Ravensburg / Von Marcus Golling Das Kunstmuseum Ravensburg war das erste Museum mit Passivhaus-Standard. Doch auch anderswo arbeiten Ausstellungshäuser an ihrer Energiebilanz. Von Marcus Golling

Von außen wirkt das Kunstmuseum Ravensburg wie eine Burg, mit seinen hohen Wänden aus rot-braunen Ziegeln, seinen schießschartenartigen Fenstern und dem mittelalterlich gewölbten Dach. Und ein bisschen stimmt das auch, schließlich, so sagt Architekt Arno Lederer, sei ein Museum immer eine „Truhe, in der empfindliche Dinge aufbewahrt werden“. Doch der 2013 eingeweihte Bau ist viel mehr als das: Er war bei seiner Eröffnung das erste Museum in Passivhaus-Bauweise weltweit, kommt also ohne klassische Heizung oder Klimatisierung aus.

Damit das funktioniert, mussten die Planer des Stuttgarter Büros Lederer+Ragnarsdottir+Oei zusammen mit Energieexperten besondere Lösungen finden. So bestehen die Außenwände aus zwei Schalen. Hinter dem sichtbaren Klinker befindet sich eine 24 Zentimeter dicke Dämmschicht und wiederum dahinter Beton, der mittels Ankern mit der Fassade verbunden ist. Diese Anker mussten speziell entwickelt werden, herkömmliche Bauteile hätten als Wärmebrücken zu viel Energie von innen nach außen oder umgekehrt transportiert. Ebenfalls für Ravensburg ertüftelt wurde die Trommeltür am Eingang, über normale Dreh- oder gar Automatiktüren gäbe es zu viel Luftaustausch.

Bremsweg wie ein Tanker

Das Kunstmuseum hat nach offiziellen Angaben einen jährlichen Energiebedarf von etwa 15 Kilowattstunden pro Quadratmeter. Zum Vergleich: Ein in den 1970ern gebautes, nicht energetisch saniertes Einfamilienhaus kommt auf einen Wert von etwa 200 bis 300, ein saniertes immer noch auf gut 100. Durch die dicken Wände verhalte sich das Gebäude, was Temperaturveränderungen angeht, unglaublich träge, sagt Architekt Lederer. „Das muss man sich wie einen Tanker vorstellen, der einen gewaltigen Bremsweg braucht, bis er zum Stehen kommt.“ Das Kunstmuseum heizt sich also im Sommer kaum auf und kühlt im Winter nur sehr langsam ab.

Im Vergleich zu anderen Häusern ist der „Tanker“ Ravensburg mit 800 Quadratmetern Ausstellungsfläche freilich eine Nussschale. Die Staatsgalerie Stuttgart bespielt 9000 Quadratmeter, verteilt auf die klassizistische Alte Staatsgalerie samt Anbau und die von dem Briten James Stirling entworfene und 1984 eröffnete Neue Staatsgalerie. Von Passivhaus-Standards kann man dort nur träumen, stattdessen wird sehr viel Energie benötigt, um das gleichmäßige Klima in den Räumen zu erhalten: 21 Grad Celsius, 50 Prozent Luftfeuchtigkeit. Die Klimatechnik ist in einem Museum besonders gefordert, erklärt der kaufmännische Geschäftsführer Dirk Rieker: „Viele Besucher erzeugen mehr Wärme oder bringen Feuchtigkeit in die Räume, zum Beispiel dann, wenn es draußen regnet und die Menschen mit nasser Kleidung durch das Museum gehen.“

Und doch ist es der Staatsgalerie gelungen, den Energieverbrauch erheblich zu senken. Wenn man die Werte des Jahres 2013 zugrunde legt, wurden laut Rieker zwischen 2014 und 2018 rund 4,62 Millionen Kilowattstunden an Heizung (der mit Abstand größte Posten) und Strom eingespart, was rund 164 Tonnen CO2 entspricht. Rieker gilt in der deutschen Museumslandschaft als ein Vorreiter, weil er das Energie- und Umweltmanagement früh zu einem zentralen Thema gemacht hat, seit 2016 sogar zertifiziert vom TÜV Süd.

Was also haben die Stuttgarter unternommen? Die Beleuchtung in den Ausstellungsräumen wurde von Halogen auf LED umgestellt. Die Dächer des Altbaus wurden erneuert, das Stirling-Gebäude soll ab 2025 folgen. „Die Dachsanierung ist auch wirtschaftlich sinnvoll, denn die Baukosten sind nach ein paar Jahren durch die Stromersparnis schon gedeckt“, so Rieker. Im kommenden Jahr soll im Neubau ein neues Kälte-Wärme-System installiert werden. Aber der Wirtschaftsfachmann fordert ein ganzheitliches Denken, auch Aspekte wie die Ökobilanz von Kunsttransporten oder die Anreise der Besucher sollten mit bedacht werden. „Es gibt so viele Möglichkeiten, den Umweltschutz in der Kultur weiterhin zu verbessern, und wir sollten sie alle nutzen.“

Nachhaltigkeit geht vor

Auch Architekt Arno Lederer sieht das so, rückt aber einen anderen Aspekt ins Zentrum, nicht nur für Museen. „Wir haben kein Energieproblem, wir haben ein Nachhaltigkeitsproblem bei den Rohstoffen.“ Bei energetischen Sanierungen würden beispielsweise oft Compound-Materialien verwendet, die nur schwer zu recyceln sind. Glasfassaden müssten nach 30 Jahren ausgetauscht werden. Wichtige Gebäudetechnik sei schon nach 25 Jahren veraltet. Viele Bauten der Gegenwart seien ohnehin nur auf eine Haltbarkeit von wenige Jahrzehnten hin konzipiert. Das sei ein Fehler: „Wir müssen dazu übergehen, dass ein Haus nicht  50, sondern 200 bis 300 Jahre hält“, fordert Lederer. Fast wie die richtigen Burgen.