Binz / Von Mathias Puddig Mecklenburg-Vorpommern atmet auf: Die Urlauber kommen wieder, darunter viele neue Gäste aus dem Süden. An der Küste gibt es kaum noch freie Zimmer. Für die Gastgeber ist der Andrang in diesen Zeiten auch ein Kraftakt. Von Mathias Puddig

Die Sonne steht tief über dem Hafenbecken in Stahlbrode, zwei Kormorane segeln über das flache Wasser des Strelasunds. Ein kleines Fischerboot ist an diesem Mittwochmorgen schon unterwegs, die Möwen interessiert das aber noch nicht. Sie schreien erst los, als pünktlich um 6.30 Uhr die Autofähre nach Glewitz auf Rügen ablegt. Nur zwei Autos sind an Bord, und der Kassierer – mit Maske und Handschuhen – hat noch nicht genug Wechselgeld dabei.

Die Fahrt ist die erste in dieser Saison, deren Start Corona-bedingt verschoben wurde. Bisher gelangten die Urlauber nur über die Brücke nach Rügen. Der Start der Fähre ist einer von vielen kleinen Schritten zurück in den touristischen Alltag. Schon zwei Tage zuvor ist den Hotels in Mecklenburg-Vorpommern wieder die volle Auslastung erlaubt worden. Auch Urlauber aus dem Ausland sind willkommen.

Der Eindruck vom Stahlbroder Hafen täuscht deshalb. Es ist keineswegs mehr ruhig in Mecklenburg-Vorpommern. Spätestens seit Pfingsten läuft der Tourismus mit aller Macht wieder an. Schon jetzt ist es schwer, noch ein Zimmer am Meer zu bekommen. „Alle wollen jetzt nach Mecklenburg-Vorpommern kommen“, jubelte Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD). „Alle wollen zurück in den Normalzustand“, sagt auch Tobias Woitendorf, der Vorsitzende des Landes-Tourismusverbandes.

Das ist kein Wunder, schließlich hat der Nordosten viel verpasst. Ostern durfte keiner an die Ostseeküste reisen. Auch die leuchtend gelben Rapsfelder sind verblüht, ohne dass Urlauber Erinnerungsfotos machen konnten. Mecklenburg-Vorpommern drohte eine Katastrophe. Das Land mit seinen 1,6 Millionen Einwohnern lebt wie keine zweite Gegend in Deutschland von den Besuchern, 34 Millionen Touristen kamen im vergangenen Jahr. Erst kurz vor Pfingsten wurde wieder aufgemacht. Und noch längst ist nicht alles wie vor Corona. „Die Umstände sind, wie sie sind“, sagt Woitendorf.

Ähnlich klingt Knut Schäfer. Der Geschäftsführer der Weißen Flotte, die die Rügen-Fähre betreibt, sagt zwar, dass die Wiederaufnahme des Fährbetriebs zwischen Stahlbrode und Glewitz „für uns der letzte Schritt in die Normalität“ ist. Auch er schränkt aber sofort ein: „Also, was an Normalität eben so geht.“ Mit Masken und Handschuhen fürs Personal an Bord ist es jedenfalls nicht getan. Die Reederei, die 28 Schiffe betreibt, musste Hygienepläne verschärfen, auf einigen Linien die Kapazitäten reduzieren und das ­Gastro-Angebot einschränken. Ähnliche Auflagen müssen sämtliche Branchen erfüllen. „Fast alle Betriebe sagen, dass sie einen höheren Aufwand haben, mehr als ­80 Prozent berichten auch von höheren Kosten“, sagt Tourismus-Chef Woitendorf.

„Wir desinfizieren jeden Lichtschalter“

In den Hotels gibt es deshalb keine Frühstücksbuffets. Ferienhausvermieter bitten ihre Gäste, sämtliches Geschirr vor Auszug in die Spülmaschine zu stellen. Vor den Restaurants bilden sich lange Schlangen. „Wir desinfizieren jeden Lichtschalter“, sagt Jan Grasshoff, Eigentümer der Feriensiedlung „Mönchgut Living & Spa“ im Fischerdörfchen Gager. „Gereinigt wurde natürlich immer, aber nicht so.“ Die Kosten dafür kommen aufs Minus aus der Zeit des Lockdowns noch oben drauf. Das wieder einzuholen, werde dauern, sagt Grasshoff. „Ich kann jedes Bett nur einmal belegen.“

Trotzdem meckern die meisten Unternehmer nicht über die Politik. Schäfer überlegt lange, was hätte besser laufen können. An einigen Stellen war die Kommunikation zwar nicht perfekt. „Wenn ich genau nachdenke, dann finde ich aber nicht viel“, sagt er. Vor allem das Kurzarbeitergeld und die Soforthilfen haben vielen geholfen. Mit der Politik sei er im Grundsatz sehr zufrieden, sagt auch Grasshoff. Ihn beschäftigte eher etwas anderes. „Was uns mehr Sorge bereitet hat, war die Stimmung in Mecklenburg-Vorpommern.“ Tatsächlich haben sich unschöne Szenen abgespielt, als die Inseln abgeriegelt waren. Es gab Berichte, dass Autos mit fremden Kennzeichen mit Farbbeuteln beworfen wurden. Auf Usedom wurden einer Dortmunderin die Reifen zerstochen. Grasshoff hat diese Feindseligkeit ebenfalls beobachtet: „Die Rüganer haben gesagt, es darf keiner vom Festland kommen. Die Hiddenseer haben gesagt, es darf keiner von Rügen kommen. Diese Grundstimmung fanden wir viel schwieriger als die Politik.“

