten Besucher zieht es wegen unseres Nachtlebens in die Stadt“, sagt auch Cansel Kiziltepe. Die SPD-Bundestagsabgeordnete setzt sich schon seit Jahren gegen das Clubsterben ein. „Helfen würde, wenn man die Clubs, die das Stadtbild prägen, baurechtlich nicht mehr als Vergnügungsstätte, sondern als Kultureinrichtung einstufen würde“, erklärt Kiziltepe. Doch dass es einen Unterschied zwischen einer Diskothek mit Hits vom Band und einem Club gibt, in dem Künstler performen, verstehe leider nicht jeder, sagt die 44-Jährige.

Aus dem Konjunkturpaket, das die Bundesregierung Anfang Juni beschlossen hat, sollen nun auch die Party-Arenen und Festival-Veranstalter mit mehr als zehn Mitarbeitern in Deutschland drei Monate lang Hilfen bekommen.

„Richtig große Sorgen machen mir aber die Dauerschuldverhältnisse und offenen Bankkredite“, sagt Disselkamp, der insgesamt fünf Läden betreibt. Erst vor ein paar Tagen hat er 25 000 Euro Hilfe erhalten. Nachdem das Berliner Nachtleben behördlich geschlossen worden war, stellte er riesige Skulpturen in den Sand seines Sage-Beach-Restaurants und machte einen Drive-In auf. Die Besucher, die per Auto, Rad oder zu Fuß Cocktails und Gnocchi zum Mitnehmen orderten, konnten während der Wartezeit leuchtendende Hirsche und Nashörner aus Metall bewundern und bekamen ein „Ständchen to go“ gespielt.

Berlin wäre nicht Berlin, wenn es sich nicht gerade in den Zeiten der Krise immer wieder neu erfinden würde. Doch Disselkamps „Food Safari“ war schnell wieder out, nachdem Restaurants wieder öffnen durften und die Sperrstunde in Bars und Kneipen aufgehoben wurde.

Und mit jeder neuen wissenschaftlichen Untersuchung zum Coronavirus wird klarer: Das gemeinsame Tanzen in fensterlosen Räumen wird wahrscheinlich erst wieder vertretbar sein können, wenn ein Impfstoff gegen das Virus gefunden ist.

„Das Drama für uns ist, dass wir einfach kein Ende der Fahnenstange sehen“, sagt Disselkamp. „Wenn mir jemand sagt, man kann auf den Boden der Clubs Quadrate einzeichnen, in denen die Leute dann auf Abstand tanzen, lach ich mich tot. Das wird nichts.“ Vor einigen Tag hat Disselkamp sich dabei erwischt, wie er das erste Mal in seinem Leben das Wort „abwickeln“ in den Mund genommen hat.

Denn was passiert, wenn ein sogenannter Superspreader mit vielen Menschen in Kontakt kommt, haben die Gäste in der „Trompete“ erlebt. Am Lützowplatz in Berlin-Tiergarten führt eine Kellertreppe in den schummrigen Club des Schauspielers Ben Becker. Auf Ledersofas, in dem schlauchartigen Gang vor der Bar und in mit Kuhfell umrahmten Sitznischen kam man sich in den vergangenen 20 Jahren schnell näher. Ende Februar steckte hier ein Corona-Infizierter 16 andere Gäste an. Unter anderem zwei Polizisten, deren gesamte Hundertschaft danach nicht mehr das Hertha-Spiel bewachen konnte, weil sie in Quarantäne musste.

„Pizza-Party mit Sitzpflicht“

So lädt auch der Kreuzberger Club „Birgit & Bier“, in dem man sonst die Nächte durchtanzen konnte, nun ab 12 Uhr zur „Pizza-Party mit Sitzpflicht“ ein. Spontan vorbeikommen und oder versacken ist nicht mehr. Die Tische im Open-Air-Bereich rund um ausrangierte Rummelfahrgeschäfte müssen vorher im Internet reserviert werden. „Bitte innerhalb des Geländes nur aufstehen, wenn ihr auf Toilette müsst“, erklären die Betreiber die neuen Regeln auf  Facebook.

Doch sind nicht gerade die Enge, die körperliche Nähe, der hemmungslose Alkoholkonsum in der Anonymität der Dunkelheit das, was den Clubbesuch ausmacht? „Berlin ist sexy wegen seiner Clubs. Sie sind weltweit bekannt als seltene Orte gelebter Toleranz“, sagt Politikerin Kiziltepe. Gerade für Menschen aus der queeren Community seien sie auch wichtige Rückzugsorte. „Viele haben im Berghain oder SchwuZ ihre ersten Erfahrungen gemacht, ihre Outings vollzogen.“

Ein Freiheits-Gefühl, das nicht nur Homosexuelle beschreiben. „Ich habe einen harten Job, in dem ich immer funktionieren muss. Das Kitkat ist ein Ort, in dem ich einfach ich sein kann“, sagt Tamara. Statt die Nacht zum Tag zu machen, steht die Projektmanagerin eines Auto-Herstellers samstagmittags mit einem Glas Crémant vor dem Weinladen. Rund um den trubeligen Winterfeldmarkt schenken die Gastronomen weiter Bier und Aperol Spritz aus, als wäre Kiezfest. Wer keinen Sitzplatz mehr auf den selbstgezimmerten Holzbänken am Straßenbaum bekommt, setzt sich in den offenen Kofferraum des Kombis.

Am frühen Abend landen alle auf Tamaras Balkon in Kreuzberg. Von hier aus konnte die 40-Jährige sonst immer die Massen des Karnevals der Kulturen vorbeiziehen sehen. Nach der verrückten Straßenparty ging sie immer noch in den Club. „Es geht mir nicht darum, in einem Darkroom Sex zu haben. Aber bei den Fetisch-Partys kann ich in eine andere Welt abtauchen, frei sein und mich treiben lassen“, sagt die Blondine, die ihr Business-Outfit nachts gerne gegen einen Netz-Body tauscht.

Viele der Clubs, wegen der sie die Stadt immer so lebenswert fand, existieren schon nicht mehr. Das Knaack, der Bassy Club, das White Trash, das Chalet und der Arena Club mussten schon vor Corona wegen nicht verlängerter Mietverträge und Ruhestörungs-Klagen schließen.

Das Metropol, Partylegende seit Bowie-Zeiten, hatte nach langer Insolvenz gerade erst wieder im September 2019 aufgemacht. Auf den weiß gestrichenen Emporen mit venezianischen Kronleuchtern wurde zu West-Bam getanzt. In der Raucherbar herrschte schnell Gedränge. „Zu Asche, zu Staub“, sang die „Moka Efti“-Band aus „Babylon Berlin” am Eröffnungswochenende.