Brüssel/Hamburg / dpa Von diesem Mittwoch an dürfen die aromatisierten Rauchwaren nicht mehr in der EU verkauft werden. Von Michel Winde und Martin Fischer

Niemand steht so für die Menthol-Zigarette wie Helmut Schmidt. Schon 2013, ein Jahr bevor in der EU deren Verbot beschlossen wurde, verbreitete der damalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück die Legende, dass der Altkanzler 200 Stangen seiner Stamm­marke „Reyno“ im Keller seines Hauses in Hamburg gehortet habe – aus Angst, seine geliebten Glimmstängel bald nicht mehr zu bekommen.

Von diesem Mittwoch an haben Raucher mit Vorliebe für Menthol-Zigaretten und ohne Vorrat ein Problem: Dann tritt in der EU endgültig ein Verkaufsverbot für ausnahmslos alle Zigaretten und Drehtabak mit charakteristischen Aromen in Kraft. Es ist das Ende einer vierjährigen Übergangsphase für Produkte mit einem höheren Marktanteil als drei Prozent. In Deutschland betrifft das laut einer Studie von 2016 immerhin 2,1 Prozent der Raucher, wie aus einer Studie in der Fachzeitschrift „TID“ („Tobacco Induced Diseases“) hervorgeht. In anderen EU-Staaten wie Polen ist die Quote deutlich höher.

Die Geschichte von Schmidts Zigarettenvorrat bewahrheitete sich letztlich nicht. „Entsprechend dem berühmten Schmidt-Zi­tat ,Willen braucht man – und Zigaretten’ haben wir in der Tat im Haus im Neubergerweg zwar einen reichhaltigen Fundus an Zigaretten und Schnupftabak-Dosen gefunden“, sagt Ulfert Kaphengst von der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung, die den Privatbesitz von Helmut und Loki Schmidt inventarisiert. „Allein die ,200 Stangen im Keller’ suchen wir noch vergeblich.“

Nun geht es den Mentholkippen also an den Kragen. Besiegelt wurde ihr Ende allerdings schon vor sechs Jahren, als die EU-Tabakrichtlinie nach mühsamen Verhandlungen verabschiedet wurde. 2016 traten die Regeln dann in Kraft.

Seitdem müssen auch zwei Drittel der Vorder- und Rückseite von Zigarettenschachteln und Drehtabakverpackungen für Schockbilder und aufklärende Warnhinweise reserviert sein. Ziel der Regeln ist, die Raucherquote von Jugendlichen zu senken und „Fälle der vorzeitigen Sterblichkeit“ zu reduzieren.

Aber was ist so schlimm an Menthol-Zigaretten? „Das größte Problem an dem Menthol ist, dass es eine kühlende und schmerzlindernde, leicht betäubende Wirkung hat“, sagt Katrin Schaller von der Stabsstelle Krebsprävention des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ) in Heidelberg. Dies führe dazu, dass der normalerweise kratzige Rauch leichter zu inhalieren sei. Das mache Mentholzigaretten vor allem für Rauch-Neulinge attraktiv.

Vorrat unterm Schreibtisch

Jan Mücke spricht hingegen von einer „willkürlichen Regulierung“ auf EU-Ebene. Er selbst sei Mentholraucher und habe unterm Schreibtisch einen Vorrat angelegt, sagt der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands der Tabakwirtschaft und neuartiger Erzeugnisse. Die Begründung für das Verbot überzeugt ihn nicht. Die Quote rauchender Kinder und Jugendlicher gehe schließlich seit Jahren zurück – trotz Menthol-Zigaretten.

Das Verbot von Mentholzigaretten bedeutet aber nicht, dass Raucher künftig auf Zigaretten mit Menthol-Geschmack verzichten müssen. So weist ein Händler auf seiner Internetseite darauf hin, dass diverse Hersteller mit Nachfolgeprodukten in den Startlöchern stünden. Reemtsma etwa setzt auf Aromakarten. Diese werden mindestens eine Stunde in die Zigarettenschachtel gesteckt, um ihr Aroma abzugeben. dpa

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Millionen Menschen weltweit sterben nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation jährlich vorzeitig an den Folgen von Zigarettenkonsum. Helmut Schmidt ist die berühmte Ausnahme: Er wurde 96 Jahre alt.