Den Tourismusverband alarmiert das. „Krisen führen manchmal zu Angst und irrationalem Handeln“, sagt Woitendorf und erzählt, dass der Tourismusverband schon länger versucht, die Akzeptanz des Tourismus zu steigern. „Wir müssen uns fragen, ob der Tourismus hier richtig aufgestellt ist: Entsteht aus der Intensität genügend Lebensqualität auch für die Einheimischen? Oder müssen wir den Tourismus weiter optimieren?“

Auch Schäfer weiß: „Ohne Touristen läuft hier einiges nicht normal. Wir haben nur diesen einen Wirtschaftsfaktor.“ Künftig sollen die Einheimischen deshalb mehr mitgenommen werden. Die norddeutsche Wortkargheit will er aber nicht als Feindseligkeit verstanden wissen. „Wir sind vielleicht ein bisschen unterkühlt. Das Social Distancing könnten wir erfunden haben“, sagt Schäfer. „Das darf aber nicht mit Unfreundlichkeit verwechselt werden. Wir teilen unsere Kräfte einfach besser ein.“

Kräfte werden die Einheimischen brauchen. Die Ostseeküste erlebt im Moment einen Ansturm, der mit dem Vorjahr wohl mithalten kann. In den Sommerferien sind an Nord- und Ostsee bereits 90 Prozent der Unterkünfte belegt. Und auch Franziska Lichtenauer berichtet davon. Sie leitet die Kurverwaltung von Mönchgut, dem kleinen Zipfel Land im Südosten von Rügen. Die acht Ortsteile lagen lange im Schatten der Seebäder Binz, ­Sellin und Göhren, obwohl der Strand dort genauso weiß und fein ist wie weiter im Norden. Das ist vorbei: In der kurzen Zeit seit Wiedereröffnung hat Lichtenauer 20 Prozent mehr Buchungen als im Vorjahreszeitraum verzeichnet. „Die Leute wollen raus“, sagt sie.

Das ist überall auf der Insel zu sehen: In Binz stauen sich die E-Bikes auf den Radwegen. Die Strandparkplätze sind schon ordentlich gefüllt. Zwar weisen Schilder auf das Abstandsgebot hin, zumindest an den Stränden halten sich die meisten allerdings ohnehin daran. „Das Ordnungsamt wird sicher nicht mit dem Zollstock kommen und die Abstände messen“, verrät Lichtenauer. Sie hat aber noch etwas anderes beobachtet: „Die Leute buchen jetzt für Zeiten, die früher keinen interessiert haben. Die Saison verschiebt sich nach hinten.“

Die Folge: Laut Tourismusverband fürchteten vor wenigen Wochen noch ­
60 Prozent der Betriebe die Pleite, jetzt geht die Zahl kontinuierlich zurück. Und noch mehr ist anders. „Wir haben mehr Gäste aus Bayern und Baden-Württemberg“, sagt Lichtenauer. „Ersturlauber“ nennt sie das in der Touristiker-Sprache, und es könnten sogar noch mehr werden, wenn demnächst die ICE-Direktverbindung von Stuttgart nach Binz startet. Fährt man mit dem Auto von Mönchgut nach Dranske, an den anderen Zipfel der Insel, ist das an den Nummernschildern schon jetzt zu erkennen. Viele Besucher aus den alten Ländern sind jetzt dabei. Die Deutschen entdecken Deutschland.

Angekommen in Dranske, bestätigt Surflehrer Florian Krämer diesen Eindruck. „Viele sind gekommen, weil sie nicht nach Italien konnten.“ Für die Surfschule Rügen-Piraten war das ein Geschenk. Denn normalerweise leben Krämer und seine Kollegen zu einem guten Teil von Klassenfahrten. Die wurden aber von den Kultusministerien verboten. Zweimal dachte Krämer, dass sie es nicht schaffen. „Irgendwann habe ich meinen Leuten gesagt, sie sollen mir nicht mehr jede Stornierung einzeln schicken, sondern Listen machen“, sagt er. „Aber so eine Liste ist auch nicht viel schöner.“

Erst die Wiedereröffnung ließ ihn Licht sehen. Auch dank der Touristen aus dem Süden hatten die Rügen-Piraten zwei Wochen Hochsaison, die es sonst eigentlich nicht gab. „Das war das vollste Pfingsten, das wir jemals hatten“, sagt er und erzählt, dass der nächste Ansturm bald kommt, wenn die ersten Sommerferien starten. Krämer jedenfalls blickt wieder zuversichtlicher nach vorn. „Die Leute wollen Wassersport machen“, sagt er, während wie zum Beweis hinter ihm auf dem Bodden eine Gruppe von Anfängern die ersten Versuche auf den Surfbrettern startet. „Die Leute wollen Spaß haben.“